Warum man eine Bestattungsversicherung abschließt

Manchmal geht man über Friedhöfe. Die Stellen zwischen Grabsteinen und Grabumrandungen, zwischen staubvioletten Feuerwerksblumen und den kleinen Holzpfeilen von Gärtnereiunternehmen, die frei sind, das sind keine freien Grabstellen. Es sind keine Gänge, über die man treten darf, weil man Angst hat, jemand Fremden über das Grab zu laufen: wer über die Wiese läuft am Friedhof, der läuft über ein Grab.

In der Wiese sind Menschen vergraben worden und die Grabnutzungsverträge sind ausgelaufen. Die Standardgrabnutzungsdauer beträgt 10 Jahre, man kann sie verlängern. Von meiner Zwillingsschwester habe ich erst erfahren, da war ihr Grab schon einige Jahre abgelaufen. Die Bestattung Wien hat eine Online-Grabsuche, in der ich alle Namen suchen kann, über die niemand mehr spricht. Manche leben länger in der Online-Grabsuche, als sie dürfen. Meine Schwester war bis vor ein paar Jahren in der Datenbank. Von Zeit zu Zeit hab ich ihren Namen eingegeben, nachgeschaut, ob sie noch in dieser Datenbank lebt. Eines Tages war sie fort. Ich schrieb eine E-Mail. Man antwortete mir, dass es wohl ein Versehen gewesen sein musste, dass sie überhaupt drin war.

Die Friedhöfe wurden an den Stadtrand gedrängt, der Wiener Zentralfriedhof ist riesig, meistens bekomme ich Beklemmungen, bis ich am äußeren Rand des Friedhofs angekommen bin, wo ein Stück Wiese frei ist, zwischen jemandem, der irgendwas mit Apfel heißt und noch jemand anderem.

Dort, so sagte es der versehentliche Eintrag in der Datenbank, wurde meine Schwester begraben. Zwischen Familiensammelgräbern, Erwachsenengröße.

Was macht jemand, der noch nie größer war als ich selbst (und ich bin nicht groß) in einem Erwachsenengrab? Manchmal stelle ich Fragen an Personen, die es vielleicht wissen und frage: nach 30 Jahren, wieviel ist da von einem Baby übrig? Nicht viel, wahrscheinlich, sagen sie und zucken ratlos mit den Schultern, es kommt auf den Boden drauf an. Und dann erzählen sie mir von Experimenten, bei denen in Wien in Hinterhöfen Schweine mit Jeans eingegraben und von Zeit zu Zeit ausgegraben wurden, um zu sehen, wie schnell Schweine mit Kleidung verwesen.

Als ich 27 Jahre alt bin und mich schon länger zu Tode fürchte, fällt mir auf, dass mein Tod kein gesicherter ist. Die Personen, die mich vielleicht gern bestatten würden, haben weder das Recht, noch das Geld dazu. Die Personen, die mich bestatten müssten, würde ich jetzt sterben, würden einfache Varianten wählen. Ich sehe mich unter einem Stück Wiese liegen, aufgelassen, über das die Menschen manchmal gehen, weil sie glauben, es ist ein Weg und kein Grab. Ich sehe mich langsam unter der betretenen Wiese verfaulen, weil niemand zur Kenntnis genommen hat, dass ich gerne verbrannt würde. Ich bin die Person, die mich am allerliebsten gerne selbst bestatten würde, schließlich verbringe ich viel Zeit mit mir. Und mit Friedhöfen. Man ist länger als Toter auf dieser Welt als man lebt.

Mein Termin zur Beratung beim Versicherungsableger, der Bestattungsversicherungen verkauft, fällt auf Halloween, das fällt mir erst auf, als ich dort bin. Aus den Nebenzimmern kommen Angestellte ins Büro „schauen“, weil ich so jung bin und zumindest gesund wirke. Bevor ich hinausgehe, sagt mir der Berater: Wenn ich das sagen darf, Sie riechen sehr gut. Er schreibt mir später eine SMS, ob ich mit ihm was trinken gehen will und später im Jahr wünscht er mir frohe Weihnachten.

Ich möchte kremiert werden, der Friedhof zweiter Wahl der Meidlinger Friedhof, weil ich auf diesem Friedhof groß geworden bin, heimlich, wenn ich die Schule geschwänzt habe. Friedhof erster Wahl ist der Zentralfriedhof und seit meine Schwester aus der Datenbank gelöscht wurde, sehe ich in meiner Versicherungspolizze nach, wo sie liegt, denn damals habe ich als mein Wunschgrab ihres aus der Datenbank eingetragen. Manchmal, wenn ich Katzenasche zu vergraben habe (und das war in letzter Zeit recht oft), gehe ich nachschauen, ob mein Grab noch frei ist oder ob sich jemand anderer dorthin gelegt hat. Manchmal denke ich nach, ob ich dieses Grabnutzungsrecht bereits erwerben möchte, neben Katzen und Schwester nicht ein potentielles, sondern ein fixes Grab und damit einen winzigen eigenen Schrebergarten haben will.

Seit ich Besitzerin einer Bestattungsversicherung bin, bekomme ich auch jährlich Post und Anrufe dieses Unternehmens: Ob ich nicht auch Bestattungsversicherungsverkäuferin werden möchte, denn ich bin ja noch nicht tot und ich habe die Wichtigkeit der Bestattungsversicherungen erkannt. Ich nehme diese Briefe freundlich zur Kenntnis.

