Wie der Mond betreten wird

Der Mond ist ein runder Langflorteppich, eineinhalb Meter im Durchmesser, im Inneren einer in Form eines Achters, der Flugbahn der Apollo 11 nachempfundenen Sonderausstellung im Technischen Museum Wien. Krater und Rillen erscheinen, wenn jemand gegen die Streichelrichtung des Teppichs darüber schlurft. Am ersten Tag der Ausstellung ist der Teppich noch sauber, dann sammeln sich Krümel und Haare darin, von all den Stadttieren, die sich tagsüber unter den abgestellten Lokomotiven des Museums einrollen und sich nachts erst nach Sperrstunde hervortrauen. Die Schrift an den Wänden innerhalb der Flugbahn ist zu hoch, um von den Nachttieren des Museums gelesen zu werden, nur der Mond, von zwei Perlenvorhängen vom Rest der Ausstellung getrennt, ist erreichbar, der Teppich so einladend. Das blaue Licht, das die Mondoberfläche beleuchtet, ist nachts ausgeschalten. Die Tiere, die am Mond im Museum nachts schlafen, sehen die Erde nicht mehr.

Im Jahr 2019 ist es zu einem kleinen Spiel geworden, die Zuhörenden bei Erzählungen der Mondlandung zu fragen, wo sie waren, als der Mond zum ersten Mal betreten wurde. Der Mond, so wird gesagt, kann nur betreten werden, wenn man sich erinnert. Wenn sich jemand nicht erinnern kann oder rundheraus überzeugt lachend sagt, zu dieser Zeit noch gar nicht auf der Welt gewesen zu sein, dann hat die Mondlandung nicht statt gefunden. Um die Mondlandung mitzuerleben, musste man für fünfzig Jahre jeden einzelnen Tag auf der Erde miterleben: den nassen Asphalt, die Gewitter, all den Schluckauf, den dünnen Filterkaffee, die durchweinten Nächte, die geschälte Haut, die Gehaltsabrechnungen, die Einsatzwägen der Rettung, die immer um viertel Zehn vor den Nachbarhäusern erscheinen und blinken, bis man sie so sehr vergessen hat, dass der richtige Moment, hinter dem Vorhang hinab auf die Straße zu blicken und zu erkennen versuchen, wer dieses Mal dran war, vorübergeht ohne bemerkt zu werden. Im Jahr 1969 war man sich sicher, die Mondlandung wäre das allerwichtigste Ereignis der Menschheit, für immer. Dann kamen die Jahre, die Monate, die Tage, dann kamen die Knieschmerzen, die Todesfälle, die Entlassungen, das kaputte Türschloss, die Schlagzeilen, jeden Tag neue, der radioaktive Regen, die Kriege, das Internet, der Rauch, die Müdigkeit, die Sonne, jeden Tag neu, solange man sich an die Mondlandung erinnern kann.

Der Mond, der kleine Spiegel der Erde, hing schon immer am Himmel. Wie eine runde, an der Wand in Augenhöhe gewachsene Scheibe im Vorzimmer, in die man einen letzten Kontrollblick schickt, bevor man ausgeht. Was man sehen kann, kennt man: die Krater, die Alleen, Pfade der Mondbewohner, die sicherlich in Sandsteinhöhlen leben, weil die Mondoberfläche so lebensfeindlich erscheint. In dem gespiegelten Gesicht müssen dieselben Strukturen unter der Haut vorhanden sein, die man an sich selbst ertasten, aber nicht betrachten kann. Die Mulde in der Wange, die langsam größer wird, in der der Kieferknochen langsam zurückgeht, die vor Nordwindtagen schmerzt, in der war früher ein Meer: als Jugendlicher hatte man einmal eine Meeresmuschel gefunden in einem Gebirgsbach, 170 Kilometer von den letzten Blasen einer aufgeworfenen Meereswelle entfernt. Undenkbar, dass das betrachtbare, gespiegelte Gesicht aus etwas anderem besteht als aus Knochen, Schalen, Sehnen, Muskeln, Salz, Fettgewebe: undenkbar, dass dieses Gesicht, würde man es einmal mutig berühren, nicht zurückweichen, sondern starr und gläsern nach und nach den berührenden Finger abkühlen würde.

Der Mond ist ein eineinhalb Meter im Durchmesser spannender Langflorteppich, im Herzen einer kleiner Sonderausstellung zur Mondlandung im Technischen Museum Wien, neben der ein riesiges Plakat eine alte Fotografie der Station Großmarkthalle der Elektrischen zeigt, die ab 1914 zwischen Wien und Bratislava verkehrte. Das Plakat ist fast so groß wie die gesamte Ausstellung und selbst der kleinste Kopf eines ehemaligen Passanten neben dem Wagen der Elektrischen ist größer als das Stück Mondgestein, das daneben als Leihgabe des Naturhistorischen Museums ausgestellt wird. Das Mondgestein wurde großzügig verteilt, die 380 Kilogramm in Etappen auf die Erde geliefert und zerstreut: mehr als die Hälfte der verschenkten Mondsteinchen so gut verteilt, dass sie als verschollen gelten.

Der Mond, der kleine Vorzimmerspiegel, zeigt seine Meere, Mulden, Krater denen, die in ihren Händen seine kleinen Steine halten können, wie ausgehoben aus den Löchern. Die Lichter, die vor vierhundert Jahren am Mond beobachtet, notiert und den in Sandsteinhöhlen lebenden Mondbewohnern zugeschrieben wurden, sind die Reflexionen von all den 180 Tonnen Gegenständen, die im Gegenzug in der Zukunft zurückgelassen werden würden: Wägen, Geräte, Hüllen, Vogelfedern, Fotos. Beim letzten Blick in den Spiegel vor dem Ausgehen leuchtet die Straßenlaterne vor dem Fenster so verkehrt aus dem Spiegel heraus, dass man zurückgehen und kontrollieren muss, ob die Zimmerlampe tatsächlich ausgeschalten ist. Um das zu Überprüfen, schaltet man das Licht ein und wieder aus. Aus dem Spiegel blinkt es ein letztes Mal auf, bevor die Mondoberfläche in Dunkelheit versinkt: die Sandsteinhöhlenbewohner rühren sich nicht, die Tiere auf dem Teppich schlafen ein, die Gleise der Elektrischen werden abgetragen. Es wird leicht zu vergessen, dass man zur Zeit der Mondlandung nicht auf der Welt gewesen ist, auf die eine oder die andere Weise.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s