Warum Milchtanklaster die Gespenster der Stadt sind

In der Nacht fahren weniger Kraftfahrzeuge durch die Straßen der Stadt, sie fallen aber mehr auf. In ihnen sitzen keine Menschen mehr, denn die Menschen schlafen in den dunklen Fenstern der Häuser. Auf jedes erleuchtete Fenster kommen vierundzwanzig dunkle Fenster und hinter den erleuchteten Fenstern schlafen die Menschen oft und wenn sie wach sind, denken sie nicht an den Straßenverkehr. Trotzdem fahren Milchtanklaster durch die Stadt. LKW-Köpfe mit silbernen, langen Körpern, die in gleichmäßiger Geschwindigkeit die Hauptverkehrsadern der Stadt durchziehen. Auf jeden durchfahrenden, silbernen Milchlaster kommen fünftausenddreihunderteinundvierzig schlafende Menschen, die meisten hinter dunklen Fenstern. Die Milchtanks blinken im Licht der Straßenlaternen und transportieren Tausende Liter von Milch durch die Stadt. Wenn sie vor einer roten Ampel, von denen es nachts weniger gibt als tagsüber, bremsen, schwappt die Milch im Tank, denn die meisten der Milchtanklaster sind nicht vollständig gefüllt.

Nachts schlafen auch die Kühe. Die meisten ohne Fenster, sie kennen die Städte nicht. Sie kennen den Milchtanklaster. Auf einen Milchtanklaster, der nachts durch die Stadt fährt, kommen vierhundersechsunddreißig Kühe. Die meisten schlafen. Auf eine schlafende Kuh kommen zwölf Menschen, aber einer ist aufgewacht, schlurft aufs Klo, sieht kurz aus dem Küchenfenster auf die Hauptverkehrsader hinaus und bezweifelt, dass hinter den vorbeifahrenden Scheinwerfern Menschen sitzen. Der Milchtanklaster fährt allein durch die Stadt, angetrieben nur von der Vergangenheit der schlafenden Kühe, die nicht wissen, dass es ein Morgen gibt. Auch die elf Menschen ahnen es nicht, der zwölfte legt sich wieder hin und weiß, dass es bis zur Amselzeit weder Menschen noch Kühe in der Welt gibt. Währenddessen fährt der Milchtanklaster durch eine halbdunkle Stadt und der Tank glänzt im Licht der Straßenlaternen.

Wenn die Sonne wieder aufgeht, hellen sich die Fenster von selber auf. Die Kühe sind der Stadt fern und hinter den Lenkrädern der Autos sitzen wieder Menschen. Auf vierzehn schlafende Menschen kommt nun ein Milchtanklaster, der sich zwischen all die anderen Personenkraftfahrzeuge und LKWs einreiht, in seinem Tank spiegelt sich die Stadt. Menschen gehen vorbei, Hunde werden ausgeführt und wenn man genau hinsähe, so könnte man sehen, wie sie sich im Tank spiegeln, meint man. Aber sie spiegeln sich darin nicht, denn der Milchtanklaster kommt aus der nächtlichen Stadt, in der es keine Menschen gibt und in der keine Kühe schlafen.

Auf einen durch die Stadt fahrenden Milchtanklaster kommen dreizehn schlafende Menschen und einen, der gerade aufgestanden ist und sich Milch in den Kaffee schenkt. Diese Milch wird in LKWs angeliefert, die voller Paletten mit eingeschweißten Milchpäckchen sind. Diese Milch kommt aus einer rechteckigen Welt, in der sich keine Straßenlaternen gespiegelt haben. Die Kühe sind wach und werden oft gemolken, ihre Milch wird in Milchtanklastern in die Abfüllungsbetriebe gefahren. Sie wissen nicht, dass diese Milchtanklaster durch die Stadt fahren, durch die Nacht und als Fahrzeuge, in deren silbernen Überzug sich keine Menschen je spiegeln können, auch durch den Tag. Die Menschen wissen nicht, dass die Milchtanklaster so oft durch die Nacht fahren, denn sie schlafen, und wenn sie es nicht tun, sehen sie kaum aus den Fenstern hinaus auf die Straßen. Niemand weiß, warum die Milchtanklaster überhaupt durch die Stadt fahren, denn die Milch der Stadt wird in Milchpackungen auf Paletten früh am Morgen angeliefert.

Wie man früher in Wien mit dem Weltall Umgang pflegte

Wien war bereits sehr früh ein wichtiger Knotenpunkt im Weltall. Es begann damit, dass Johann Jakob Marinoni, der am kaiserlichen Hof angestellt war, um Linien zu zeichnen, und abends gerne auf seinem Balcon saß und die Sterne beobachtete, denn wie er sagte „den ganzen Tag nur Linien, da wird man ja ganz gestreift, da brauch ich abends meine Punkterl zum herunterkommen“, allerlei Gerätschaften in seiner Wohnung anhäufte, um auf dem Dach des Hauses, in dem er wohnte, geheim eine Sternwarte zu bauen. Natürlich war das Wort „Sternwarte“ damals noch nicht bekannt, er nannte das Vorhaben in seinen Aufzeichnungen „Punkte-Guckkasten“.

In seiner Wohnung häuften sich alsbald Milchkannen, abgetragene Monokel, Gehstöcke, Bleistiftspitzspiralen, Kunstblumen und Bleikristallvasen an. Er saß nun tagtäglich vor dem Sammelsurium wie ein Kind vor einem Tangramspiel und versuchte die richtige Anordnung der Dinge zu erreichen. Immer, wenn er glaubte, er hätte es gerade geschafft, band er die Anordnung zusammen und trug sie die schmale Wendeltreppe hinauf aufs Dach um zu überprüfen, ob sie funktionierte. Manchmal glaubte er den Mond ein Stück größer zu sehen, aber sobald er die Monokel auch nur einen Millimeter verdrehte, verschwamm ihm alles vor den Augen und er konnte nicht einmal mehr den Mars erkennen.

