Wie der Mond betreten wird

Der Mond ist ein runder Langflorteppich, eineinhalb Meter im Durchmesser, im Inneren einer in Form eines Achters, der Flugbahn der Apollo 11 nachempfundenen Sonderausstellung im Technischen Museum Wien. Krater und Rillen erscheinen, wenn jemand gegen die Streichelrichtung des Teppichs darüber schlurft. Am ersten Tag der Ausstellung ist der Teppich noch sauber, dann sammeln sich Krümel und Haare darin, von all den Stadttieren, die sich tagsüber unter den abgestellten Lokomotiven des Museums einrollen und sich nachts erst nach Sperrstunde hervortrauen. Die Schrift an den Wänden innerhalb der Flugbahn ist zu hoch, um von den Nachttieren des Museums gelesen zu werden, nur der Mond, von zwei Perlenvorhängen vom Rest der Ausstellung getrennt, ist erreichbar, der Teppich so einladend. Das blaue Licht, das die Mondoberfläche beleuchtet, ist nachts ausgeschalten. Die Tiere, die am Mond im Museum nachts schlafen, sehen die Erde nicht mehr.

Im Jahr 2019 ist es zu einem kleinen Spiel geworden, die Zuhörenden bei Erzählungen der Mondlandung zu fragen, wo sie waren, als der Mond zum ersten Mal betreten wurde. Der Mond, so wird gesagt, kann nur betreten werden, wenn man sich erinnert. Wenn sich jemand nicht erinnern kann oder rundheraus überzeugt lachend sagt, zu dieser Zeit noch gar nicht auf der Welt gewesen zu sein, dann hat die Mondlandung nicht statt gefunden. Um die Mondlandung mitzuerleben, musste man für fünfzig Jahre jeden einzelnen Tag auf der Erde miterleben: den nassen Asphalt, die Gewitter, all den Schluckauf, den dünnen Filterkaffee, die durchweinten Nächte, die geschälte Haut, die Gehaltsabrechnungen, die Einsatzwägen der Rettung, die immer um viertel Zehn vor den Nachbarhäusern erscheinen und blinken, bis man sie so sehr vergessen hat, dass der richtige Moment, hinter dem Vorhang hinab auf die Straße zu blicken und zu erkennen versuchen, wer dieses Mal dran war, vorübergeht ohne bemerkt zu werden. Im Jahr 1969 war man sich sicher, die Mondlandung wäre das allerwichtigste Ereignis der Menschheit, für immer. Dann kamen die Jahre, die Monate, die Tage, dann kamen die Knieschmerzen, die Todesfälle, die Entlassungen, das kaputte Türschloss, die Schlagzeilen, jeden Tag neue, der radioaktive Regen, die Kriege, das Internet, der Rauch, die Müdigkeit, die Sonne, jeden Tag neu, solange man sich an die Mondlandung erinnern kann.

Der Mond, der kleine Spiegel der Erde, hing schon immer am Himmel. Wie eine runde, an der Wand in Augenhöhe gewachsene Scheibe im Vorzimmer, in die man einen letzten Kontrollblick schickt, bevor man ausgeht. Was man sehen kann, kennt man: die Krater, die Alleen, Pfade der Mondbewohner, die sicherlich in Sandsteinhöhlen leben, weil die Mondoberfläche so lebensfeindlich erscheint. In dem gespiegelten Gesicht müssen dieselben Strukturen unter der Haut vorhanden sein, die man an sich selbst ertasten, aber nicht betrachten kann. Die Mulde in der Wange, die langsam größer wird, in der der Kieferknochen langsam zurückgeht, die vor Nordwindtagen schmerzt, in der war früher ein Meer: als Jugendlicher hatte man einmal eine Meeresmuschel gefunden in einem Gebirgsbach, 170 Kilometer von den letzten Blasen einer aufgeworfenen Meereswelle entfernt. Undenkbar, dass das betrachtbare, gespiegelte Gesicht aus etwas anderem besteht als aus Knochen, Schalen, Sehnen, Muskeln, Salz, Fettgewebe: undenkbar, dass dieses Gesicht, würde man es einmal mutig berühren, nicht zurückweichen, sondern starr und gläsern nach und nach den berührenden Finger abkühlen würde.

Der Mond ist ein eineinhalb Meter im Durchmesser spannender Langflorteppich, im Herzen einer kleiner Sonderausstellung zur Mondlandung im Technischen Museum Wien, neben der ein riesiges Plakat eine alte Fotografie der Station Großmarkthalle der Elektrischen zeigt, die ab 1914 zwischen Wien und Bratislava verkehrte. Das Plakat ist fast so groß wie die gesamte Ausstellung und selbst der kleinste Kopf eines ehemaligen Passanten neben dem Wagen der Elektrischen ist größer als das Stück Mondgestein, das daneben als Leihgabe des Naturhistorischen Museums ausgestellt wird. Das Mondgestein wurde großzügig verteilt, die 380 Kilogramm in Etappen auf die Erde geliefert und zerstreut: mehr als die Hälfte der verschenkten Mondsteinchen so gut verteilt, dass sie als verschollen gelten.