Jemand wie ich wird sich niemals eine Eigentumswohnung oder gar ein Haus leisten können. Keinen Garten, kein Wohnmobil, keine Tierpatenschaften im Zoo mit Namensschildern. Die monatliche Rate für meine Begräbniskosten geht sich gerade so aus. Sterben ist so teuer, dass ich mir nach zehn Jahren (ich bin in Jahr 4) gerade das Standard-Basis-Begräbnispaket holen könnte. Wenn ich mich aber anstrenge und lang lebe, dann darf ich mir den tröstlichen Gedanken erlauben, dass ich mir da etwas Kleines aufbauen könnte. Ein Grabnutzungsrecht, länger als zehn Jahre; einen Grabstein aus weißem Stein, in den der Name so sacht eingraviert ist, dass er genauso schwer zu lesen ist wie Seriennummern am Ipod Shuffle und ich die Hoffnung haben kann, dass, wenn jemand einmal vorbeikommt, diese Person dann die Augen zusammenkneift, sich bückt, hinkniet, mit dem Mobiltelefon hinleuchtet und sich schrecklich abmüht, um diesen elenden Scheißnamen endlich ablesen zu können.

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Wie Menschen ohne Angst leben

Man kann versuchen, den angstlosen Zustand mit Astronauten (haben keine Angst, weil alles festgeschrieben) oder Staubsaugern (haben keine Angst, weil innen immer voller Staub) oder unbeleuchteten Globen (haben keine Angst, weil sie ihre Außenseite selbst nicht lesen können) zu vergleichen.

Meistens erkennt man den angstlosen Zustand ohnehin nur hinterher, wenn man auf etwas gestoßen ist, das noch nicht beschrieben wurde (Astronaut) oder die Staubfangkammer ausgeleert wurde und jetzt Platz ist für alles, was man nicht unter dem Bett vermutet hatte (Staubsauger) oder jemand plötzlich den Stecker einsteckt und man sitzt da und buchstabiert: R A T A A B N A A L U (Globus).

Menschen, die die Angst nicht kennen, stelle ich mir vor wie Astronauten, die zum dritten Mal zur ISS fliegen, nichts passiert, die Gedanken in ihren freien Sekunden nur bei Freunden in der Schwerkraft oder den Orangen im Gepäck. Ich stelle sie mir vor, wie Staubsauger, die vollgesaugt sind und die aufgesaugten Haarbüschel und Cellophanwürstel verstopfen schon alle Münder, aber es ist noch genug Saugkraft da, den allerwichtigsten Dreck einzusaugen, aber es ist nicht mehr genug Kraft, die Vorhänge, das Kopfhaar des Kindes, den Staatsbürgernachweis, die Socken einzusaugen. Niemand steckt den armen, dunklen Globus an.

Ich vermute, die Menschen ohne Angst leben gut. In meiner Vorstellung gehen sie fröhlich durch den Regen, bekommen davon nie Lungenentzündung, springen mit Regenschirmen von Hausdächern, zeugen Kinder, steigen alle zwei Stunden in ein Flugzeug und trinken Getränke mit Algen und Baobab. Sie öffnen Bierflaschen mit ihren Zähnen (auch wenn mittlerweile alle zum aufdrehen sind), sagen ihren Mitmenschen, was sie von ihnen halten und lenken Autos. Sie kandidieren für Ämter, schnippsen fremden Menschen an der Ampel von hinten an die Ohrläppchen und schmeißen ihre Rechnungen in den Papiermüll, ohne sie vorher zu zerreißen. Sie schlafen bei laufendem Fernseher vor einem brennenden Kamin ein, ohne im Bad das Licht auszuschalten. Im Sommer schlafen sie überhaupt ohne Bekleidung ein, bar jeder Vorstellung durch ein starkes Erdbeben aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden und dann ohne eine Sekunde zu verlieren, denn überall an den Wänden bilden sich schon Risse, splitterfasernackt aus dem zweiten Stock springen zu müssen. Ohne Regenschirm, diesmal.