Eines Abends aber saß er gerade zwischen den Milchkannen auf seinem Dach und schaute durch seinen neu angeordneten Punkte-Guckkasten, da sah er den Mond so nah vor sich stehen, dass es ihm richtig in der Nase weh tat. Er erschrak freudig und zwar so sehr, dass er die nächsten 35 Minuten nichts anderes tat als auf die Mondoberfläche zu starren. Er hätte wohl weiter gestarrt, wäre der Mond nicht aus seinem Blick gerollt. Da erst schaute er aus dem Guckkasten hervor und erschrak, diesmal aber bitterlich: der Mond war tatsächlich so nah, außerdem wurde er gerade am Fuße seines Wohnhauses durch die Straße gerollt.

Hinter dem Mond gingen johlende Männer mit Zylinderhüten. Als aber der Mond an Marinonis Haus vorbeigerollt war und an einem parkenden Fuhrwerke hängen blieb, da hörten sie zu johlen auf und begannen zu zetern. Marinoni nützte die Gelegenheit, schnappte sich eine Milchkanne und lief hinunter auf die Straße.

Zwölf Minuten später hatte er einen der zeternden Männer in ein Gespräch verwickelt und es stellte sich heraus, dass es erstens der Mondvater war, der ganz allein innerhalb einer Woche diesen Mond aus Pappmaché und Schellack gebaut hatte und zweitens eigentlich sogar ein Kollege war, denn auch der Mondvater saß tagsüber in einem Büro und zeichnete Linien. Er stellte sich als Josef Riedl von Leuenstern vor. Riedl von Leuenstern, den Marinoni sehr um den Stern in seinem Namen beneidete und Marinoni mussten noch lange hinter dem Mond stehen, denn erst spät wurde der Besitzer des Pferdefuhrwerkes ausgemacht, dieser lief mit Petroleumlampe und Nachtmütze murrend in die Centralpferdeschlafstelle, um dann mithilfe des jüngsten Pferdes den Wagen umzuparken. Dann erst konnte der Mond weitergerollt werden.

„Ich habe einen Punkte-Guckkasten gebaut“, schrie Marinoni gegen den Krach des am Asphalt kratzenden Schelllackmondes an. Er wedelte wild mit der Hand, die die Milchkanne trug, doch ihr Scheppern verhallte still im Mondlärm.
„Voll super“, schrie Riedl von Leuenstern. „Kann man damit auch die Außerirdischen sehen?“

Marinoni schwieg beschämt und erst als sie den Mond um die Straßenecke gerollt hatten, rief er: „Und, Leuenstern, was machst du mit dem großen Mond?“
„Ich zeig ihn den Leuten, wegen der Volksbildung“, schrie Riedl von Leuenstern.

Tatsächlich öffneten sich in jeder Gasse, durch die sie mit ihrem Mond gerollt kamen, alle Fensterläder und verschlafene Gesichter streckten sich heraus. Sie rollten allerdings nicht allzuweit, denn nur drei Gassen von Marinonis Wohnung geschah ein Missgeschick. Ein neugieriger Anwohner, der sich noch mit der Petroleumlampe in der Hand aus dem Fenster beugte, war so begeistert über diese Mondkugel, dass er nicht umhin konnte, kräftig mit den Händen zu klatschen. Die Petroleumlampe aber fiel ihm aus der Hand, landete auf dem Mond und mit lautem Zischen schmolz dieser dahin.

„Ist schon okay“, sagte Riedl von Leuenstern, als sie vor der glimmenden Mondmasse standen und mit den Fußspitzen am Rand der Glut herumscharrten. „Bau ich halt nächste Woche einen neuen.“

Tatsächlich sollte Josef Riedl von Leuenstern in seinem Leben noch viele, viele Monde basteln. Aber nicht nur der Mond, auch alle anderen Himmelskörper kamen in eine Mode, die sich dank der langsamen Kommunikationsmedien in der Neuzeit sehr lange hielt.

Die Wiener Straßen waren jahrhundertelang von Planetenverkäufern gefüllt, die an jeder Straßenecke und vor jeder Institution standen und Planeten verkauften. Die Erwachsenen hatten diese Planeten als Decoration sehr lieb gewonnen und in manchen Wohnungen stapelten sich Planeten auf Ess- und Schreibtischen. Ehepaare benutzten die Planeten gerne im Bett, sie legten sie zwischen einander und hielten sich im Schlaf daran fest. Kinder benutzten die Planeten als Ball, besonders beliebt waren aber die Handplaneten, die sie mit ihren kleinen Fingerchen kreisen lassen konnten und mit denen sie allerhand Tricks am Schulhof vorführen konnten. Ein ganz speziell nachgefragter Handplanet war der Saturn, denn den konnte man in der Mitte mit Daumen und Zeigefinger festhalten und seine Ringe rotieren lassen.

Die Planetenverkäufer kehrten abends in ihre Quartiere zurück, in ihren Bauchläden waren oft noch einige Planetenexemplare übrig. Meistens handelte es sich um Pluto, weswegen unter den Planetenverkäufern oft der Witz gerissen wurde, dass Pluto eigentlich nicht zu den richtigen Planeten zählen sollte.

Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich ein Umdenken in der Gesellschaft ab. Man wollte nicht mehr den Himmel in die Mitte der WienerInnen bringen, nein, man befand, nun wäre es an der Zeit, Wien in der Mitte des Weltalls zu verankern.

Dies begann man mit dem Bau des Wiener Riesenrades umzusetzen, denn dieses sollte als Zahnrad des Universums dienen. „Wenn ich ein Universum wäre“, so pflegte Gabor Steiner zu sagen, „ich wäre ein Getriebe.“ Daraus folgerte er, dass es in den Weiten des Weltalls mindestens eine Handvoll großer Zahnräder geben musste und wenn er nun in Wien ein riesiges Zahnrad erbaute, so würde es sich früher oder später mit den Zahnrädern des Universums zusammenfügen und alles würde in Gang kommen. Um den Betrieb seines Zahnrades zu finanzieren, denn es benötigte einiges an Elektricität um auch nachts illuminiert und im Weltall gut sichtbar zu sein, ließ er an das Rad Gondeln hängen, für die die Wiener Bevölkerung und auch Reisende teure Billets für eine Rundfahrt erwerben konnten.