Der Mond, der kleine Vorzimmerspiegel, zeigt seine Meere, Mulden, Krater denen, die in ihren Händen seine kleinen Steine halten können, wie ausgehoben aus den Löchern. Die Lichter, die vor vierhundert Jahren am Mond beobachtet, notiert und den in Sandsteinhöhlen lebenden Mondbewohnern zugeschrieben wurden, sind die Reflexionen von all den 180 Tonnen Gegenständen, die im Gegenzug in der Zukunft zurückgelassen werden würden: Wägen, Geräte, Hüllen, Vogelfedern, Fotos. Beim letzten Blick in den Spiegel vor dem Ausgehen leuchtet die Straßenlaterne vor dem Fenster so verkehrt aus dem Spiegel heraus, dass man zurückgehen und kontrollieren muss, ob die Zimmerlampe tatsächlich ausgeschalten ist. Um das zu Überprüfen, schaltet man das Licht ein und wieder aus. Aus dem Spiegel blinkt es ein letztes Mal auf, bevor die Mondoberfläche in Dunkelheit versinkt: die Sandsteinhöhlenbewohner rühren sich nicht, die Tiere auf dem Teppich schlafen ein, die Gleise der Elektrischen werden abgetragen. Es wird leicht zu vergessen, dass man zur Zeit der Mondlandung nicht auf der Welt gewesen ist, auf die eine oder die andere Weise.

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Was an langen Wochenenden in meinem Büro entsteht

Das Osterwochenende ist nicht lang, wenn man sich keine zusätzlichen Urlaubstage nimmt. Am Samstag werden für zwei einkaufsfreie Tage Besorgungen erledigt, an den zwei einkaufsfreien Tagen wird aufgegessen, was herangeschafft wurde. Dazwischen wachsen die kleinen Sommerblumensprossen am Balkon, zwei Autos krachen davor ineinander, einen Block weiter wird kurz auf der Straße getanzt, eine Hochzeit. Es kommen Wolken in die Stadt und ich schlafe schlecht.

Am Dienstag gehe ich ins Büro und alles ist sonderbar still: der Bus noch leer, niemand schlägt Räder im Park, nur wenige streben dem Gebäude zu, im Stiegenhaus am lautesten der Wind von den paar Fenstern, die geöffnet wurden, um den eingeheimsten Jesus wieder herauszulassen.

Am Gang vor meinem Büro sind Stimmen zu hören, mein Schlüssel klimpert lauter. Die Stimmen kommen aus meinem Büro. Das kann ich hören, weil jedes Büro seinen eigenen Klang hat. Nebenan aus dem Professorenbüro klingen alle Geräusche und Gespräche stets nach Professorenbürogeräusche. Aus meinem Büro klingt immer alles verhalten und weich. Es muss der Unterschied sein zwischen fremden Körpern und dem eigenen, wie man alles verschieden wahr nimmt. Aus meinem Büro kommen weiche fremde Stimmen, als hätte sich ein kleines Meeting eingenistet. Der Schlüssel im Schloß ist zu laut, die Tür heult, das tut sie schon lang, sie hat das Geräusch aus meinen Fingern gezogen und kultiviert.

Kurz erwarte ich, den emeritierten Professor anzutreffen, vielleicht hat er sich Doktoranden eingeladen oder einen Kollegen. Sonst ist nie jemand in meinem Büro, der nicht zu mir kommt.

Ich öffne die Tür und sehe niemanden. Ich muss das Licht anschalten, es ist ein bewölkter Tag, ich hatte den Vorhang zugezogen, damit sich nicht schon versehentlich in meiner Abwesenheit der Sommer ins Zimmer schleicht, der alles brenzlig werden lässt.

Es ist niemand da. Mein Büro ist noch immer das Sammelsurium an Zufällen, in der Zusammenstellung, seit ich hier angefangen habe: eine Pflanze, die jetzt ein neues Blatt bekommt, über das Osterwochenende ist es 3 Millimeter gewachsen. Meine Formularmappe, mein PC. Die Box mit den riesigen gezeichneten Plänen, die manchmal zerbröseln, an den Ecken, wenn man lüftet. Das Waschbecken mit dem Spiegel, den ich ganz praktisch finde, falls ich im Büro anfange, seltsam auf mich selbst zu wirken. Sessel, Tische, eine alte Schreibmaschine, nicht alt genug, um hübsch auszusehen, aber alt genug, um ordentlich Staub und schlafende Hornissen anzusetzen. Es ist still.

Neben der Tür hängt noch immer Reinhold Messner, den der emeritierte Professor aufgehängt hat, auch er ist still. Die Kästen sind verschlossen und zittern nicht einmal auf die Weise wie sie es oft tun, wenn im angrenzenden Seminarraum etwas auf die Tafel gezeichnet wird. Die Kisten unter den Tischen und auf den Schränken, in denen Geheimnisse oder Tote liegen, stehen unverändert verschlossen herum.