Menschen ohne Angst müssen ihre Geborgenheit aus Umgebungswärme, Zucker oder Hormonen generieren. Niemals werden sie mit nassen Socken in ein Loch unter dem Solarplexus fallen, dessen Wände mit „du wirst sterben, weil jeder sterben muss, es können dich soviele Schmerzen erwarten, die du dir alle noch gar nicht vorstellen kannst, es gibt keinen Halt, du wirst für immer fallen, fallen fallen“ tapeziert sind und alles was man im Vorbeifallen erkennen kann ist „all, all, all“, weil die Taschenlampe am Handy nicht funktioniert, man drückt immer auf das kleine Flugzeug, Flugzeug aus, Flugzeug an, dabei hat man noch nie eines betreten, weil es einem absurd erscheint, inmitten von gefüllten Staubsaugern in einem solchen 3 km über dem Boden zu fliegen und jede Sekunde herabfallen zu können, und man liest nur „all, all, all“ wie ein Astronaut, den man ungeschult und ohne Unterlagen in eine Rakete gesetzt hat und niemand hat ihm vorher erzählt, dass einem die ganze Zeit schwindlig ist und man sich die ganze Zeit dreht und dreht und dreht, während die Buchstaben auf dem leuchtenden Globus zu Kondensstreifenschatten verschwimmen. Aber niemals werden sie aus diesem Loch mit warmen, dampfenden Socken herausfallen, auf ein Stück trockene Wiese, während sie die Schranken und Hausschilder doppelt scharf wahrnehmen, der Zeitungsständer, der Winterstreubehälter, die zerstörten Parkbänke im Innenhof eines Gemeindebaus, alles sieht aus, als hätte man eine neue Brille bekommen, den Globus hat man angehalten und man kann die Städte erkennen, man kann erkennen, wieviele Menschen in diesen Städten wohnen, das Licht des Globus ist das Licht der tausend beleuchteten Fenster von Wohnungen, in denen Menschen sitzen, die von ihrer Angst nach Hause gekommen sind und jetzt alles in ihrem Wohnzimmer doppelt scharf wahrnehmen und alles ist an seinem richtigen Platz, die Füße sind trocken, der Atem geht unbeachtet in all seine Lungenbläschen und kurz ist alles angefüllt mit dem Staub der kleinen Dinge, an denen man sich festhalten kann, die Löcher sind alle geschlossen und die Betriebsanleitung der Rakete liegt am Wohnzimmertisch. Und niemals werden Menschen ohne Angst so glücklich sein können über diese Betriebsanleitung, wie jemand, der sich gerade selbst aus dem Staubsaugerrohr des Weltalls gepflopft hat.

Warum es viele Miniaturen gibt

Wie groß ein Mensch wird, macht man an seiner Umwelt fest. Viele Menschen orientieren sich an Eltern und Straßenbahnhaltegriffen. Andere wissen: solange die Socken anständig sitzen und das Butterbrot größer ist als der Mund, ist alles in Ordnung.

Die meisten Menschen sind sich aber dann doch selbst zu klein. Sie schlagen ihre Kinder, weil sie wissen, dass sie selbst zu klein sind, um die Gesetzgebung eines Landes zu ändern. Sie bauen Modelleisenbahnen, weil die Strecken der großen Lokomotiven von anderen längst festgelegt sind. Sie essen von kleinen Tellern, weil sie sich damit schneller satt fühlen und sie errichten die Sehenswürdigkeiten anderer Länder in ihrem eigenen Vorgarten, weil die Distanz zu diesen Bauwerken fünf Millionen mal größer ist als die Distanz von ihren Augen zu ihren Zehen und es schon genug schmerzt, wenn sie einmal umfallen.

Uhren sind aus demselben Grund erfunden worden: Der Mensch ist klein im Lauf der Zeit, Gestirne weit und riesengroß über ihm, selbst die Bäume viel höher und die Kirchenglocken größer als ihre Köpfe, in den meisten Fällen. Die Uhr ballt die Zeit auf eine annehmbare Größe zusammen: zuerst so groß noch wie das Bett, in dem Johann Bozik aus dem Herzogtum Teschen, viele Jahre geschlafen hat; später nur noch so groß wie sein Kopf, bevor ihm die Augenbrauen immer dunkler wurden; noch viel später konnte Johann die Zeit in seiner linken Hand halten wie eine frisch geerntete Walnuss, deren Rückstände der Außenschale seine Handfläche braun verfärbten und es drei Tage dauerte, bis nichts mehr davon zu sehen war.

Johann war groß auf die Welt gekommen, so groß, dass seine Mutter selbst ihm noch von den Schmerzen der Geburt erzählte; so groß, dass er die Mühle seines Vaters schon früh als sein persönliches Spielzeug ansah, obwohl doch das Dach der Mühle höher hing als der höchste Ast, der er auf den Nussbäumen daneben erreichen konnte. So groß, dass er lange Zeit nicht begriff, dass die anderen ihn als den Kleinen ansahen, dass der Vater zu ihm von oben herab sprechen wollte und die Mutter ihn so handlich auf ihrem Schoß wissen wollte, aus Angst, noch einmal dieselben Schmerzen durchleben zu müssen, wenn Johann noch einmal denselben verlassen würde.

Das Mühlrad seines Vaters war ihm bald zu klein, denn nachts, vor dem Einschlafen, da schien es ihm, als könnte er es sich über den Ringfinger ziehen. Er schleppte nach der Schule Baumstämme an den Platz neben der Mühle und baute ein größeres, eines, das ihm angemessen groß erschien und die Mühle noch dazu. Der Vater sah ihm zuerst staunend zu: er meinte, der Sohn würde wohl einen Zaun errichten. Aber als er sah, dass auch innerhalb und außerhalb des vermeintlichen Zaunes alles voller Streben und Balken war, da fragte er zuerst Johann, was er denn anstelle, worauf Johann antwortete: eine Mühle bauen, die groß genug für mich ist. Der Vater ohrfeigte Johann und schließlich das Mühlrad, so dass es zerfiel, entrüstet darüber, dass sich sein Sohn größer glaubte als der Vater.