Das Wiener Riesenrad allerdings hat sich bis zum heutigen Tag noch mit keinem außerirdischen Rad verzahnt, im Laufe der Jahrzehnte ließ das Interesse am Weltall deswegen auch nach, die Menschen konzentrierten sich mehr auf Kriege und Kalbsrouladen.

Nur von Zeit zu Zeit finden sich einige Gleichgesinnte, die eine gewisse Begeisterung am Weltall unter sich teilten und manchmal in Aktionen umsetzen. Zuletzt passierte dies im Jahr 2008 als einige Weltraumbegeisterte rund um Christoph Schönborn in der Turmkugel des Wiener Stephansdom ein Willkommensgeschenk für etwaige Außerirdische placierten. Wenn jemand zu Besuch käme, so meinten sie, dann wäre doch der erste Anlaufpunkt von oben der Wiener Stephansdom, da er doch so schön hoch und in der Mitte Wiens wäre und die Turmkugel von weitem schon die Form eines Präsentkorbes anzeigen würde.

Nach langen Verabredungen einigten sie sich auf folgendes Willkommensgeschenk für Außerirdische: ein Mobiltelephon, Euroscheine und -münzen, CDs und DVDs von wichtigen kulturellen Ereignissen, ein Papier-Fanset „Österreich“ bestehend aus Handfahnen, Autofahne und Muffinwimpeln, ein Panini-Stickeralbum sowie zwei Sunkist Kirsch. In der Pressemitteilung zur Neuaufsetzung der Turmkugel samt Präsent für Weltraumreisende wies man ausdrücklich darauf hin, wie sehr dieses Geschenk sowohl aus nützlichen Sachen, als auch allerliebsten Souvenirs bestünde und damit jeder Tourist aus den fernen Weiten des Weltraums sogleich einen guten ersten Eindruck der Erde, vor allem aber Wiens, bekäme.

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Marinoni
http://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_R/Riedl-Leuenstern_Josef_1786_1856.xml https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Planetenverkäufer
https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Riesenrad
http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/421394/Presse-an-der-Spitze-des-Stephansdoms

Wie der Alltag im alten Wien aussah

In früheren Zeiten, als am Stephansdom noch Mond und Stern befestigt waren, die von Wolfgang Eglauer nach einer Trunkenheitswette auf den Südturm gesetzt wurden und hundert Jahre lang nicht wieder abmontiert werden konnten, weil sich niemand fand, der schwindelfrei war, gab es in Wien sehr viele Schablonierer.

Diese Schablonierer waren ein Glück und ein Fluch zugleich, denn sie unterbrachen das Tagwerk der Wienerinnen und Wiener. Ein Schablonierer ging durch die Stadt und erkannte er seine Zielperson, so skizzierte er schnell deren Umrisse auf ein großes Stück Karton und schnitt es aus. „Schabloniert!“ rief er dann aus und der oder die Schablonierte musste stehen bleiben und alles fallen lassen, was er oder sie gerade in der Hand hatte. Das war die Regel. Der Schablonierte musste so lange regungslos stehenbleiben, bis der Schablonierer jemand neuen schabloniert hatte. Dann erst war er wieder in seinen Bewegungen frei, konnte sich endlich an der Nase kratzen, seine Notdurft verrichten oder schnurstracks nach Hause laufen, wo er, kaum bei der Tür herein, ausrief „Stell dir vor, man hat mich gerade schabloniert!“

Die Schablonen wurden jeden Abend vom städtischen Kehrmeister aufgesammelt, sie kamen in die Schablonenkammer, wo sie nach Größe und Umfang sortiert und an den Wänden aufgestellt wurden. Manche Schablonen waren freilich, vor allem wenn sie bereits früh am Tage angefertigt worden waren, schon ganz welk. Pferdefuhrwerke waren über sie gerollt, Kinder hatten Löcher hineingebohrt, jemand hatte sein Rindfleisch darüber ausgewrungen.

Über die Schablonenkammer herrschte der Schablonenkammermeister, der auch eine Liste über die in der Stadt tätigen Schablonierer führte. Kam ein wilder Schablonierer in die Stadt und ließ sich nicht registrieren, so informierte er die Executive, die diesen festnahm und mindestens bis auf das Glacis hinauswarf.

Auf dem Glacis blieb nun der wilde, unregistrierte Schablonierer, der ja eigentlich keiner mehr war, sitzen, im Rücken die Stadtmauer, seine Hände kalt und leer, da man ihm die Kartonstücke, den Bleistift und die Schablonierschere abgenommen hatte und starrte auf das Verbrennhäusl, aus dem all die verbrannten Bancozettel rauchten. Es war ihm sehr schwer und ungestüm ums Herz mit dem Wissen um all die nichtschablonierten Menschen in der Stadt und die Millionen Gulden, die da vor ihm im Verbrennhäusl verbrannt wurden.

Die regulär und rechtsmäßig angefertigten Schablonen aber führten in der Schablonenkammer ein recht einsames und tristes Leben. Nur der Schablonenkammermeister schlichtete sie manchmal um, am Ambrosiustag (denn Ambrosius war nicht nur der Schutzpatron der LebkuchenbäckerInnen sondern auch der Schablonierer) staubte er sie ein wenig ab und nur zu ganz seltenen Anlässen klopfte es zaghaft an die Tür. Es konnte der kleine Leopold sein, sein Vater war vor einem halben Jahr unter ungeklärten Umständen bei der Hauptwache mit dem Kopfe im Eingang der Kanalisation stecken geblieben und war ertrunken. Der kleine Leopold aber vermisste seinen Vater aufs Äußerste und kam immer wieder zur Schablonenkammer um zu fragen, ob er einen kurzen Blick auf die Schablone seines Vaters, die an dem Donnerstag vor dem Unglück angefertigt worden war, werfen könne. Dann stand er einige Minuten vor der Vaterschablone, fuhr mit der kleinen Hand sanft die Ränder nach und versuchte den Eindruck abzuschütteln, dass hier gar nicht sein Vater schabloniert war, sondern ein Truthahn mit aufgesetztem Miniaturklavier. Denn das gehörte sich hier nicht, wusste er, und nie war jemand zweiter in der Schablonenkammer, den er fragen konnte, ob es ihm wohl genauso ginge.

