Wie man als Kind einer Allegorie aufwächst

Einem Kind bleiben Stillleben ihrer Eltern im Gedächtnis erhalten, weil die Eltern jeden Tag dieselben Dinge tun, während das Kind jeden Tag wächst. Es bewegt sich um die Eltern, die nahezu unbewegt an einer stark befahrenen Kreuzung stehen, den Mund verziehend, angeleuchtet von den verschiedenen Jahreszeiten. Das Kind einer Allegorie wird sich daran erinnern, wie sie in der Küchentür stand, ihre Attribute in der Hand.

Das Kind der Allegorie geht hungrig zur Schule, denn die Mutter hält das mit Butter bestrichene Brot so hoch, dass das Kind jeden Morgen versucht hüpfend das Brot mit den Fingerspitzen zu erreichen, aber es doch nicht schafft. Es wächst, die Distanz zum Brot verringert sich, aber die Allegorie hält die Scheibe immer höher. Das Kind hat nicht viele Freunde in der Schule, es ist nicht echt, sagen die anderen, es schimmert so durchsichtig, wir wollen nicht mit ihm spielen. Niemand teilt seine Jause mit ihm, nur der Mann im Schulbuffet steckt ihm manchmal etwas zu.

Im Unterricht drehen sich die anderen oft zum Kind um und versuchen, Scherze über seine Mutter zu machen. Die Bilder in den Schulbüchern, auf die sie dabei deuten, zeigen Frauen, die Grabkränze, Schraubenzieher oder Schnupftabakdosen in die Luft. Das Kind hat aufgehört, hinzusehen, es sind alles keine echten Allegorien.

Das Kind trottet an den Hecken entlang nach Hause, ein Schlüssel baumelt schon an der Hand. Aber zwei Männer stehen vor der Wohnungstür, sie halten der Mutter ein Formular auf einem Klemmbrett mit Stift zum Unterschreiben hin, aber die Mutter kann nicht, sie muss die Waage halten und selbst, wenn sie die rechte Hand frei hätte, so würde sie nicht sehen, wo es zu unterschreiben gilt, denn ihre Augen sind verbunden.

Die Männer betreten die Wohnung vor dem Kind, es nimmt seinen Ranzen nicht ab, läuft den zweien hinterher. In der Hand halten sie nun Etikettenbögen, von denen sie Aufkleber abziehen, auf ihnen ist überall dieselbe Silhouette einer Frau, die einen Vogelkäfig trägt, abgebildet. Diese Aufkleber streichen sie auf all die Objekte, die sie im Haushalt der Allegorie finden, die ihnen wertvoll erscheinen: das Butterbrot, eine Sichel, die kleine hellgraue Katze, ein Stundenglas, die Tortenform, eine Schalmei, ein Weinstock, die Fernbedienung eines verlorengegangenen Spielzeugjeeps, den Dreizack und eine Sektflöte. Hintendrein läuft die Allegorie, aber nicht schnell genug, sie stößt an die Türstöcke, ihre Waagschalen klirren.

Das Kind wird sich erinnern, wie die Allegorie in der Küchentür stand, die Augenbinde mit dunklen Flecken, das Kind muss sich erinnern an die Telefonnummer des Reiterstandbildes, eine Nummer, die nur selten gewählt wird, meistens, wenn die Allegorie, an einer Hand das Kind, an der anderen den riesigen, gelben Plüschelefanten, aus der Tür zu stürmen versucht. Sie wird für immer dort stehen, Kind und Elefant an ihren Seiten, während sich das Kind aus dem Attribut zu lösen versucht und auf den Platz geht. Unter dem Bauch des bronzenen Pferdes ist es trocken, man kann sich an die Beine lehnen und falls die Kleidung des Kindes am Rücken davon schmutzig würde, so wäre es am nächsten Tag in der Schule vielleicht nicht mehr so durchsichtig.

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