Ich gehe mir die Hände auf die Toilette waschen, ich traue dem Waschbecken im Büro nicht, es wird kaum verwendet. Mir ist klar, dass es ziemlich unsinnig ist, mir die Hände zu waschen und davor und danach den dreckigen Schlüsselbund in der Hand zu halten, zu bewegen. Noch nie habe ich eine Geschichte gelesen, in der mit nassen Schlüsseln etwas aufgesperrt wird, vielleicht sperren nasse Schlüssel nicht. Ich bin vorsichtig, ich möchte nicht am Gang landen, während meine Jacke und meine Tasche eingesperrt ist mit unsichtbaren murmelnden Personen.

Mit dem trockenen Schlüssel sperre ich sacht die Tür auf, leiser als die von innen vernehmbaren weichen Stimmen. Die Tür aber heult auf, sie kann nicht anders.

Ich sehe drei Schatten unter dem hinteren Schreibtisch, auf dem die mittelalte Schreibmaschine (und eine Spielzeugschreibfeder und zwei Kaffeehäferl, die innen Staub angesetzt haben) steht, verschwinden. Es ist eindeutig Eduard Mörike, dreimal, dreimal mit Brille. Ich kenne mich nicht gut mit den Gesichtern von Menschen aus und brauche lange, um mir welche zu merken. An mir sind sehr viele Berühmtheiten schon beim Einkaufen vorbeispaziert, es fiel mir nicht auf.

Einige Gesichter gibt es allerdings, die brennen sich ins Gedächtnis, wenn man sie einmal gesehen hat, sodass man sie fortan überall wiedererkennt: auf den Fotografien von Kurzkopffröschen, auf Reisetaschen, Häuserfassaden, im Kartoffelpürree, im Spiegel. Überall das Gesicht von Eduard Mörike, manchmal mit, manchmal ohne Brille.

Was soll ich sagen, es ist in Ordnung. Unter dem anderen Tisch liegen die Toten und die Scherben, liegt eine eingerollte, alte Schreibtischlampe, liegt ein halb umgeschlagener Plastiksack, in den ich nach neun Jahren immer noch nicht reingesehen habe. Jetzt halt auch noch dreimal Eduard Mörike. Ich werde mich räuspern, bevor ich die Tür aufsperre, ich werde die Pflanze, nachdem ich sie kurz unter den Wasserhahn am Waschbecken gehalten habe, wieder ganz sacht zurückstellen auf den Tisch. Ich werde Eduard Mörike nicht wecken, wenn er vielleicht gerade schläft.

Woran man merkt, dass der Frühling kommt

Am Balkon taut mein Aschenbecher und verschluckt alle Stummel, die ich in das Eis gesteckt hatte, wochenlang. Auf meinem kleinen Ipod erscheinen K-Pop-Lieder, mindestens zwei Saisonen alt, die ich niemals raufgeladen habe. Eichhörnchen laufen erst dann scheu davon, wenn sie einem am Weg ins Büro die Brille abgenommen und probeweise kurz getragen haben, die Brille bleibt allein liegen auf der feuchten Erde, aus der noch keine Blumen kommen. Die Luft ist dick wie ein Butterblock, man kann seinen Schlüssel auf Augenhöhe hineinlegen, er fällt nicht zu Boden. Die Vögel stehlen ihn, die kleinen, die man nur am lauten Geschrei und den glitzernden Schlüsselringen erkennt. Die Winterkrähen verlieren ihr Dämmerungsfell und fliegen in weißen Gruppen durch den Himmel, stumm, damit man sie nicht mehr von den Wolken unterscheiden kann.

In den Möbelhäusern, Baumärkten und im Lebensmittelhandel versammeln sich Scharen von Hasen. In ihren kleinen Pfoten halten sie Blumen, Eier, Herzen, andere Hasen, Geschenkbeutel, Schafe, manche tragen sehr schwer. Jedes Jahr sind es neue Hasen, sie kennen sich nicht aus. Jemand muss ihnen aber, sobald der Frühling kommt, flüstern, dass sie nichts und niemandem etwas schuldig sind, dass sie keine Opfer bringen und niemandem die Aufwartung machen müssen. Sie können ihre Pfoten senken, sie können ihre Mitbringsel verstauen, sie können die Eier heimlich unter die Regale kullern lassen. Und sie werden verschwinden, einer nach dem anderen, bis kein Hase in der ganzen Stadt mehr aufzufinden ist, weil sie niemandem etwas schuldig sind.

Wo die ersten Städte in der Steiermark entstehen

Ich war heute im Museum für Geschichte in Graz und mir sind dort sehr viele Fragen begegnet. Eine habe ich aufgegriffen und beantwortet:

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Viele Städte sind aufgebaut wie Obst: sie besitzen eine historisch gewachsene Außenwelt, ihren Baum, eine von Menschenhand zusammengenähte Schale, die sich manchmal nur noch in einzelnen Fetzen, die von Fenstern und Wäscheleinen herunterwinken, erkennen lässt, sie besitzen Kerne. Schon früh habe ich von einem der größten Mysterien Österreichs gehört und noch ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht darüber nachdenke: es handelt sich um das Kreuz in der Nuss. (siehe z.B. Sage vom Erzberg)

Bei dem Kreuz in der Nuss handelt es sich um eine Art der Kunst wie Geister Menschen demütigen. Egal, was Menschen gegenüber Geistern als Wünsche kundtun oder tun, egal, wovon sie sprechen, alle Geistern können ihnen, bevor sie für immer verschwinden, noch zuflüstern: Warum hast du nicht nach dem Kreuz in der Nuss gefragt. Wassermänner flüsterten es, Berggeister flüsterten es, ich flüstere es gerne, wenn ich mit jemandem im Bett liege und derjenige bereits eingeschlafen ist und ich noch voller Geheimnisse, die es zu erzählen gibt: Warum nur hast du mich nicht nach dem Kreuz in der Nuss gefragt.