Was passiert, wenn man sich auflöst

Manchmal hängt im Kopf eine Vorgewitterstimmung. In der Ferne Wetterleuchten, die Luft schwer und dumpf. Vor allem das Wetterleuchten, dieser fehlende Donner. Ein wenig später wird der Kopf zur Autobahn, man steht noch irgendwie auf einer Autobahnbrücke, aber der rest sind graue Fahrbahnstreifen, auf denen die zu schnell fahrenden Autos nur verwaschene Striche zeichnen. Man kann nicht fokussieren, es gibt keine einzelnen Autos, es gibt nur dieses Autobahngrau und ein Geräusch wie Sonntagmorgen bei offenem Fenster 500 Meter von einer Ausfahrt der Südautobahn aufzuwachen.

Dann wird irgendwann der Kopf leicht. Es passiert mit ihm etwas, das auch mit Armen, Beinen und dem Oberkörper passieren kann. Er löst sich auf. Er wird leicht, durchsichtig und wenn man hinschaut, ist er gar nicht mehr da. Man nimmt ihn nur aus der Peripherie wahr, wenn man ihn vergisst.

Wenn sich Arme und Beine auflösen, kann man sich behelfen: man kann zwicken, kratzen, schlagen und hoffen, dass der Schmerz einen Opferumriss zeichnet, dass der Schmerz im Kopf ankommt und sagt: eigentlich bist du noch da.

Wenn sich der Oberkörper auflöst, kann man nur hyperventilierend durch die Wohnung tapsen, von der Fensterfront zur Türfront und sich wundern, wohin die Magenschmerzen verschwunden sind, wohin alles verschwunden ist, ob jetzt irgendwo im Ozean Quastenflosser ein aufgeweichtes Paket öffnen, eine Zollerklärung darauf, darin sind die Organe und auch die Quastenflosser wissen zehn Minuten nichts damit anzufangen. Später sind die Organe vielleicht wieder da.

Wenn der Kopf beginnt sich aufzulösen, summt und sirrt alles zuerst und wird dann ganz still. Man spürt noch die Umrandung des Kopfes in den Ohren, denn die Trommelfelle wölben sich nach außen wie die Deckel abgelaufener Joghurte. Der Kehlkopf hüpft als Motte im Lampion, die Schutztore gehen herunter. Der arme Mann, der im Kontrollzentrum der Seele sitzt, mittendrin im Kopf, er tippelt durch einen Gang mit Sirenen und roten Alarmblinklichtern, überall gehen die Schleusen zu, er weiß nicht, wohin; die Lautsprecherstimme ist er selbst, er schreit: EVAKUIERUNG EVAKUIERUNG und er fühlt sich ganz leicht, schimmernd, verblassend und ist plötzlich nicht mehr da.

Man muss sich dann an den Phänomenen außerhalb dieses Raumschiffs festhalten. Man trägt ein Wasserglas durchs Weltall und stellt es am Bücherregal neben dem Bett ab. Man muss sein Iphone an das Ladekabel anstecken. Man sieht andere Raumschiffe vor den Fenstern vorrübersausen und hält sich daran fest, dass man sich etwas sagen kann. Nämlich: Jetzt sausen sie wieder. War es ein Regentropfen? War es ein Raumschiff? Ist es die alte Plüschmaus, die alle drei Monate an einem Nachmittag über den Gang im Bus 37A gereicht wird? Sind es meine Augen? Muss nicht mein Kopf noch an Ort und Stelle sein?

Man merkt: der Kopf ist noch da. Man findet den Mann im Kontrollzentrum nicht. Notsysteme sind in Betrieb. Das Faxgerät, das eine Kollegin nach ihrer Kündigung 2004 im Kontrollzentrum stehen gelassen hat, spuckt Papier aus, man denkt kurz: warte, wieso hat das noch immer Akku? Aber das Faxgerät war immer an den Strom angeschlossen, man hatte es vergessen. Die Faxzettel wirbeln im gedimmten Licht durch das Kontrollzentrum. Es sind Anleitungen, tausend verschiedene Anleitungen. Der arme Mann im Kontrollzentrum, er hat seinen Erdbebenhelm auf und sitzt unter einem Schreibtisch. Er versucht, die Schrift auf den Zetteln, die in zwei Meter Entfernung auf dem Boden zu liegen gekommen sind, zu entziffern. Das beschäftigt ihn eine Weile, wenn es gut geht, solange bis die Systeme wieder normal laufen, die Schleusen aufgehen, die Sirene verstummt und er den sentimentalen Wunsch, seine Verwandten auf der Erde anzurufen, dann doch wieder verwirft. Er würde sie nur aus dem Schlaf holen.

Warum man das Grauen ganz für sich allein hat

Der einzige Vorteil am Grauen ist, dass man es nicht mit anderen Menschen teilen muss. Es ist kein Moment, den tausend andere jubelnd genauso erleben; es ist aber auch keine Massentrauer, denn meistens gibt es im Massentrauern doch noch etliche Personen, die nur daran denken können, dass es sie im Schritt juckt und sie jetzt noch weitere zwanzig Minuten in der Öffentlichkeit so aushalten müssen. Sie wissen, das Jucken wird nachlassen, sie müssen es nur vergessen: so wie Schluckauf, so wie schlechte Träume.

