Wo die ersten Städte in der Steiermark entstehen

Ich war heute im Museum für Geschichte in Graz und mir sind dort sehr viele Fragen begegnet. Eine habe ich aufgegriffen und beantwortet:

DqTMonaX0AAcpkO

Viele Städte sind aufgebaut wie Obst: sie besitzen eine historisch gewachsene Außenwelt, ihren Baum, eine von Menschenhand zusammengenähte Schale, die sich manchmal nur noch in einzelnen Fetzen, die von Fenstern und Wäscheleinen herunterwinken, erkennen lässt, sie besitzen Kerne. Schon früh habe ich von einem der größten Mysterien Österreichs gehört und noch ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht darüber nachdenke: es handelt sich um das Kreuz in der Nuss. (siehe z.B. Sage vom Erzberg)

Bei dem Kreuz in der Nuss handelt es sich um eine Art der Kunst wie Geister Menschen demütigen. Egal, was Menschen gegenüber Geistern als Wünsche kundtun oder tun, egal, wovon sie sprechen, alle Geistern können ihnen, bevor sie für immer verschwinden, noch zuflüstern: Warum hast du nicht nach dem Kreuz in der Nuss gefragt. Wassermänner flüsterten es, Berggeister flüsterten es, ich flüstere es gerne, wenn ich mit jemandem im Bett liege und derjenige bereits eingeschlafen ist und ich noch voller Geheimnisse, die es zu erzählen gibt: Warum nur hast du mich nicht nach dem Kreuz in der Nuss gefragt.

Aus solchen Nüssen, stelle ich mir vor, entstehen die ersten Städte der Steiermark. Aus den weichen Innentaschen der Walnüsse, aus den hohlen Herzen der Haselnusskerne, aus der allobservierenden Kastanie, die, tief aus dem feuchten Herbstlaub heraus, versteckt vor den gierigen Sammlerfingern, herausschaut und auf ihrem Gesicht versucht die Mondoberfläche so abzubilden, wie sie sich an sie von früh her erinnert. Lange müssen die steirischen Stadtnüsse nicht auf der Erde liegen: es regnet, es nebelt, es geht kaum ein Wind: zwei Beine bohren sich aus der Nussschale, der Schnabel pickt von innen ein Loch, er wird später einen Stadtturm stellen mit Ziffernblättern in den Nüstern, durch die die Zeit hindurchbraust. Zwei Sommer dauert es, bis diese ersten Stadtpflanzen, hervorgebrochen aus den Kernen, wiederum Früchte tragen, die, eine Weile müde am Boden gelegen, ohne viel Elan den Krähenschnäbeln und Eichhörnchenpfoten ausgewichen, schließlich aufbrechen, meist an den Stellen, an denen sich die Attribute die Nischenheiligen forsch an die Schale gedrängt haben: die Sterne einer Muttergottes drängen als Kopfkamm eines neuen Bürgerhauses, das Jesusgewehr des heiligen Nepomuk als Flügelspitze einer frischen, noch ganz verklebt vom Öl im Nusskern.

Aber machen ein Ziffernblatt, zehn Heiligennischen, ein Erkerfenster und der Spazierstock des ersten, neugierigen Mannes, der gleich der Einfachheithalber zum Bürgermeister erklärt wird, weil alle, die ihm nachfolgen, noch tagelang damit beschäftigt sein werden, die einzelnen Winkelgänge ihrer Nusshäuser zu erkunden, die Pfeile eines heiligen Sebastians nachjustieren und all die plötzlich sprießenden Wetterhähne vom Nussöl sauberpolieren müssen, denn schon eine ganze Stadt aus? Und zittern und winden sich unter den neu ausgerollten Bürgersteigen, unter den noch ganz unbeholfen im Wind baumelnden Ampelanlagen und den noch gänzlich unbeklebten Litfasssäulen nicht noch einige Nüsse und sind nur sanft als Erschütterung einer Straßenbahn, die es drei Jahrzehnte noch nicht geben wird, von den Fußsohlen der ersten Bewohnerinnen dieser vielleicht ersten Städte der Steiermark wahrnehmbar?