Aus solchen Nüssen, stelle ich mir vor, entstehen die ersten Städte der Steiermark. Aus den weichen Innentaschen der Walnüsse, aus den hohlen Herzen der Haselnusskerne, aus der allobservierenden Kastanie, die, tief aus dem feuchten Herbstlaub heraus, versteckt vor den gierigen Sammlerfingern, herausschaut und auf ihrem Gesicht versucht die Mondoberfläche so abzubilden, wie sie sich an sie von früh her erinnert. Lange müssen die steirischen Stadtnüsse nicht auf der Erde liegen: es regnet, es nebelt, es geht kaum ein Wind: zwei Beine bohren sich aus der Nussschale, der Schnabel pickt von innen ein Loch, er wird später einen Stadtturm stellen mit Ziffernblättern in den Nüstern, durch die die Zeit hindurchbraust. Zwei Sommer dauert es, bis diese ersten Stadtpflanzen, hervorgebrochen aus den Kernen, wiederum Früchte tragen, die, eine Weile müde am Boden gelegen, ohne viel Elan den Krähenschnäbeln und Eichhörnchenpfoten ausgewichen, schließlich aufbrechen, meist an den Stellen, an denen sich die Attribute die Nischenheiligen forsch an die Schale gedrängt haben: die Sterne einer Muttergottes drängen als Kopfkamm eines neuen Bürgerhauses, das Jesusgewehr des heiligen Nepomuk als Flügelspitze einer frischen, noch ganz verklebt vom Öl im Nusskern.

Aber machen ein Ziffernblatt, zehn Heiligennischen, ein Erkerfenster und der Spazierstock des ersten, neugierigen Mannes, der gleich der Einfachheithalber zum Bürgermeister erklärt wird, weil alle, die ihm nachfolgen, noch tagelang damit beschäftigt sein werden, die einzelnen Winkelgänge ihrer Nusshäuser zu erkunden, die Pfeile eines heiligen Sebastians nachjustieren und all die plötzlich sprießenden Wetterhähne vom Nussöl sauberpolieren müssen, denn schon eine ganze Stadt aus? Und zittern und winden sich unter den neu ausgerollten Bürgersteigen, unter den noch ganz unbeholfen im Wind baumelnden Ampelanlagen und den noch gänzlich unbeklebten Litfasssäulen nicht noch einige Nüsse und sind nur sanft als Erschütterung einer Straßenbahn, die es drei Jahrzehnte noch nicht geben wird, von den Fußsohlen der ersten Bewohnerinnen dieser vielleicht ersten Städte der Steiermark wahrnehmbar?

Wieviele Spazierstöcke, wieviele Heiligennischen, wieviele aufgebrochene Nüsse und am Ende doch verwelkte Arme von Krankenhäusern, vor der Blüte vertrocknete Kinderkarusselle braucht ein Ort, um zu einer Stadt zu werden? Ob die Kinder dieser vielleicht ersten Stadt nicht immer auch erst auf die Geister der ersten Nüsse treffen müssen, die ihnen gestellten Fragen ein bisschen unbeholfen, aber noch mit unverbrauchtem Mut beantworten, die geforderten Wünsche kundgeben und dann, mit den Händen voller Silbermünzen und einer nachwachsenden Feder auf einem Hut, der einen mit nur einem Wimpernschlag gleich zwanzig Meilen weiterträgt und am Ende doch auch immer öfter Platzreservierungen erfordert und Hutwärterhäuschen und laut in die Berge klingende Signalanlagen, weil sonst die sich weiterwünschenden Hutträgerinnen versehentlich auf den Schultern von jemandem landen, der diesen Platz schon besetzt und sie abschüttelt wie ein Walnussbaum im Herbst? Werden sie dann, die Hände voll, den Kopf behütet, sich zufrieden wieder von den Geistern entfernen und wird dann nicht der Geist ihnen leise hinterher murmeln: Aber nach dem Kreuz in der Nuss hast du nicht gefragt, natürlich nicht, und wird dieses Gemurmel nicht schon in den Rufen am Marktplatz, im Hupen der Taxifahrer, im Schreien eines headsettragenden jungen Mannes, der verzweifelt versucht, die Geschichte von Rumpelstilzchen nachzuerzählen, ohne nicht gleich am Anfang den richtigen Namen zu verraten, untergehen und die Kinder dieser Stadt, die eine in dem Moment geworden ist, in dem das Flüstern des Geistes untergegangen ist und kein Kreuz in der Nuss ihnen mehr nachhängt?