Das Grauen hat man immer alleine, denn man kann andere Menschen nicht dazu zwingen, dasselbe Grauen zu empfinden. Das Grauen ist ein roter Knopf, der gedrückt wurde und dann festhängt, aber immer, wenn man mit der Nagelfeile (oder dem Buttermesser) den eingezwickten Knopf befreien möchte, rutscht er einen halben Meter zurück. Man kann natürlich versuchen, das Grauen zu teilen, mit diesem Versuch ist man nicht alleine. Literatur, Bilder, unüberlegt zu früh abgesendete Statusmeldungen im Internet. Brüllen aus dem Fenster. Monologe vor Bekannten, die aus einundzwanzig Metaphern bestehen, die so akkurat sind wie Limonadenflaschen im Supermarktregal, deren Etikettgesichter alle in verschiedene Richtungen blicken.

Am Ende ist man doch mit allem, was das Grauen beinhalten kann, allein: der eigene Tod, der Tod der anderen, Erinnerungen, Zähne, Löcher im Zahnfleisch, die nackten Füße der anderen Passagiere im Bus, handtellergroße Spinnen, das Vermissen der eigenen Katze während dem man ständig wie unter Zwangsgedanken an diesen einen Roman von Stephen King denken muss.

Das Grauen ist das Original in uns. Wir können es nur kopieren und dann nach draußen werfen, aber alle anderen sehen dann, wie dieser weiße Blattrand darauf hinweist, dass es eine Kopie ist. Das eigene Grauen vor den anderen ist immer eine missglückte Metapher (und vielleicht sind deswegen missglückte Metaphern das Wichtigste in der Welt).

Wie man seine Katzen begräbt

Wenn man als Kind keine Haustiere haben durfte, außer jeweils für einen Tag einmal eine Zitronenfalterraupe (die man damals Flubber taufte, weil gerade der Film rausgekommen war und die Raupe leuchtend wie ein Textmarker) und einmal eine Box voller Engerlinge (die am nächsten Tag die anderen Volksschulkinder erschrecken durften), dann hat man sich 19 Jahre durch fremde Katzen gestreichelt, bis man eines Tages nach Kaiserebersdorf fährt, um zwei achtjährige Damen kennenzulernen und man fährt, überrumpelt, mit ihnen auf dem Schoß, wieder zurück. In den ersten Jahren wird Freundschaft über Schinken geschlossen, die Katzen turnen auf Türen und Schränken herum, ein halbes Jahr kackt die empfindlichere von beiden immer hinter die Wohnungstür, während man draußen ist, damit man eine Freude hat, wenn man die Tür aufmacht beim Nachhausekommen. Man zieht mit den Katzen um und sie richten sich ein. Andere Katzen kommen und gehen, die zwei Katzenschwestern werden älter, streiten, schlecken sich gegenseitig ab und haben ihre eigenen Regelsysteme.

Sie werden immer älter und seltsamer. Miette ist eine Glückskatze, sagen alle. Sie frisst kiloweise Gelee, weil sie nicht gerne Wasser trinkt und wird dadurch ein eigenes kleines Universum. Sie mag es nicht, an der Stelle vor dem Schweif am Rücken gestreichelt zu werden, aber der Bauch, der Bauch ist super, sagt sie. Pandora ist eine Schildpattkatze und hat ein zweigeteiltes Gesicht. Sie hat viel zu erzählen. Beim Nachhausekommen wird man begrüßt, Miette steigt auf das abgewinkelte Knie und drückt einem die Nase ins Gesicht. Pandora erzählt, was in der Abwesenheit passiert ist. Pandoras Erzählungen werden mit der Zeit immer länger und aufgeregter, wenn man fünf Minuten aus dem Zimmer geht, sind ihr in dieser Zeit garantiert zehn Dinge aufgefallen, die sie mitteilen muss.

Nachts streiten sie um die Plätze im Bett und die meiste Zeit schlafen sie dann doch beide aneinander und an mich geschmiegt, wir als Molekül.

Den Balkon mögen sie beide, das Katzengras, die Insekten, die Spinnweben zum Aufschlecken (Miette) und die herunterknallende Augustnachmittagssonne (Pandora). Je älter sie werden, desto mehr mögen sie ihn, weswegen ich mit Pandora im letzten Jahr dann doch auch den Versuch starte, die Wohnung zu verlassen. Sie lässt sich das Katzengeschirr ganz geduldig anschnallen, aber unsere Ausflüge führen nur ein Stockwerk tiefer oder höher, die Stiegenhausfenster sind gute Aussichtswarten und die Treppen verwirren sie doch. In einem anderen Stockwerk, will sie in die Wohnung, die genau über oder unter meiner ist und schreit. Dann muss man sie in die richtige Zeitzone zurücktragen.

Beide werden älter und älter. Trotzdem hält man den Tod nicht für möglich. Es sind einem noch nie Katzen gestorben, es ist einem noch kaum etwas weggestorben, eine Großmutter hie und da, fremde Verwandte, Namen im Bekanntenkreis, der Tod ist die Mondlandung im Leben, die wohl irgendwie irgendwann passiert, aber dass da eine ICH-Person (und das schließt die ICH-Katzen ein, denn sie wussten sehr wohl, wer sie waren) auf grauem Gestein landet und zurückblicken kann, das ist nicht wahrscheinlich.

Aber Katzen sind weiser. Vielleicht kriechen ihnen die Wände enger zusammen wie in meinen He-Man-Alpträumen als Kleinkind. Vielleicht öffnen sich Abgründe in den Distanzen, die sie zwischen den Zimmern zurücklegen. Sie reagieren.

Miette rückt nachts immer näher an meinen Kopf. Jede Nacht ein Stück näher, von früher Fußschlafplatz zu Bauchschlafplatz und dann parallel zu meinem Kopf, auf einem eigenen Kopfpolster. Oft will sie mit mir einen Kopfpolster teilen, ich muss ihn verteidigen. Manchmal will sie mit meinem Gesicht in ihrem Rücken vergraben schlafen. Sie rückt so nah an den Sitz meines Kontrollzentrums wie es nur geht.