Wieviele Spazierstöcke, wieviele Heiligennischen, wieviele aufgebrochene Nüsse und am Ende doch verwelkte Arme von Krankenhäusern, vor der Blüte vertrocknete Kinderkarusselle braucht ein Ort, um zu einer Stadt zu werden? Ob die Kinder dieser vielleicht ersten Stadt nicht immer auch erst auf die Geister der ersten Nüsse treffen müssen, die ihnen gestellten Fragen ein bisschen unbeholfen, aber noch mit unverbrauchtem Mut beantworten, die geforderten Wünsche kundgeben und dann, mit den Händen voller Silbermünzen und einer nachwachsenden Feder auf einem Hut, der einen mit nur einem Wimpernschlag gleich zwanzig Meilen weiterträgt und am Ende doch auch immer öfter Platzreservierungen erfordert und Hutwärterhäuschen und laut in die Berge klingende Signalanlagen, weil sonst die sich weiterwünschenden Hutträgerinnen versehentlich auf den Schultern von jemandem landen, der diesen Platz schon besetzt und sie abschüttelt wie ein Walnussbaum im Herbst? Werden sie dann, die Hände voll, den Kopf behütet, sich zufrieden wieder von den Geistern entfernen und wird dann nicht der Geist ihnen leise hinterher murmeln: Aber nach dem Kreuz in der Nuss hast du nicht gefragt, natürlich nicht, und wird dieses Gemurmel nicht schon in den Rufen am Marktplatz, im Hupen der Taxifahrer, im Schreien eines headsettragenden jungen Mannes, der verzweifelt versucht, die Geschichte von Rumpelstilzchen nachzuerzählen, ohne nicht gleich am Anfang den richtigen Namen zu verraten, untergehen und die Kinder dieser Stadt, die eine in dem Moment geworden ist, in dem das Flüstern des Geistes untergegangen ist und kein Kreuz in der Nuss ihnen mehr nachhängt?

Manch eine Erklärung gibt es für dieses Kreuz in der Nuss und wäre ich gezwungen, die zum heutigen Tage für mich glaubwürdigste Wahrheit aufzuschreiben, ich würde schreiben: Das Kreuz in der Nuss referiert auf das Ortungssystem, das Eichhörnchen für sich entwickelt haben, um von ihnen vergrabene Nüsse Monate später wieder aufzufinden. Kein Eichhörnchen dieser Welt hüpft desorientiert durch den Wald und gräbt vergeblich, denn wo die Füße der Hörnchen den Boden berühren und die Nuss nah ist, glüht ihnen das Kreuz darin auf. Wie Reliquien leuchten diese Nüsse dann durch das Erdwerk, je näher und großpfotiger das Eichhörnchen, desto heller.

Die Geister denken nicht von uns, wir wären Eichhörnchen, aber sie wissen wohl, dass wir auch sehr Vieles vergraben: das Wertvollste und das Unheimlichste, das uns Verhassteste und das Peinlichste. Wir schieben es unter die Kopfpölster auf denen wir den Geistern begegnen, die uns nachflüstern, als letzte Traumerinnerung, die wir fälschlicherweise auf einen in den Traum eingedrungenen Weckerton identifzieren, warum wir nicht nach dem Kreuz in der Nuss gefragt haben. Warum wir nicht gefragt haben, wo unsere Nüsse liegen, mit den leuchtenden Kreuzen, mit den Kernen, aus denen alles irgendwann einmal hervorbricht, aus denen die Wände und die Türklinken und Lavalampen und Schnürsenkel und Kaffeemaschinen gewachsen sind, die uns umgeben. Wo die vergrabenen Nüsse liegen, entstehen die ersten Städte, wachsen und schütteln ihre Früchte ab, die wiederum vergraben, schwach Kreuze leuchten unter unseren Schritten, nicht wahrnehmbar für die, die nicht danach gefragt haben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s