Manch eine Erklärung gibt es für dieses Kreuz in der Nuss und wäre ich gezwungen, die zum heutigen Tage für mich glaubwürdigste Wahrheit aufzuschreiben, ich würde schreiben: Das Kreuz in der Nuss referiert auf das Ortungssystem, das Eichhörnchen für sich entwickelt haben, um von ihnen vergrabene Nüsse Monate später wieder aufzufinden. Kein Eichhörnchen dieser Welt hüpft desorientiert durch den Wald und gräbt vergeblich, denn wo die Füße der Hörnchen den Boden berühren und die Nuss nah ist, glüht ihnen das Kreuz darin auf. Wie Reliquien leuchten diese Nüsse dann durch das Erdwerk, je näher und großpfotiger das Eichhörnchen, desto heller.

Die Geister denken nicht von uns, wir wären Eichhörnchen, aber sie wissen wohl, dass wir auch sehr Vieles vergraben: das Wertvollste und das Unheimlichste, das uns Verhassteste und das Peinlichste. Wir schieben es unter die Kopfpölster auf denen wir den Geistern begegnen, die uns nachflüstern, als letzte Traumerinnerung, die wir fälschlicherweise auf einen in den Traum eingedrungenen Weckerton identifzieren, warum wir nicht nach dem Kreuz in der Nuss gefragt haben. Warum wir nicht gefragt haben, wo unsere Nüsse liegen, mit den leuchtenden Kreuzen, mit den Kernen, aus denen alles irgendwann einmal hervorbricht, aus denen die Wände und die Türklinken und Lavalampen und Schnürsenkel und Kaffeemaschinen gewachsen sind, die uns umgeben. Wo die vergrabenen Nüsse liegen, entstehen die ersten Städte, wachsen und schütteln ihre Früchte ab, die wiederum vergraben, schwach Kreuze leuchten unter unseren Schritten, nicht wahrnehmbar für die, die nicht danach gefragt haben.

Woraus die Vergangenheit entsteht

Ich bin an dem Tag geboren, an dem mich Marianne mitnimmt zu ihrem Onkel, der neben der Schnellbahn wohnt. Wo er wohnt, stehen in Kleingärten Kleinhäuser neben heißen, großen, scharfkantigen Steinen in Gleisbetten, die nach Blut riechen, aber nur, solange die Sonne darauf scheint. Manche Kleinhäuser sind ausgebaut, aber noch lange keine Großhäuser, aber hinter ihnen stehen aufgestellt Schwimmbecken und Sandmuscheln und Bäume, die Wäscheleinen tragen, auf denen T-Shirts flattern, die nach Blut riechen, aber nur, solange die Sonne darauf scheint.

Mariannes Onkel hat kein Schwimmbecken und Mariannes Spielzeug im Garten vom Onkel ist das anderer Kinder. Mariannes Onkel hat keinen Namen und existiert auch nicht recht, Marianne hat keine Tante, der Onkel ist aus dem Nichts erstanden, aber eine Hand hat er, die Schillinge abzählen kann, die Marianne und ich dann zur kleinen Hütte, die am Eingang zur Siedlung steht, tragen, eine Hütte mit kleinem Garten, aber keinem Schwimmbecken, keiner Sandmuschel, sondern drei Bierbänken und einer Eistruhe, die nach Blut riecht, wenn die Sonne zu lange darauf scheint.

Marianne nimmt mich mit zu ihrem Onkel, weil sie weiß, dass es ein Tag aus der Zukunft sein wird, an den ich mich erinnere, der in mir entsteht, weil ich vorbeifahre an den Siedlungen, in denen Marianne ihren Onkel besuchen geht und mich mitnimmt, ein Tag, an dem wir seine Schillinge entlang von Bahngleisen tragen und man lässt mich von Marianne mitnehmen zu ihrem Onkel, weil man an den Onkel glaubt: es gibt einen Onkel, der holt sie ab von der Bahnstation, die da direkt vor der Schranke der Kleingartensiedlung steht, die nach Blut riecht, wenn die Sonne zu lange darauf scheint.

Das Einzige, was außer den Händen des Onkels vom Onkel noch in Erscheinung tritt sind zwei abgerissene Kinderfüße, die, am gegenüberliegenden Gleisrand sich in jeder alten Zeitung, in jedem Plastiksack, in jedem tatsächlich nachlässig hingeworfenem Erwachsenenschuh abzeichnen, wir stoßen uns Ellbogen in die Oberarme gegenseitig und sagen: da, das sind sie. Es sind die abgerissenen Kinderfüße des kleinen Peter, der am runden Schranken des Bahnüberganges, der hinter dem Eingang zur Kleingartenkolonie liegt, Räder geschlagen hat, am Schranken geturnt hat, als wäre es ein Reck oder eine Teppichstange, der, kopfüber hängend, die Geschwindigkeit der Schnellbahn unterschätzt und seine Fähigkeit, die Knie abzuwinkeln beim Zurückschwingen in die aufrechte Position überschätzt, der nicht schnell genug war, dessen Füße in den Turnschuhen mit den Klettverschlüssen von der Schnellbahn abgerissen und auf die andere Seite geschupft worden waren. Wie die Peterfüße in den Schuhen auf die andere Seite gefallen sind, während der fußlose Peter auf der einen auf den Boden plumpste und schon ohnmächtig war, bevor er schreien konnte, erzählt der Onkel in Sätzen, die sich in der Zeit ausdehnen, die auf die andere Seite der Bahn fallen, die dreißig Jahre überleben, als leere Trinkbecher, als weggeworfene Taschen, als ausgefranste Weinkartons, die neben den Schienen liegen und in denen wir die Füße in den Schuhen vom Peter erkennen zu glauben, weil sie niemals skelettieren.