Der Verfall setzt ein, als sie mich eines Tages aus dem Liegeplatz am Bett mit hinaufgerollten Augen anschaut, ein Blick, der aufgrund der Komposition von mir als Angst interpretiert wird. Davon gibt es ein Foto, es ist ein Markstein. In den nächsten Tagen Apathie, ertestete Blindheit und Dehydrierung. Tierärzte kommen, Infusionen, Blutabnahme (gute Blutwerte), der Katze nachlaufen mit Milch, Wasser, Futter. Sie will immer weniger. Nach der zweiten Infusion herrscht bei ihr nur noch Angst und Verwirrung, nichts bessert sich mehr. Am letzten Tag weiß ich, dass sie eingeschläfert werden muss, aber diese Tierärzte sind seltsam vehemente Kämpfertierärzte. Futter spritzen, sagen sie. Aufpäppeln, sagen sie. Erst wenn das nicht wirkt, können wir sie einschläfern.

S. hält Miettes Kopf fest, auf dem Bett, wo sie den ganzen Vormittag noch geschlafen hatte. Die Stelle, an der ich schlafe, mein Kopfpolster. Ich spritze das Futter langsam hinein, aber Miette wird immer unruhiger, bis wir sie schließlich loslassen. Sie rennt los, unters Bett, sabbert und hechelt wie zuvor schon mehrmals, pinkelt auf einen Polster, der vor dem Bett lag und rettet sich irgendwann unter den Wäscheständer. Ich rufe den Tierarzt an, verzweifelt, er soll sich beeilen, das hat er hier ja angestiftet, er soll schnell kommen, schnell, schnell, schnell.

Dann beginnt die eigentliche Stunde, die mir im Gedächtnis geblieben ist, verkürzt auf Geräusche und Bewegungen. Gleichzeitiges Telefonieren, die Katze immer wieder die Stirn streicheln, nur noch die Stirn, sie faucht und knurrt und kämpft gegen einen Feind. Zwischendurch Erschöpfung, dann wieder Kampf, knurren, fauchen, mein Streicheln und Zureden. Pandora kommt nur einmal nachsehen, was hier passiert, niemand beachtete sie und sie miaut verwirrt. Miette atmet immer weniger, bis sie nicht mehr atmet und als sie nicht mehr atmet, kommt der Tierarzt (sie hat das Rennen gegen ihn gewonnen) und der Tierarzt spritzt ihr das Beruhigungsmittel und das Einschläferungsmittel in das tote Herz. Dann liegt sie da. Wird ein wenig weitergestreichelt, wird ein bisschen zugedeckt, wird von mir ein bisschen gesäubert, aber viel von ihrem Fell ist vom Kämpfen verklebt. Ich rufe eine Nummer an, die ich vorher schon herausgesucht hatte, jemand wird kommen und jemand kommt tatsächlich, ein dicker Mann, dem der obere Hintern beim Bücken aus der Hose hängt und er legt die Katze in eine dunkelblaue mit Sternen bedruckte Schachtel und bringt sie weg.

Pandora saß seit dem Todeszeitpunkt auf dem höchsten Regal im selben Raum, ein wachsamer, ängstlicher Blick hinunter auf die liegende Schwester und schließlich auf dieses gemeine Wegtragen in einer Schachtel. Sie bleibt lange so sitzen, sie will nicht weggetragen werden.

Ich bekomme einen Kremierungstermin zwei Tage später. Wir sind zu dritt. Man sieht Miette noch einmal in der geöffneten Schachtel liegen, eine Fliege, dann der Deckel zu, der Ofen auf. Hinausgehen, warten. Die Fliege kommt zu uns hinaus, setzt sich auf unsere Haut. Vor der Tür des Wiener Tierkrematoriums kann man rauchen, es ist ein heißer Junitag und seit diesem Tag, als ich mich vor der Tür des Wiener Tierkrematoriums mit Sonnencreme einschmierte, erinnert mich der Geruch nicht nur mehr an Freibäder sondern auch an das Krematorium.

Mit der Schachtel, die so leicht ist, in einem Papiersack, gehen wir auf den Zentralfriedhof. Es gibt eine Grabstelle, wo jemand vermeintlich begraben liegt, der vielleicht nicht mehr dort liegt oder längst schon aufgelöst ist und diese Grabstelle wird vielleicht auch meine eigene sein, zumindest ist es in meinem Bestattungsversicherungsvertrag notiert. Schräg gegenüber dieser Grabstelle wachsen zwei Nadelbäume dicht nebeneinander. Am Boden liegen Nadeln, Zapfen, Feuerwanzen, große Ameisen. Über dem Friedhof das Bienenkorbdröhnen, die Flugzeuge und Züge, die Kohlweißlinge über Wasserlacken. Das Säckchen mit der Asche kann ich befühlen und einen Seitenblick darauf werfen, aber ich kann es mir nicht in der Gesamtheit ansehen. Später kommen noch Goldmohnsamen dazu, der Goldmohn war die Giftpflanze des Jahres 2016.

Das kleine Etikett der Schachtel trage ich seither in meiner Geldbörse.

