Woran man merkt, dass der Frühling kommt

Am Balkon taut mein Aschenbecher und verschluckt alle Stummel, die ich in das Eis gesteckt hatte, wochenlang. Auf meinem kleinen Ipod erscheinen K-Pop-Lieder, mindestens zwei Saisonen alt, die ich niemals raufgeladen habe. Eichhörnchen laufen erst dann scheu davon, wenn sie einem am Weg ins Büro die Brille abgenommen und probeweise kurz getragen haben, die Brille bleibt allein liegen auf der feuchten Erde, aus der noch keine Blumen kommen. Die Luft ist dick wie ein Butterblock, man kann seinen Schlüssel auf Augenhöhe hineinlegen, er fällt nicht zu Boden. Die Vögel stehlen ihn, die kleinen, die man nur am lauten Geschrei und den glitzernden Schlüsselringen erkennt. Die Winterkrähen verlieren ihr Dämmerungsfell und fliegen in weißen Gruppen durch den Himmel, stumm, damit man sie nicht mehr von den Wolken unterscheiden kann.

In den Möbelhäusern, Baumärkten und im Lebensmittelhandel versammeln sich Scharen von Hasen. In ihren kleinen Pfoten halten sie Blumen, Eier, Herzen, andere Hasen, Geschenkbeutel, Schafe, manche tragen sehr schwer. Jedes Jahr sind es neue Hasen, sie kennen sich nicht aus. Jemand muss ihnen aber, sobald der Frühling kommt, flüstern, dass sie nichts und niemandem etwas schuldig sind, dass sie keine Opfer bringen und niemandem die Aufwartung machen müssen. Sie können ihre Pfoten senken, sie können ihre Mitbringsel verstauen, sie können die Eier heimlich unter die Regale kullern lassen. Und sie werden verschwinden, einer nach dem anderen, bis kein Hase in der ganzen Stadt mehr aufzufinden ist, weil sie niemandem etwas schuldig sind.

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