Was auch niemals skelettiert, ist das Eis, das wir an der Hütte, die am Eingang zur Siedlung steht, nicht kaufen, wir behalten die 5 Schilling, wir halten sie solange in unseren Händen, bis sie nach Blut riechen und schauen hinüber auf die andere Seite der Gleise, wo ein Packen alter Zeitungen liegt, die auch die Füße vom Peter sein könnten und wenn sie lange genug in der Sonne liegen, riechen sie nach Blut.

Die fünf Schillinge lösen sich auf wie meine Großmutter, die mir, bevor sie tot ist, eine einzige Geschichte erzählt: die Geschichte von Karin, die drei Tage vor Weihnachten im Vorgarten ihrer Eltern einen Schneemann baut, dann aber keine Arme, Augen und Nase findet und sich, auf ihrer Suche nach den Schneemannattributen immer weiter vom Haus entfernt, die Straße überquert, überfahren wird und fünf Stunden später erst von ihrer Mutter gefunden. Sie erzählt die Entfernung Karins vom Elternhaus so langsam und betont wie Mariannes Onkel die Füße von Peter in seinen Schuhen, die im Bogen über die dahinrasende Schnellbahn auf die andere Seite der Gleise fliegen, gleich, denke ich, müssen wir losgehen und Karin suchen, die an einem Dezembernachmittag verloren gegangen ist und überfahren im Schnee liegt und wir werden sie in allem erkennen, aber meine Großmutter legt, nachdem Karin tot ist, die Tageszeitung nieder, aus der sie diese Geschichte vorgelesen hat, es ist Mai und bald darauf ist auch sie tot.

Es ist leicht, mir im Mai eine Geschichte aus der Zeitung vorzulesen, in der ein Kind in der Vorweihnachtszeit verloren geht. Noch leichter ist es aber, mit der Schnellbahn nach Norden über die Station Floridsdorf hinauszufahren: dort überall wohnen Onkel von Freundinnen in den kleinen Häusern neben den Ausläufern der Gleisbettsteine, die, wenn die Sonne lang genug darauf geschienen hat, nach Blut riechen und in den Zufahrtswegen, die staubig und steinig sich in die Kindersandalen der Vergangenheit drängen, sind noch die Fußspuren zu erkennen: von zwei kleinen Mädchen, zu jung, um lesen zu können, zu jung, um diese Kleingartenkolonie der Onkel zu verstehen, aber alt genug, um zu wissen, dass wir die Schuhe vom Peter nicht eindeutig erkennen müssen, alt genug, um zu wissen, warum alles, von dem wir erzählt bekommen, nach Blut riecht, wenn die Sonne länger darauf scheint.

Wie man sich Schimmel heranzüchtet

Mit Brot und Zucker kann man ganze Welten erschaffen. Eigentlich ist es dasselbe, sagt Herr B., der Biologielehrer und teilt abgerissene Stücke eines Brotlaibs aus mit seinen bloßen Händen. Manche Schüler halten die Hand auf, anderen legt er das Brotstück auf die abgeschliffene Schutzhülle des Biologiebuches. Kaut es zehn Minuten lang, sagt Herr B., und schaut, wie es süß wird in eurem Mund, worauf in der ersten Reihe Mario plärrt: Herr Lehrer, ich habs verschluckt.

Ich habe genug Brot in meinem Leben gegessen um zu wissen, dass es nicht zu Zucker wird, dass es niemals süß wird, dass es nur beginnt, nach den verlorenen Alpträumen der Mundhöhle zu schmecken, wenn man es lange, sacht im Mund herumträgt. Mein anderes Experiment, das bei weitem interessantere, ist so weit gediegen, dass es aus meinen Schreibtischschubladen zuhause manchmal leise wiehert. Ich stecke das Stück Brot schnell hinter den Heizkörper, während Herrn B.s Rücken das restliche Brot zu Mario in der ersten Reihe bringt.

Zu Brot und Zucker sollte man Wasser hinzufügen, man kann es aber auch voraussetzen. In einem Raum, in dem sich 28 Schüler täglich mehrere Stunden lang aufhalten und die Fenster geschlossen bleiben, seit Kerstin Tabithas Pager während einer Geschichtsstunde, in der kurze Videosequenzen aus der Zeit der Errichtung der Großen Druckerpresse gezeigt wurden, geschnappt und rausgeworfen hatte, worauf unten im Schulhof später eine bewusstlose Amsel neben dem zerbrochenen Pager gefunden wurde, kondensiert sich ohnehin eine große Menge davon. Es rinnt an den Scheiben über die Fensterbänke hinter die Heizkörper und während in den Pausen einige Schüler ihre Finger an den Scheiben befeuchten um an der Tafel Glücksrad zu spielen, nachdem die Lehrerinnen die Kreide beim Pausenläuten nun jedes Mal sorgsam einpacken, weil sich so eine Geschichte wie die mit Julius nicht mehr wiederholen sollte, zumindest, solange Julius aus dem Krankenhaus nicht wieder zum Unterricht erschienen ist, schaue ich den Tropfen zu, wie sie hinunterlaufen, in die Kehle meines zukünftigen Schimmels. Es ist verboten, Tiere in das Schulgebäude mitzunehmen, aber ich habe nichts mitgebracht, ich sitze nur hier und warte, während an der Tafel die Buchstaben so schnell trocknen, dass sie von den mitspielenden Schülerinnen mehrfach gekauft werden müssen.