Der Vater, so meinte Johann, dachte vielleicht, er wäre zu klein für die Mühle. Er beschloss, einen Vater zu bauen, der groß genug für die Mühle wäre, die wiederum Johann groß genug erschien. Der Vater müsse seine eigene Größe erst bemerken können, meinte Johann, und ein nachgebauter Vater der dem Originalvater auch noch in die Augen sehen könne, wenn dieser nachts in seinem Bett lag und das Mühlrad still stand, würde ihm doch wohl am meisten bei dieser Einsicht helfen können. Und wieder trug Johann nach der Schule Baumstämme zusammen, denn mit Holz wusste er mittlerweile schon einigermaßen umzugehen. Der Vater beäugte das Tun seines Sohnes misstrauisch. Johann hatte den Nachbauvater zuerst in Teilen fertiggestellt, die Arme und Beine lagen im Garten rum, die Nase und die langen Sägespäne, die den Schopf des Vaters bilden sollten, lagen noch neben seinem Gesicht. Erst als er alle Teile beisammen hatte, stieg er auf eine Leiter und baute den Vater zusammen.

Als der Vater abends aus seiner Mühle trat, sah er in der Dämmerung einen seltsamen Baum vor sich stehen: fünfmal so groß wie sich selbst und ganz kahl, wo doch gerade Frühsommer war. „Johann!“ rief der Vater und Johann antwortete neben ihm, er hatte ihn nicht gesehen, er war doch so klein und es war schon so dunkel. Was das sein solle, fragte ihn der Vater. „Das, Vater, bist du“, sagte Johann. „So groß, wie du eigentlich bist.“ Der Vater schaute auf den Vaterbaum und er sah vor sich nur die Kniegelenke, die Ähnlichkeit mit dem Mühlrad hatten. Ich bin ihm also zu klein, dachte der Vater, ich bin sogar meinem kleinen Sohn zu klein, er muss sich einen riesigen Vater bauen. Sein Vater rannte so schnell zwischen die Beine des nachgebauten Vaters, dass Johann keine Zeit mehr blieb, noch etwas anzufügen – schon hatte der Vater sich zuerst den Fuß wehgeschlagen an den massiven Vaterbeinen und dann, vor lauter Wut, seine Lampe über dem linken Vaterfuß zerbrochen und damit den großen Vater in Brand gesetzt.

Der große Vater brannte die ganze Nacht, das Feuer griff auf die Mühle über. Der kleine Vater weinte und sagte seinem kleinen Sohn, er müsse gehen, er wolle ihn nie wieder sehen, er solle ihm nie wieder unter die Augen treten.

Johann Bozik packte sein Werkzeug zusammen und verließ die Familie. Er ging weiter zur Schule und versuchte seinen Lebensunterhalt mit seinen handwerklichen Fähigkeiten zu bestreiten. Jetzt hatte er gelernt, dass er die Menschen mit großen Konstruktionen verärgerte, er musste sich auf Kleineres verlagern. Außerdem hatte er nun nicht mehr den Platz im Garten, sondern nur ein gemietetes kleines Zimmer zur Verfügung. Und so schnitzte und bastelte er auf Auftrag der Kunden die Dinge, die sie sich gewünscht hatten, als Miniatur. Nicht immer war die Miniatur als solche gewünscht, aber selbst die Pflüge und Webstühle, die er für Kunden herstellte, die eigentlich einen großen Pflug oder einen großen Webstuhl bestellt hatten, verzückten die Menschen sehr, sobald Johann ihnen ihren Miniaturpflug oder Miniaturwebstuhl überreichte. „Den kann ich ja in unsere Puppenstube stellen!“ riefen sie begeistert aus. Drei Tage später kamen sie wieder und zeigten den kleinen Teppich vor, den sie mithilfe des kleinen Webstuhls gewoben hatten und überließen Johann soviel Geld, als würden sie für einen echten Webstuhl zahlen.

Viel Geld war auch das freilich nicht und so kam es, dass Johann, als er einmal nach Olmütz kam und den Auftrag bekam, die dortige Uhr am Rathaus (die so groß war wie sein Vaternachbau damals, weswegen ihn eine eigenartige betrübliche Stimmung überkam) zu reparieren, die Kaution dafür nicht bezahlen konnte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Uhr nochmal als kleines Modell nachzubauen und die Reparaturen mit Streichhölzern vor den Augen des Olmützer Bürgermeisters nachzuspielen. „Aha“, sagte der Bürgermeister und wies Olmützer Handwerker an, die Uhr zu reparieren, Johann bekam einen Laib Brot geschenkt, der doppelt so groß war wie sein Kopf und wurde heimgeschickt.

Johann war nun ein junger Mann und hatte schon viel von der Welt begriffen. Dass die Leute immer zuerst wütend werden, wenn man etwas Größeres baut. Dass es besser ist, kleinere Dinge, ja vielleicht sogar winzige herzustellen, denn je winziger etwas ist, desto mehr schmeichelt es den Menschen, weil sie sich daneben größer fühlen. Und, dass er damit gar kein schlechtes Brot verdienen könnte, denn, so sagte er sich, solang das Brot doppelt so groß ist wie man selbst, solange nagt man nicht am Hungertuch.