Dann folgt ein Jahr Pandora. Pandora wird lauter, aufgeregter. Sie schläft weniger, schreit stundenlang, frisst sehr viel, wird immer wählerischer. Davor war Miette die erste Esserin, sie beschloss, was es gab und was für Pandora übrig blieb. Jetzt ist Pandora die Ranghöchste der Wohnungshierarchie und nützt es gänzlich aus. Die Tagesabläufe, Einkäufe, alles ausgerichtet auf sie. Es ist ein Jahr Wahnsinn, ein Jahr, in dem ich nicht länger als 8 Stunden der Wohnung fern bleiben kann. Ein Jahr, in dem ich kaum eine Stunde Ruhe zuhause habe und es niemandem so richtig erklären kann. Die Veränderung ist mit Miettes Tod eingetreten. Vermutlich hätte man Pandora täglich Medikamente verabreichen können, sie zu Tierärzten, zu Untersuchungen schleppen können. Vielleicht hätte es uns beiden ein wenig Stille verschafft, vielleicht aber auch nicht, in jedem Fall wäre es eine Tortur für Pandora gewesen. Pandora wird zufriedener, wenn sie sich am richtigen Futter satt essen kann, das aber nicht leicht zu wählen ist, denn der Radius der Lieblingsfutter wird mit dem Wahlprivileg immer kleiner und kleiner. Pandora wird auch zufriedener, wenn sie am Balkon ist, wo sie oft in der Sonne schläft oder wenn sie vom Schultertier getragen wird und dann nachdenklich den Kopf auf die Schulter legt oder Briefe schreibt an entfernte Bekannte. Pandora ist auch zufriedener, wenn sie ganz nahe bei mir schläft und im letzten Jahr gab es nicht eine Nacht, wo sie nicht in meiner Körperkurve lag. Wenn man sich tagsüber ins Bett legt, dann legt sie sich manchmal dazu und wird ruhiger, aber nur wenn ein fester Körperkontakt besteht – eine Pfote auf den Arm gelegt, auf meinem Rücken liegen oder sich fest in mich verbeißen.

Auch ihren Tod kann man nachträglich in Ankündigungen lesen. Sie erbricht mehr, mag noch weniger Futtersorten als zuvor – fast alles außer gekochtem Hühnerfleisch ist an Menschennahrung schon lange nicht mehr interessant (Lachs, Brot, Kuchen, Cracker, Kartoffelpürree – noch während Miette lebte war Pandora mehr auf Menschenessen fixiert). Der höchste Punkt der Wohnung, das Regal, von dem sie auf Miette herabschaute, wird immer öfter aufgesucht. Es ist der Ort, an dem man mit dem Schrecken des Todes ringt, auf irgendeine Weise. Spielen und Balkonliegen wird uninteressanter. Man muss mehrmals täglich scheinbar grundlos unter das Bett flüchten.

Der letzte Abend beginnt mit Erbrechen, das ich schon kenne, nur diesmal unter dem Bett. Das Schultertier erschrickt, denn es weiß mehr vom Tod. Ich warte ab. Pandora kommt zum Beginn der Nacht noch hinauf zu meinen Füßen, aber es lässt sich hier nicht so richtig liegen. Sie wandert in die letzte Ecke der Wohnung, dem Winkel hinter dem Bett und bleibt dort. Legt sich hin und her, ihr ist übel, sie verweigert alles. Sie kommt nicht mehr hervor. Sie kommt gar nicht mehr hervor, bis die Tierärztin am nächsten Tag zu Mittag kommt und auch dann wird sie nur hervorgetragen. Die Tierärztin ist eine klügere Tierärztin, sie blickt in die Augen und sagt Sätze wie „Die Netzhaut hängt wie ein Baldachin darin“. Dass Pandora schön sei, sagt sie. Das sagen alle. Dass sie sehr dehydriert sei und hohen Blutdruck hätte. Sie zieht Pandoras Fell in eine Dreiecksformation. Pandora tatzt das Licht weg, das in ihre Augen leuchtet und trinkt einen kleinen Schluck vom angebotenen Wasser, der mir sehr weh tut. Dann lasse ich sie auf den Balkon flüchten. Dort legt sie sich auf das Balkonsofa. Sie trinkt noch einmal, die Tierärztin redet. Es ist eine kluge Tierärztin, sie redet davon, dass man den Tod mit wöchentlichen Infusionen und täglichen Medikamenten hinauszögern könnte, dass sie das vielleicht bei einer jüngeren Katze empfehlen würde. Dass sie das alles hier schon kennt und weiß, dass es nicht mehr besser wird, dass sie, wenn sie Pandora nicht heute einschläfert, sie sicherlich bald tatsächlich einschläfern müsste und es bis dahin nur eine Qual wäre. Ich ringe. Es waren keine zwanzig Stunden, in denen es Pandora schlecht ging, Übelkeit ist keine Katzenseltenheit. Ich hatte mich den ganzen Tag daran geklammert, dass sie – wie Miette – die Chance in Form einer Infusion bekäme und wir danach klarer wüssten, was zu tun ist. Aber ständige Infusionen und Medikamente – das ginge nicht bei einer Katze, die jetzt alles außer einem höflich angenommen einzelnen Schluck Wasser (denn danach drehte sie den Kopf weg) verweigert. Pandora liegt am Balkon und es ist Mittag, die Sonne ist noch nicht die herunterbrennende Nachmittagssonne. Ich füge mich dem Zureden, mehr als Fügen ist es nicht, es ist keine klare Entscheidung, weil alles sehr schnell passiert. Die Tierärztin kommt mit der Beruhigungsspritze nach draußen und ich denke noch: ist es das jetzt wirklich, aber sobald die Beruhigungsspritze in der Katze steckt, lässt Pandora los, sackt zusammen.

Bevor wir es wirklich begreifen, erklärt es uns die Tierärztin, kontrolliert später noch das Herz, nachdem wir darum bitten, aber für sie ist es klar: die toten Augen, der tote Mund, der buschige Todesschweif, den sie später auch hochzieht und uns schauen lässt, wie Bernsteinurin aus der Katze perlt. Der Tod, der Tod, der Tod. Ein schneller Tod, ein vorweggenommener Tod, ein Tod, der uns beigebracht worden ist von Miette, die sich quälen musste, ein herbeigewünschter Tod von Pandora, ein eindeutiger Tod.

Wir tragen sie später hinein, als die Sonne sich auf den Balkon schiebt und warten lange auf den Mann mit der Schachtel. Dann beginnt das Ausräumen der Wohnung, denn hier ist keine Katze mehr, die die Toiletten benützt, die essen oder spielen muss. In der Wartezeit schließen sich ihre Augenlider.