Aus meinem Schreibtisch im Kinderzimmer staubt es, besonders wenn man die Schubladen zu schnell öffnet. Das sind die alten Wurstbrote, die nun über angeknabberte Schnellhefter und ausgeklebte Stickerbögen galoppieren. Ich muss die Schubladen schnell schließen, bevor eines auskommt und sich irgendwo in der Wohnung versteckt. Solange das Experiment in der Anfangsphase ist, sollten sie nicht über die Größe hinauswachsen, in der ihre Ohrenspitzen den Boden der darüberliegenden Schublade berührt. Nachts schlafen sie. Am Balkon sterben Taubenküken und manchmal denke ich, es ist, weil sie das Brot nicht lange genug im Schnabel gehalten haben, bis es in der dunklen Kathedrale dieses Vogeleingangs kleine Lebenssprossen herausbilden konnte, die zu Hufen, Nüstern und bunten Bändern in einer weißen Mähne wuchsen. Das hätte ihnen vielleicht die Lebensenergie bewahrt.

Manchmal vergisst man die Wochenenden und im Bankfach bleibt das Buch liegen, das man zum Lernen für die Schularbeit am Montag benötigt hätte, oder der Gameboy. Ein ganzes Wochenende musste ich mit Zähnen verbringen, die so frei waren, dass ich nachts davon träumte, ohne Aussicht auf ein Ufer durch einen glitzernden See zu schwimmen und das einzige, was mich oben hielt, waren allerhand Hundestirnen, die meine Fußsohlen immer wieder nach oben schubsten, denn mit den Füßen tief unter der Wasseroberfläche schwimmt man nicht, sagt Frau V. die Turnlehrerin, so schwimmen nur Enten, die das können, weil sie kleine Flugzeugträger sind mit einem Bauch voller Luft. Meine Zahnspange war am Montag noch immer im Bankfach und roch leicht nach Humidor. Am Montag ragt ein großer, weißer Pferdekopf aus dem Heizkörper hervor und er macht keinen glücklichen Eindruck. Der Schulwart wird gerufen, aber er verlässt das Klassenzimmer sehr schnell wieder um die Feuerwehr anzurufen und um nach einer halben Stunde, als John, wie wir es genannt haben, schon in einer Schachtel hinten im Regal liegt, weil Herr B. für eine neue Präparation erst den Spiritus beim Landesschulrat beantragen muss, mit einer dicken, weißlichen Karotte in der Hand zurückzukehren. Er wird später gedankenverloren selbst daran kauen, während Herr B. sich seufzend darüber auslässt, dass der Spiritusantrag immer besonders lang dauert, aber er sicher selbst das Zeug nicht besorgen würde, dass sich die Schule eben selbst an der Nase nehmen solle, wenn, seit der Fledermaus, die in einem löchrigen Medizinball eingeschlafen war und von jemandem aufgeweckt wurde, der in seiner Turnhose wohl sehr laut schrie aber nun nach einem erfüllten Leben als Druckerpressendirektor und Vater von Drillingen, die alle in ihrer Berufslaufbahn einen gewissen Hang zur Floristik erkennen lassen hatten, schon gute 30 Jahre tot war, nichts mehr präpariert wurde.

Die Feuerwehr ist so schnell da, als würde das Gebäude in Flammen stehen. Wir aber wissen nicht, ob John jemals Geräusche von sich geben hatte können, denn an diesem Montag bereits ist er schon sehr müde und still. Sein Kopf ist doppelt so groß wie sein Körper und seine Hufe spitz und eiskalt. Am abmontierten Heizkörper kann man auf der Rückseite die Kratzspuren entdecken und auch eingetrocknetes Blut. Das ist schade, sagt eine Feuerwehrfrau, wirklich schade, ich habe selbst einen Pflegeschimmel am Land, es sind die treusten, freundlichsten Geschöpfe. Wenn man sie richtig auswachsen lässt, laufen sie schneller als all die anderen. Sie hält John in ihren Armen, während er das erste Mal so richtig tief Luft holen kann, aber dabei reißt etwas in seinem Inneren wohl und die Feuerwehrfrau kann bald keinen Puls mehr finden.