Sein Leben lang baute Johann kleine Maschinen, Uhren und andere Konstruktionen nach: manche fanden ihren Einsatz in Puppenstuben, manchmal ersetzte jemand seine Maschine durch eine Miniatur von seiner Hand, um sich beim Arbeiten größer zu fühlen; es kam auch vor, dass ein Kapellmeister zu ihm kam und sich wünschte, doch den Tambour als kleinen mechanischen Trommler nachzubauen, weil ihm dieser in echt um zwei gefühlte Köpfe überragte. Johann tat dies gerne und zur vollsten Zufriedenheit des Kapellmeisters, der sich endlich vorne am Zug der Musikkapelle wieder richtig groß fühlen konnte, denn das Geräusch der Miniaturtrommeln übertönte das Pfeifen seines Dirigierstabes nicht länger.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Bozik,_Johann

Wie man sich früher den Jahreszeiten entbinden wollte

1922 beschrieb Zhu Ziqing wie ihm die Lebenstage in Waschbecken und Reisschüssel verloren gingen, was ihn besonders verwunderte, denn zumindest die Reisschüssel hatte keinen Abfluss. Er monierte, dass die Tage nicht zurückkämen, so wie die Schwalben, die Blätter und Blüten und an die Wand geschlagene Bälle. Hier übersah er allerdings, dass niemals dieselben Schwalben zurückkommen, nie dieselben Blätter nachwachsen und man manchmal einen Ball an die Wand wirft und dieser als Ermahnung zurückprallt.

Die Lebenstage gehen sehr wohl mit den Jahreszeiten verloren. Blätter fallen wie Gelenksflüssigkeit aus den Bäumen, immer mehr Nebelkrähen tauchen als Rechnungen im Briefkasten auf, Marienkäfer sterben ab in den Haarballen, die sich aus all den ausgefallenen Haaren tagtäglich an den Zimmerkanten aufbauschen. Im Frühling und im Herbst hört man überall nur Totenglocken: Zeiten, in denen der Wechsel der Oberbekleidung eine so große Veränderung verursacht, dass man lieber aufgibt.

Früher hat man versucht, den Lauf der Jahre aufzuhalten, indem man im Winter Eis aus den Flüssen hackte. Der Winter ist die klarste Jahreszeit von allen: man hört alle Geräusche durch Schnee und Kälte lauter und eindeutiger, man spürt die Umrisse des Körpers am ehesten, da dort die Kälte als erstes zu schmerzen beginnt. Warum also nicht im Winter damit beginnen, das Jahr festzuhalten?

Das im Winter ausgehackte Eis wurde in Kellern gelagert und nur stückweise wieder ausgeliefert und in Schubladen gesteckt. Dort in den Eiskästen kühlte es die Schnitzel, als würde es für immer Winter bleiben. Manchmal vertrauten die Menschen den eingelagerten Eisblöcken zu sehr, sie spazierten mit einem Maßband über den leergehackten Fluss, die Algen knackten unter den Schuhen und legten mit Steinen Begrenzungen der zukünftigen Grundstücke. Sie sahen kleine Holzverschläge und Pelargonien in neuen Gärten vor dem inneren Auge erwachsen, vergaßen aber, dass damit die Zeit weiterlaufen würde: als die ersten Pelargonien gesät waren, kam die Frühlingsflut und wusch sie durch die provisorischen Gartenzäune hinaus in Abschnitte der Flüsse, die niemals leergehackt worden waren. Diejenigen, die sich retten konnten, starben an Stickfluss oder Lungenentzündungen, die Totenglöckchen bimmelten, der Frühling war ins Land gezogen.

Im Sommer konnte man dennoch in die Keller hinabsteigen und die Hände auf die Eisblöcke legen, als wären sie ausgestopfte Mammuts. Die zeitliche Veränderung wurde zu einer räumlichen: in den Untergeschoßen war es Winter, am Dach verbrannte man sich allerdings die Fußsohlen und Handflächen am Blech, die Sonne brannte Falten in die trockene Haut. Mit jedem Schritt, den man eine Kellerstiege hinaufstieg, verlor man binnen Sekunden mehrere Tage, durch die offene Kellertüre wehten rote Ahornblätter, Marillenblüten und Bucheckerungetüme herein; man ging als Kind in den Keller, das Mammut angreifen und kam, langsam und sich am Geländer abstützend, als Greis wieder aus dem Untergrund hervor.

Wie es kam, dass Ignaz Schmedla blühte

Schmedla, Ignaz (Porträtmaler, Geburtsort und Jahr unbekannt). Blühte in den Dreißiger-Jahren des laufenden Jahrhunderts. Dem Namen nach und nach dem Orte seiner Wirksamkeit ein Böhme. Nagler berichtet nichts weiter von ihm, als daß er Porträtmaler in Prag war, um 1830 blühte und sich zahlreiche Bildnisse seiner Hand finden. Andere Quellen kennen und nennen diesen Künstler nicht.“
(Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Schmedla,_Ignaz)

 

Bereits in den 1830er Jahren, als die Karlsbrücke in Prag noch nicht Karlsbrücke hieß, waren Porträtmaler an ihren Geländern aufgereiht wie Gänseblümchenköpfe, deren Stiele man aneinander geknotet hatte. Nur waren die meisten dieser Gänseblümchenköpfe, die da hinter Staffeleien und andrem Arbeitsmöbel saßen, keine richtigen Gänseblümchenköpfe, sondern kahlgerupfte Sonnenhüte.

Unter ihnen war auch Ignaz Schmedla, der irgendwo geboren war und als er sich seinen Kollegen auf der Brücke vorstellte, da nickten sie, denn ein Schmedla, dachten sie, das war vermutlich ein Landsmann. Tatsächlich war die Muttersprache von Ignaz Schmedla deutsch und während seines Aufenthaltes in Prag war einiges Tschechisches in seine Ohren gerutscht, nur so richtig reden traute er sich nicht.

