Was an langen Wochenenden in meinem Büro entsteht

Das Osterwochenende ist nicht lang, wenn man sich keine zusätzlichen Urlaubstage nimmt. Am Samstag werden für zwei einkaufsfreie Tage Besorgungen erledigt, an den zwei einkaufsfreien Tagen wird aufgegessen, was herangeschafft wurde. Dazwischen wachsen die kleinen Sommerblumensprossen am Balkon, zwei Autos krachen davor ineinander, einen Block weiter wird kurz auf der Straße getanzt, eine Hochzeit. Es kommen Wolken in die Stadt und ich schlafe schlecht.

Am Dienstag gehe ich ins Büro und alles ist sonderbar still: der Bus noch leer, niemand schlägt Räder im Park, nur wenige streben dem Gebäude zu, im Stiegenhaus am lautesten der Wind von den paar Fenstern, die geöffnet wurden, um den eingeheimsten Jesus wieder herauszulassen.

Am Gang vor meinem Büro sind Stimmen zu hören, mein Schlüssel klimpert lauter. Die Stimmen kommen aus meinem Büro. Das kann ich hören, weil jedes Büro seinen eigenen Klang hat. Nebenan aus dem Professorenbüro klingen alle Geräusche und Gespräche stets nach Professorenbürogeräusche. Aus meinem Büro klingt immer alles verhalten und weich. Es muss der Unterschied sein zwischen fremden Körpern und dem eigenen, wie man alles verschieden wahr nimmt. Aus meinem Büro kommen weiche fremde Stimmen, als hätte sich ein kleines Meeting eingenistet. Der Schlüssel im Schloß ist zu laut, die Tür heult, das tut sie schon lang, sie hat das Geräusch aus meinen Fingern gezogen und kultiviert.

Kurz erwarte ich, den emeritierten Professor anzutreffen, vielleicht hat er sich Doktoranden eingeladen oder einen Kollegen. Sonst ist nie jemand in meinem Büro, der nicht zu mir kommt.

Ich öffne die Tür und sehe niemanden. Ich muss das Licht anschalten, es ist ein bewölkter Tag, ich hatte den Vorhang zugezogen, damit sich nicht schon versehentlich in meiner Abwesenheit der Sommer ins Zimmer schleicht, der alles brenzlig werden lässt.

Es ist niemand da. Mein Büro ist noch immer das Sammelsurium an Zufällen, in der Zusammenstellung, seit ich hier angefangen habe: eine Pflanze, die jetzt ein neues Blatt bekommt, über das Osterwochenende ist es 3 Millimeter gewachsen. Meine Formularmappe, mein PC. Die Box mit den riesigen gezeichneten Plänen, die manchmal zerbröseln, an den Ecken, wenn man lüftet. Das Waschbecken mit dem Spiegel, den ich ganz praktisch finde, falls ich im Büro anfange, seltsam auf mich selbst zu wirken. Sessel, Tische, eine alte Schreibmaschine, nicht alt genug, um hübsch auszusehen, aber alt genug, um ordentlich Staub und schlafende Hornissen anzusetzen. Es ist still.

Neben der Tür hängt noch immer Reinhold Messner, den der emeritierte Professor aufgehängt hat, auch er ist still. Die Kästen sind verschlossen und zittern nicht einmal auf die Weise wie sie es oft tun, wenn im angrenzenden Seminarraum etwas auf die Tafel gezeichnet wird. Die Kisten unter den Tischen und auf den Schränken, in denen Geheimnisse oder Tote liegen, stehen unverändert verschlossen herum.

Ich gehe mir die Hände auf die Toilette waschen, ich traue dem Waschbecken im Büro nicht, es wird kaum verwendet. Mir ist klar, dass es ziemlich unsinnig ist, mir die Hände zu waschen und davor und danach den dreckigen Schlüsselbund in der Hand zu halten, zu bewegen. Noch nie habe ich eine Geschichte gelesen, in der mit nassen Schlüsseln etwas aufgesperrt wird, vielleicht sperren nasse Schlüssel nicht. Ich bin vorsichtig, ich möchte nicht am Gang landen, während meine Jacke und meine Tasche eingesperrt ist mit unsichtbaren murmelnden Personen.

Mit dem trockenen Schlüssel sperre ich sacht die Tür auf, leiser als die von innen vernehmbaren weichen Stimmen. Die Tür aber heult auf, sie kann nicht anders.

Ich sehe drei Schatten unter dem hinteren Schreibtisch, auf dem die mittelalte Schreibmaschine (und eine Spielzeugschreibfeder und zwei Kaffeehäferl, die innen Staub angesetzt haben) steht, verschwinden. Es ist eindeutig Eduard Mörike, dreimal, dreimal mit Brille. Ich kenne mich nicht gut mit den Gesichtern von Menschen aus und brauche lange, um mir welche zu merken. An mir sind sehr viele Berühmtheiten schon beim Einkaufen vorbeispaziert, es fiel mir nicht auf.

Einige Gesichter gibt es allerdings, die brennen sich ins Gedächtnis, wenn man sie einmal gesehen hat, sodass man sie fortan überall wiedererkennt: auf den Fotografien von Kurzkopffröschen, auf Reisetaschen, Häuserfassaden, im Kartoffelpürree, im Spiegel. Überall das Gesicht von Eduard Mörike, manchmal mit, manchmal ohne Brille.

Was soll ich sagen, es ist in Ordnung. Unter dem anderen Tisch liegen die Toten und die Scherben, liegt eine eingerollte, alte Schreibtischlampe, liegt ein halb umgeschlagener Plastiksack, in den ich nach neun Jahren immer noch nicht reingesehen habe. Jetzt halt auch noch dreimal Eduard Mörike. Ich werde mich räuspern, bevor ich die Tür aufsperre, ich werde die Pflanze, nachdem ich sie kurz unter den Wasserhahn am Waschbecken gehalten habe, wieder ganz sacht zurückstellen auf den Tisch. Ich werde Eduard Mörike nicht wecken, wenn er vielleicht gerade schläft.

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