Herr B. hält an diesem Tag für die restliche Schulstunde keinen normalen Unterricht mehr, sondern steht vor der Tafel, an der die Stapel der mehrfach eingekauften Buchstaben nicht mehr zu erkennen sind und seine Stimme hat durchaus etwas so Donnerndes, wie es der Situation angemessen ist. Man macht keine Experimente mit Lebewesen, wenn man kein Experte ist, sagt er und schaut in einem kontrollierten Halbkreis von links nach rechts um den Eindruck zu erwecken, er hätte uns allen in die Seele geblickt. Man macht keine Experimente, denn es kann so viel schiefgehen und John, sagt er, während er nach hinten aufs Regal deutet, John ist das letzte Lebewesen, das so ein missglücktes Experiment verdient gehabt hätte. Es würden, sagt er weiter, wohl demnächst die Heizkörper verbaut werden, aber bis dahin appelliert er an unsere Vernunft.

John wird das erste und das letzte selbstkonservierte Präparat meiner alten Schule. Der Spiritus wird am selben Tag geliefert, an dem auch Julius das erste Mal nach so langer Zeit wieder am Unterricht teilnehmen darf. Er sitzt in der ersten Reihe, wo auf uns, die wir hinter ihm sitzen, der helle Schimmer seines neuerdings weißen Haares fällt und hat einen der besten Blicke auf die Präparation von John, dessen Augen mittlerweile sehr eingefallen sind und dessen Beine sich, als wäre er sehr schüchtern, zu einem kleinen Strauß zusammengezogen haben. In der Pause lässt er sich von uns erzählen, wie wir John gefunden haben, seine Augen feucht, weil er es so schade findet, es verpasst zu haben, wenn endlich mal etwas passiert.

Wie man als Kind einer Allegorie aufwächst

Einem Kind bleiben Stillleben ihrer Eltern im Gedächtnis erhalten, weil die Eltern jeden Tag dieselben Dinge tun, während das Kind jeden Tag wächst. Es bewegt sich um die Eltern, die nahezu unbewegt an einer stark befahrenen Kreuzung stehen, den Mund verziehend, angeleuchtet von den verschiedenen Jahreszeiten. Das Kind einer Allegorie wird sich daran erinnern, wie sie in der Küchentür stand, ihre Attribute in der Hand.

Das Kind der Allegorie geht hungrig zur Schule, denn die Mutter hält das mit Butter bestrichene Brot so hoch, dass das Kind jeden Morgen versucht hüpfend das Brot mit den Fingerspitzen zu erreichen, aber es doch nicht schafft. Es wächst, die Distanz zum Brot verringert sich, aber die Allegorie hält die Scheibe immer höher. Das Kind hat nicht viele Freunde in der Schule, es ist nicht echt, sagen die anderen, es schimmert so durchsichtig, wir wollen nicht mit ihm spielen. Niemand teilt seine Jause mit ihm, nur der Mann im Schulbuffet steckt ihm manchmal etwas zu.

Im Unterricht drehen sich die anderen oft zum Kind um und versuchen, Scherze über seine Mutter zu machen. Die Bilder in den Schulbüchern, auf die sie dabei deuten, zeigen Frauen, die Grabkränze, Schraubenzieher oder Schnupftabakdosen in die Luft. Das Kind hat aufgehört, hinzusehen, es sind alles keine echten Allegorien.

Das Kind trottet an den Hecken entlang nach Hause, ein Schlüssel baumelt schon an der Hand. Aber zwei Männer stehen vor der Wohnungstür, sie halten der Mutter ein Formular auf einem Klemmbrett mit Stift zum Unterschreiben hin, aber die Mutter kann nicht, sie muss die Waage halten und selbst, wenn sie die rechte Hand frei hätte, so würde sie nicht sehen, wo es zu unterschreiben gilt, denn ihre Augen sind verbunden.

Die Männer betreten die Wohnung vor dem Kind, es nimmt seinen Ranzen nicht ab, läuft den zweien hinterher. In der Hand halten sie nun Etikettenbögen, von denen sie Aufkleber abziehen, auf ihnen ist überall dieselbe Silhouette einer Frau, die einen Vogelkäfig trägt, abgebildet. Diese Aufkleber streichen sie auf all die Objekte, die sie im Haushalt der Allegorie finden, die ihnen wertvoll erscheinen: das Butterbrot, eine Sichel, die kleine hellgraue Katze, ein Stundenglas, die Tortenform, eine Schalmei, ein Weinstock, die Fernbedienung eines verlorengegangenen Spielzeugjeeps, den Dreizack und eine Sektflöte. Hintendrein läuft die Allegorie, aber nicht schnell genug, sie stößt an die Türstöcke, ihre Waagschalen klirren.

Das Kind wird sich erinnern, wie die Allegorie in der Küchentür stand, die Augenbinde mit dunklen Flecken, das Kind muss sich erinnern an die Telefonnummer des Reiterstandbildes, eine Nummer, die nur selten gewählt wird, meistens, wenn die Allegorie, an einer Hand das Kind, an der anderen den riesigen, gelben Plüschelefanten, aus der Tür zu stürmen versucht. Sie wird für immer dort stehen, Kind und Elefant an ihren Seiten, während sich das Kind aus dem Attribut zu lösen versucht und auf den Platz geht. Unter dem Bauch des bronzenen Pferdes ist es trocken, man kann sich an die Beine lehnen und falls die Kleidung des Kindes am Rücken davon schmutzig würde, so wäre es am nächsten Tag in der Schule vielleicht nicht mehr so durchsichtig.