Woraus die Vergangenheit entsteht

Ich bin an dem Tag geboren, an dem mich Marianne mitnimmt zu ihrem Onkel, der neben der Schnellbahn wohnt. Wo er wohnt, stehen in Kleingärten Kleinhäuser neben heißen, großen, scharfkantigen Steinen in Gleisbetten, die nach Blut riechen, aber nur, solange die Sonne darauf scheint. Manche Kleinhäuser sind ausgebaut, aber noch lange keine Großhäuser, aber hinter ihnen stehen aufgestellt Schwimmbecken und Sandmuscheln und Bäume, die Wäscheleinen tragen, auf denen T-Shirts flattern, die nach Blut riechen, aber nur, solange die Sonne darauf scheint.

Mariannes Onkel hat kein Schwimmbecken und Mariannes Spielzeug im Garten vom Onkel ist das anderer Kinder. Mariannes Onkel hat keinen Namen und existiert auch nicht recht, Marianne hat keine Tante, der Onkel ist aus dem Nichts erstanden, aber eine Hand hat er, die Schillinge abzählen kann, die Marianne und ich dann zur kleinen Hütte, die am Eingang zur Siedlung steht, tragen, eine Hütte mit kleinem Garten, aber keinem Schwimmbecken, keiner Sandmuschel, sondern drei Bierbänken und einer Eistruhe, die nach Blut riecht, wenn die Sonne zu lange darauf scheint.

Marianne nimmt mich mit zu ihrem Onkel, weil sie weiß, dass es ein Tag aus der Zukunft sein wird, an den ich mich erinnere, der in mir entsteht, weil ich vorbeifahre an den Siedlungen, in denen Marianne ihren Onkel besuchen geht und mich mitnimmt, ein Tag, an dem wir seine Schillinge entlang von Bahngleisen tragen und man lässt mich von Marianne mitnehmen zu ihrem Onkel, weil man an den Onkel glaubt: es gibt einen Onkel, der holt sie ab von der Bahnstation, die da direkt vor der Schranke der Kleingartensiedlung steht, die nach Blut riecht, wenn die Sonne zu lange darauf scheint.

Das Einzige, was außer den Händen des Onkels vom Onkel noch in Erscheinung tritt sind zwei abgerissene Kinderfüße, die, am gegenüberliegenden Gleisrand sich in jeder alten Zeitung, in jedem Plastiksack, in jedem tatsächlich nachlässig hingeworfenem Erwachsenenschuh abzeichnen, wir stoßen uns Ellbogen in die Oberarme gegenseitig und sagen: da, das sind sie. Es sind die abgerissenen Kinderfüße des kleinen Peter, der am runden Schranken des Bahnüberganges, der hinter dem Eingang zur Kleingartenkolonie liegt, Räder geschlagen hat, am Schranken geturnt hat, als wäre es ein Reck oder eine Teppichstange, der, kopfüber hängend, die Geschwindigkeit der Schnellbahn unterschätzt und seine Fähigkeit, die Knie abzuwinkeln beim Zurückschwingen in die aufrechte Position überschätzt, der nicht schnell genug war, dessen Füße in den Turnschuhen mit den Klettverschlüssen von der Schnellbahn abgerissen und auf die andere Seite geschupft worden waren. Wie die Peterfüße in den Schuhen auf die andere Seite gefallen sind, während der fußlose Peter auf der einen auf den Boden plumpste und schon ohnmächtig war, bevor er schreien konnte, erzählt der Onkel in Sätzen, die sich in der Zeit ausdehnen, die auf die andere Seite der Bahn fallen, die dreißig Jahre überleben, als leere Trinkbecher, als weggeworfene Taschen, als ausgefranste Weinkartons, die neben den Schienen liegen und in denen wir die Füße in den Schuhen vom Peter erkennen zu glauben, weil sie niemals skelettieren.

Was auch niemals skelettiert, ist das Eis, das wir an der Hütte, die am Eingang zur Siedlung steht, nicht kaufen, wir behalten die 5 Schilling, wir halten sie solange in unseren Händen, bis sie nach Blut riechen und schauen hinüber auf die andere Seite der Gleise, wo ein Packen alter Zeitungen liegt, die auch die Füße vom Peter sein könnten und wenn sie lange genug in der Sonne liegen, riechen sie nach Blut.

Die fünf Schillinge lösen sich auf wie meine Großmutter, die mir, bevor sie tot ist, eine einzige Geschichte erzählt: die Geschichte von Karin, die drei Tage vor Weihnachten im Vorgarten ihrer Eltern einen Schneemann baut, dann aber keine Arme, Augen und Nase findet und sich, auf ihrer Suche nach den Schneemannattributen immer weiter vom Haus entfernt, die Straße überquert, überfahren wird und fünf Stunden später erst von ihrer Mutter gefunden. Sie erzählt die Entfernung Karins vom Elternhaus so langsam und betont wie Mariannes Onkel die Füße von Peter in seinen Schuhen, die im Bogen über die dahinrasende Schnellbahn auf die andere Seite der Gleise fliegen, gleich, denke ich, müssen wir losgehen und Karin suchen, die an einem Dezembernachmittag verloren gegangen ist und überfahren im Schnee liegt und wir werden sie in allem erkennen, aber meine Großmutter legt, nachdem Karin tot ist, die Tageszeitung nieder, aus der sie diese Geschichte vorgelesen hat, es ist Mai und bald darauf ist auch sie tot.

Es ist leicht, mir im Mai eine Geschichte aus der Zeitung vorzulesen, in der ein Kind in der Vorweihnachtszeit verloren geht. Noch leichter ist es aber, mit der Schnellbahn nach Norden über die Station Floridsdorf hinauszufahren: dort überall wohnen Onkel von Freundinnen in den kleinen Häusern neben den Ausläufern der Gleisbettsteine, die, wenn die Sonne lang genug darauf geschienen hat, nach Blut riechen und in den Zufahrtswegen, die staubig und steinig sich in die Kindersandalen der Vergangenheit drängen, sind noch die Fußspuren zu erkennen: von zwei kleinen Mädchen, zu jung, um lesen zu können, zu jung, um diese Kleingartenkolonie der Onkel zu verstehen, aber alt genug, um zu wissen, dass wir die Schuhe vom Peter nicht eindeutig erkennen müssen, alt genug, um zu wissen, warum alles, von dem wir erzählt bekommen, nach Blut riecht, wenn die Sonne länger darauf scheint.

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