Da saßen sie also den ganzen Tag lang und malten Porträts von Menschen, die sich vor ihnen hinsetzten, manche freilich nur versehentlich, weil ihnen die Füße weh taten. Ignaz Schmedla war ganz besonders eifrig und an den meisten Sommertagen brannten abends seine Hände und Unterarme, denn sie hatten unter seinem Sonnenhut hervorgeguckt. Immer wieder dachte er abends „morgen packe ich mir Handschuhe ein“, aber entweder er vergaß es oder er vergaß es nicht, zog die Handschuhe an und zog sie sofort wieder aus, denn Handschuhe auf Sonnenbrand an einem heißen Sommertag sind sehr unangenehm.

Eines Tages rollte etwas Riesiges auf die Porträtmaler heran und die anderen, die hinter dem riesigen Rad einen Freund erkannten, grüßten ihn schon laut in die Ferne. Ignaz Schmedla war vertieft in das Porträt eines kleinen Kindes, das partout nicht an der Hand seines Vaters die Brücke überqueren wollte und sich vor ihm trotzig schreiend niedergesetzt hatte. Der Vater versuchte Ignaz Schmedla zu erklären, dass er nicht zu malen hatte, aber Ignaz Schmedla malte weiter, denn er verstand nur halbe Sätze und der Vater war zudem mit dem greinenden Kind sehr beschäftigt.

Das riesige Rad war indes herangerollt und wurde johlend von den anderen Malern umringt. Ignaz Schmedla malte den Trotzrotz, der dem Kind aus der Nase fuhr. Schließlich aber hob der Vater sein Kind auf und trug es fort. Da konnte Ignaz Schmedla endlich den Kopf heben und sich ansehen, was herangerollt war: Es war eine Riesenrafflesie.

Wie er später aus den Nacherzählungen, seinen Notizen und seinem kleinen Handwörterbuch erfuhr, spielte der Bekannte, den die anderen nur Jiri nannten, eine Rolle in einer Operette. Die Operette erzählte eine Liebesgeschichte zwischen einem Astronom und einer Einheimischen auf der Venus und weil gerade nun Reisebilderbücher sehr berühmt waren, vor allem wenn sie ferne Fauna und Flora zeigten, so hatte man das Bühnenbild kurzerhand nach den Darstellungen der südostasiatischen Pflanzenwelt gestaltet. Auf der Venus würden gewiss auch die Pflanzen singen können, also hatte man nicht die gesamte Rafflesie nachgebildet, sondern einen Hut aus Pappmaché gebaut, den Jiri beim Singen tragen sollte, denn Jiri sollte die Riesenrafflesie, mit der die einheimische Hauptdarstellerin eng befreundet war, spielen. Jiri aber hatte eine hypermobile Halswirbelsäule und konnte den Rafflesienhut nicht länger als zwei Minuten am Stück tragen. Also wurde ein weiterer Rafflesienhut, nur kleiner und leichter, extra für ihn angefertigt.

Die Riesenrafflesie stand nun untätig in der Ankleide herum und als sich ein anderer Sänger an ihr den kleinen Zeh prellte, wurde beschlossen, die Rafflesie zu entsorgen. So rollte Jiri schließlich mit der Rafflesie über die Brücke, wurde von seinen Freunden aufgehalten und schließlich der Rafflesie enthoben.

Ignaz Schmedla hatte zugesehen, wie sie reihum die Rafflesie auf dem Kopf getragen und sich dabei im Kreis herumgedreht hatten wie eine junge Frau im Schwingrock. Vincenc musste sich gar an den Waden des heiligen Nepomuk festhalten, um nicht vom Gewicht der Rafflesie in die Moldau gekreiselt zu werden. Auch Ignaz hatte die Rafflesie schließlich aufgesetzt bekommen und zufrieden hatte er auf seine Hände geblickt: sie waren ganz im Schatten.

Als Ignaz Schmedla am nächsten Morgen auf die Brücke kam, da hatte Vincenc schon die Rafflesie auf und in eines ihrer Kronblätter hatte er Löcher gebohrt, in denen seine Pinsel befestigt waren. Ignaz beneidete ihn. Er richtete seinen Arbeitsplatz her und gerade, als er begann, eine Libelle zu malen, die sich auf dem Sessel vor ihm niedergesetzt hatte, da wurde er in den Schatten der Rafflesie getaucht. Er solle sie nehmen, erklärte Vincenc und deutende abwechselnd auf seinen Hut und auf Ignaz, schließlich wären seine Hände so rot wie die Blütenblätter der Rafflesie.

Seit diesem Tag hatte sich Ignaz Schmedla kein einziges Mal mehr die Hände verbrannt, obwohl er ununterbrochen ganze Sommertage durch auf der Brücke saß und malte. Immer mehr Menschen nahmen freiwillig und absichtlich auf dem Posiersessel Platz, denn, wie sie lachend erklärten, der Ignaz Schmedla, er blühte und während man still sitzen musste, so konnte man zumindest ein seltenes Pflanzenexemplar von der Venus begutachten.

Manchmal tat ihm zwar abends der Nacken gehörig weh, aber Ignaz hatte sich so schnell an die Rafflesie gewöhnt, es fiel ihm manchmal erst vor der Haustüre auf, dass er sie noch trug, und auch hier fiel es ihm nur deswegen auf, weil die Rafflesie breiter war als der Türrahmen.