Zwei Tage wieder bis zur Kremierung. Tage, in denen Pandora im Wohnzimmer oder auf dem Bett wartet, als Erinnerung, während sie in Simmering gekühlt wird.

Dann ein zweites Mal der Weg dorthin, diesmal zu zweit. Verabschieden: Pandora bekommt zwei Fliegen, eine große, grüne, die sich auf ihren Mund setzt und eine kleinere am Rand der Schachtel. Die große, grüne Fliege kommt später zum Verabschieden in den Warteraum.

In der Nacht davor träumte ich schon von der Kremierung, von einer überschnellen Kremierung, wo mir der Kremateur die Schachtel überreicht und sagt, dass sie noch heiß sei, weil keine Zeit zum Abkühlen war.

Am Tag sind wir die letzte Kremierung im Kleintierofen und als der Kremateur – ein jüngerer als bei Miette – uns das Papiersäckchen überreicht sagt er: nicht schrecken, es kann noch warm sein.

Dann fahren wir zum Zentralfriedhof und alles erinnert an das letzte Jahr. Wir müssen uns nicht lange orientieren. Goldmohn ist keiner zu sehen. Ich drehe mich vom offenen Aschesäckchen weg, streue dann Drachenkopfsamen auf die Grabstelle. Wasser und Trockenfutter, aus dem letzten offenen Säckchen, für die Krähen. Vorher hatten wir am Weg noch ein Reh mit ihrem Jungen gesehen, sie liefen durch die Gräberreihen. Ich bin ein wenig erschöpft, wir verirren uns ein bisschen und fahren schließlich mit einem Rundkursbus durch die Gräber zum Tor eins.

Die Nachbarn sind nun nachts lauter als zuvor. Die Katzentoilettenstelle in der Wohnung ist das erste Mal, seit ich einzog, freigeräumt. Niemand wartet.

 

Welche Geschichte uns das Wappen von Floridsdorf erzählt

Floridsdorf ist der einundzwanzigste Wiener Gemeindebezirk und er liegt am anderen Ufer der Donau. Er ist eigentlich nicht so wichtig. Es wohnen Menschen dort, sie könnten aber auch woanders wohnen, zum Beispiel auf dieser Seite der Donau.

wappenfloridsdorf

Das Spannende an Floridsdorf ist das Wappen, das uns die Geschichte von Maria und Lukas erzählt. Maria und Lukas waren die Kinder von einer Mutter, die Korn mähen musste (linkes oberes Bild) und einem Kollektiv von anderen Menschen, die gerne im Wald zelteten (rechtes oberes Bild) und nachts Himmelslaternen steigen ließen (nicht abgebildet). Als die Mutter das erste Kind, Maria, empfing, war vor allem Helmut aus dem Waldkollektiv sehr erfreut und legte ein Blumenbeet an (mittleres Bild), denn er glaubte, er hätte diese Samen ausgesäht und er verglich die Mutter ständig mit dem Blumenbeet. Manchmal kam er noch abends vorbei, lehnte am Türstock, kniff die Augen zusammen und sagte zur Mutter: „Eigentlich bist du mehr so eine Vase, nicht ein Beet.“ (mittleres Bild). Die Mutter war also mit Maria lange schwanger und als es dann zur Geburt kommen sollte, sagte die zuständige Gynäkologin: „Da hängt noch ein Embryo daran, das ist erst im Anfangsstadium, das muss sich noch entwickeln, wir können das Kind nicht entbinden, sonst käme der Embryo mit raus und wäre unfertig.“ Also warteten alle geduldig noch ein wenig ab. Man hatte sich allerdings entschlossen, Marias Kopf nach draußen zu holen, so konnte sie wenigstens schreien. Die Mutter wurde allerdings schnell ungeduldig, sie konnte kaum aufstehen mit dem angeschlossenen Säugling und schrie die Ärzte an, dass sie nicht wüssten, wie es wäre, wenn ihnen ein Säugling ständig in die Gebärmutter kackte. Also holte die Gynäkologin seufzend beide Kinder aus der Mutter heraus. Maria war ein properes Kind mit langen Haaren und großer Krone (linkes unteres Bild), aber Lukas war, weil er sich ja nicht so lange entwickeln hatte dürfen, ein wenig kleiner und auch seine Krone kam nicht an die von Maria heran (linkes unteres Bild). Nachts lagen die zwei Geschwister gerne in ihrer goldenen Decke auf dem Krankenhausflur, sie leuchteten und Lukas streckte dem vorbeikommenden Krankenpflegepersonal seinen Mittelfinger entgegen (linkes unteres Bild). Es kam aber, wie es kommen musste: das Waldkollektiv zerstritt sich und man brüllte sich nachts unter den Himmelslaternen darüber an, wem denn nun welches Kind gehören würde. Helmut sagte: „Also, wenn ihr mich fragt, die Maria ist meins, aber der Lukas, der mit seiner schlimmen Hand, den mag ich nicht, der ist nicht gut für mein Karma.“ Man einigte sich darauf, dass Helmut mit Maria nach Indien auswandern würde, Friederike erklärte sich bereit, die Vaterschaft für Lukas zu übernehmen, denn auf den Demonstrationen, auf die sie gerne ging, würde seine schlimme Hand schon von Nutzen sein. Helmut also ging, enthusiastisch bereits in Reiseplänen versunken, sofort die Gemeinschaftsschere holen und schnitt Maria und Lukas entzwei. Allerdings starben die zwei kurz nach der Trennung und das Kollektiv musste sie in Müllsäcken entsorgen (unteres mittleres Bild). Zeugen außerhalb des Kollektivs gab es dafür nicht, auch die Ärzte waren nicht in Kenntnis davon gesetzt worden, nur die verlassene Scheune am Waldesrand hatte es mitanschauen müssen und ihre Fenster und Tore standen vor Entsetzen weit offen (rechtes unteres Bild).