Eines Tages ließ sich ein älterer Herr im Anzug vor seiner Staffelei nieder. Sie nickten einander zu und Ignaz Schmedla begann zu malen. Bevor er ging, fragte der Herr ihn noch auf deutsch, wie er hieße. Ignaz Schmedla, sagte Ignaz Schmedla und da reichte der Herr ihm seine Visitenkarte, hob seine Hände, schüttelte sie, machte dazu ein Froschgesicht und empfahl sich. Auf der Karte stand: Georg Kaspar Nagler, Kunsthistoriker zu München und Ignaz Schmedla überlegte sich, ob er seinen Namen zu tschechisch ausgesprochen hatte, während er an einem freien Pinselloch in seiner Rafflesie herumpopelte.

Warum es nicht gut ist, wenn man zuviel Zeit mit sich selbst verbringt

Eines Tages wacht man auf und die Zahnreihen passen nicht mehr aufeinander. In den vielen Nächten, die die Zähne aufeinandergepresst verbracht haben, haben sie sich auseinander gelebt. Scharfe Worte sind gefallen, einer hat den anderen geboxt und der dritte verließ türenknallend die Wohnung. Man wacht mit Muschelkalk zwischen den übrig geblieben, zerknirscht dreinblickenden Zähnen auf und fragt sich, was man verpasst hat, in all den Stunden, in denen man damit beschäftigt war, darüber nachzudenken, ob das Zurückziehen des Wassers am Ufer des Zürichsees einen drohenden Tsunami ankündigen würde oder nicht.

Nicht nur den Zähnen geht es so, auch allen anderen: den Haaren, den Zehen, den Hosenbeinen, den Schleimhäuten. Sie alle verbringen zuviel Zeit miteinander auf engem Raum bis es irgendwann nicht mehr geht. Der Kopf überhaupt ein einziges Parlament voller sich prügelnder Männer mit ungewaschenen Händen.

Wie in vielen Situationen hilft manchmal dann nur ein Krieg, um von der eigenen inneren Instabilität abzulenken. Krieg alleine zu führen ist aber höchst unbefriedigend. Doch nicht immer stehen andere Körperstaaten für Krieg zur Verfügung. Glückliche Menschen, die auf einem Menschenkontinent aus vielen Kleinstaaten leben. Andere wohnen auf einer Insel mitten im Pazifik und selbst das Postboot kommt nicht mehr, seit es das Internet gibt.

Viele vernünftige Menschen halten sich aus diesem Grund Imaginierte Andere Menschen. Imaginierte Andere können einem helfen, zuträgliches Verhalten einzustudieren, das einen davon abhält, mit einem Regenschirm wild um sich zu schlagen ohne jemals einen aufrührerischen Selbstinsassen zu treffen. Der Regenschirm schneidet nur durch Luft, die man erst in der Nachmittagssonne als Pudding im Wohnzimmer sehen kann, der Regenschirm macht ffffft, ffffft und der Arm ermüdet unbefriedigend rasch.

Imaginierte Andere schalten Auto- und Küchenradios ein und wünschen sich unerträgliche Musiksender. Das Radio wurde erfunden, um einsame Menschen zu bestrafen. Mit dem Radio wächst man am morgendlichen Elterntisch auf, es läuft und läuft; später hört man eine Weile lang nur noch selbstgewünschte Musiktitel und das Radio ist zurückgedrängt auf Wartezimmer, Supermärkte und lange, internationale Busfahrten. Wenn man aber zu lange alleine mit sich selbst ist, tritt hier der Imaginierte Andere auf und schaltet das Radio ein: Warum sich allein selbst zermartern wenn man sich doch so leicht in ein Imaginiertes Ärztewartezimmer begeben kann.

Imaginierte Andere erteilen auch gerne Aufträge, die sie pädagogisch wertvoll nennen. Der Müll muss runtergetragen werden, das Geschirr abgewaschen, die Teppichfransen gekämmt. Ein Teppich mit Teppichfransen muss angeschafft werden, um Fransen kämmen zu können, denn wo keine Fransen sind, kann der Imaginierte Andere nicht anordnen, diese zu kämmen. Der Imaginäre Andere ist ja nicht blöd. Es ist alles zu deinem Besten, sagt der Imaginierte Andere, kämm jetzt endlich die Fransen und hör auf, nachzudenken.

Warum sich viele Eltern für eine Maus entscheiden

Seit der Einführung der verpflichtenden postnatalen Entscheidung über Kind oder Maus entscheiden sich immer mehr Eltern für Mäuse. Mäuse, das betonen auch gerne die beratenden Ärzte, sind einfach pflegeleichter. Mäuse brauchen keine genderkonforme Kleidung, Mäuse wachsen wenig, Mäuse schießen keine Gegenstände durch Wohnungen. Mäuse, so der beratende Arzt, sind die ideale Alternative für Kinder, die 50 cm im Jahr wachsen, ständig erbrechen und Kindergartenfreunde haben, für die man Snacks bereithalten muss. Mäuse, betonen die beratenden Ärzte gerne, fallen nicht in die Schulpflicht, Mäuse essen bereitgestelltes Gemüse sehr gerne; wenn man eine Maus nicht verlieren möchte, so sperrt man sie einfach in einen Käfig. Versuchen Sie das einmal mit einem Kind, sagt der Arzt. Sie müssen allerdings bedenken, fügt die beratende Ärztin nach einer Weile hinzu, dass die durchschnittliche Lebensspanne einer Maus doch um einiges geringer ist als die eines Kindes. Ihre Maus wird sehr schnell erwachsen werden, sagt sie, aber wenn Sie es nicht unbedingt wünschen, wird sie sich bis an ihr Lebensende nicht selbstständig machen.

Einige Minuten also, nachdem die Eltern mit dem Gebären fertig geworden sind und erwarten, dass man ihnen das abgetrocknete Kind auf den Brustkorb legt wie eine alte Katze, steht die Hebamme, das Kind vor sich gestreckt, in sicherer Entfernung und sagt: N-n, zuerst die Frau Doktor mit der Frage. Die beratende Ärztin tritt mit Informationsblättern ins Zimmer ein und klärt die Eltern auf. Die Entscheidung kann nur in Sonderfällen aufgehoben werden und meist erst nach jahrelanger Psychotherapie, sowie vielen Behördengängen. Wenn Sie sich für die Maus entscheiden, dann leben Sie ab jetzt mit einer Maus. Wenn Sie sich für das Kind entscheiden, dann habe ich hier noch ein Formular, tragen Sie bitte ganz oben rechts den Namen des Kindes ein. Nein, eine Maus benötigt keinen Namen, ein weiterer Vorteil, Sie können ihr zwar einen Spitznamen verabreichen, es stört aber nicht, wenn Sie sie einfach Maus nennen, das machen immerhin die meisten so.

Die Eltern, nach dem Referat des Arztes eingeschüchtert und verstrickt in Vorstellungen, die pubertierende rotwangige Jungen, einen leergeschwappten Swimmingpool an Deck eines Kreuzfahrtschiffes und kindergesicherte Mobiltelefone involvieren, sehen einander an, nicken und einer sagt leise und bedächtig: die Maus, bitte. Der Arzt deutet darauf der Hebamme, die das Kind aus dem Zimmer trägt. Später kommt sie zurück, eine kleine Schachtel in den Händen, die oben zugeklebt ist und in die Luftlöcher hineingestochen wurden. Es ist eine Schachtel für Arzneimittel, aber natürlich befinden sich keine mehr darin, sondern: eine Maus, ein kleiner Ballen getrocknetes Gras und einige verstreute Sonnenblumenkerne. Die Kopie des Informationblattes A wird den Eltern nach der Unterschrift ausgehändigt, darauf Ernährungshinweise und Empfehlungen zur Einrichtung eines Käfigs. Sie können die Maus natürlich auch frei herumlaufen lassen, sagt die Ärztin, aber passen Sie auf mit Ihrem Staubsauger und etwaigen anderen Tieren.

Eineinhalb Tage nach der Geburt dürfen die Eltern dann das Krankenhaus verlassen. Derjenige, der nicht die Autoschlüssel in der Hand trägt, trägt die Maus in ihrer Schachtel. Es ist unangenehm, in dieser Luftlochbox zu leben, denken die Eltern, die schon das erste Band zu ihrer kleinen Maus knüpfen, aber wir sind ja gleich zuhause und dann fängt das richtige Leben an.

Nachdem die Eltern sich mit ihrer Maus im neuen Leben eingelebt haben, können sie das alte wieder aufnehmen. Der Vorteil von Mäusen, sagte der Arzt, ist, dass sie wirklich auch einige Stunden unbeaufsichtigt bleiben können. Wenn beide Elternteile sich zufällig am Heimweg von der Arbeit am Briefkasten treffen, so lächeln sie sich zu und einer sagt: es ist schon besser so. Stell dir vor, jemand hätte den ganzen Tag… Und sie schleichen auf Zehenspitzen in die Wohnung, denn manchmal kam es bereits vor, dass die Maus bei ihrer Rückkehr geschlafen hatte. Dann fotografierten sie sie leise und luden das Bild ins Internet, damit andere Eltern sehen konnten, was für eine friedliche kleine Maus sie haben.

Wenn sie mit anderen Eltern reden, durchfährt es sie manchmal wie ein vibrierendes Telefon, das man in seiner Hosentasche vergessen hat, wenn diese von Emma oder Louis erzählen. Sie müssen es abschütteln, stoßen meist ein hastiges „Haha, was unsere kleine Maus letztens gemacht hat, also das war so…“ aus. Die Augenlider der anderen Eltern kippen dann leicht an den Horizont. Über Mäuse kann man leicht reden, wenn sie noch jung sind. Bleiben die einen Eltern mit den anderen Eltern befreundet, bis die Kinder der anderen Eltern die Volksschule besuchen, so kommt es manchmal zu peinlichen Gesprächen. Plötzlich ist von keiner Maus mehr die Rede. Als hätte es nie eine Maus gegeben, als wären die letzten Dinkelflocken unter dem Sofa hervorgekehrt, so wenden sich die Eltern den Namen der Kinder in der Nachbarschaft zu. Manchmal an brummenden Spätsommertagen senkt ein Elternteil dann seine Stimme und sagt: wir haben unlängst den Antrag eingereicht, es kommen jetzt schwierige Jahre auf uns zu, aber am Ende lohnt es sich vielleicht. Man kann nicht für immer eine Maus haben, sagen sie, das war uns ja schon zu Beginn bewusst. Wisst ihr denn überhaupt den Namen, fragt dann ein Teil der anderen Eltern und fügt hinzu: Also, wenn es meines wäre und ich wüsste den Namen nicht, ich würde da für immer misstrauisch bleiben.