Wie man als Kind einer Allegorie aufwächst

Einem Kind bleiben Stillleben ihrer Eltern im Gedächtnis erhalten, weil die Eltern jeden Tag dieselben Dinge tun, während das Kind jeden Tag wächst. Es bewegt sich um die Eltern, die nahezu unbewegt an einer stark befahrenen Kreuzung stehen, den Mund verziehend, angeleuchtet von den verschiedenen Jahreszeiten. Das Kind einer Allegorie wird sich daran erinnern, wie sie in der Küchentür stand, ihre Attribute in der Hand.

Das Kind der Allegorie geht hungrig zur Schule, denn die Mutter hält das mit Butter bestrichene Brot so hoch, dass das Kind jeden Morgen versucht hüpfend das Brot mit den Fingerspitzen zu erreichen, aber es doch nicht schafft. Es wächst, die Distanz zum Brot verringert sich, aber die Allegorie hält die Scheibe immer höher. Das Kind hat nicht viele Freunde in der Schule, es ist nicht echt, sagen die anderen, es schimmert so durchsichtig, wir wollen nicht mit ihm spielen. Niemand teilt seine Jause mit ihm, nur der Mann im Schulbuffet steckt ihm manchmal etwas zu.

Im Unterricht drehen sich die anderen oft zum Kind um und versuchen, Scherze über seine Mutter zu machen. Die Bilder in den Schulbüchern, auf die sie dabei deuten, zeigen Frauen, die Grabkränze, Schraubenzieher oder Schnupftabakdosen in die Luft. Das Kind hat aufgehört, hinzusehen, es sind alles keine echten Allegorien.

Das Kind trottet an den Hecken entlang nach Hause, ein Schlüssel baumelt schon an der Hand. Aber zwei Männer stehen vor der Wohnungstür, sie halten der Mutter ein Formular auf einem Klemmbrett mit Stift zum Unterschreiben hin, aber die Mutter kann nicht, sie muss die Waage halten und selbst, wenn sie die rechte Hand frei hätte, so würde sie nicht sehen, wo es zu unterschreiben gilt, denn ihre Augen sind verbunden.

Die Männer betreten die Wohnung vor dem Kind, es nimmt seinen Ranzen nicht ab, läuft den zweien hinterher. In der Hand halten sie nun Etikettenbögen, von denen sie Aufkleber abziehen, auf ihnen ist überall dieselbe Silhouette einer Frau, die einen Vogelkäfig trägt, abgebildet. Diese Aufkleber streichen sie auf all die Objekte, die sie im Haushalt der Allegorie finden, die ihnen wertvoll erscheinen: das Butterbrot, eine Sichel, die kleine hellgraue Katze, ein Stundenglas, die Tortenform, eine Schalmei, ein Weinstock, die Fernbedienung eines verlorengegangenen Spielzeugjeeps, den Dreizack und eine Sektflöte. Hintendrein läuft die Allegorie, aber nicht schnell genug, sie stößt an die Türstöcke, ihre Waagschalen klirren.

Das Kind wird sich erinnern, wie die Allegorie in der Küchentür stand, die Augenbinde mit dunklen Flecken, das Kind muss sich erinnern an die Telefonnummer des Reiterstandbildes, eine Nummer, die nur selten gewählt wird, meistens, wenn die Allegorie, an einer Hand das Kind, an der anderen den riesigen, gelben Plüschelefanten, aus der Tür zu stürmen versucht. Sie wird für immer dort stehen, Kind und Elefant an ihren Seiten, während sich das Kind aus dem Attribut zu lösen versucht und auf den Platz geht. Unter dem Bauch des bronzenen Pferdes ist es trocken, man kann sich an die Beine lehnen und falls die Kleidung des Kindes am Rücken davon schmutzig würde, so wäre es am nächsten Tag in der Schule vielleicht nicht mehr so durchsichtig.

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Wie man als Zwilling ohne Zwilling lebt

„Ich habe das Gefühl, dass das Kind gewissermaßen wie mein siamesischer Zwilling zu einem Teil meines Körpers geworden ist. Der Gedanke, mich von ihm zu trennen, erscheint mir zu gefährlich, ja sogar noch waghalsiger, als einen im ganzen Körper ausgebreiteten Tumor zu entfernen. Das Kind, das ich bin und zugleich nicht bin; der ewig Siebenjährige, der im Körper einer siebenunddreißigjährigen Frau lebt und niemals geweint hat.“
(Cheon Woon-young: Ihre Art des Weinens, S.54)

 

Zwillinge sind seltsam. Sie veranstalten Treffen, ziehen sich identisch aussehende Kleidungsstücke an, heiraten andere Zwillinge, veranstalten Treffen, machen Fotos für das Internet. Das ganze Internet ist voll von Zwillingsfotos. Viele Zwillinge werden Fernsehstars, manche werden Astronauten. Zwillinge eignen sich sehr gut für so etwas.

Als ich noch ein Einzelkind war, gab es keine Zwillingspärchen, die ich kannte. Als ich noch ein Einzelkind war, hatte ich einen Stiefbruder, den ich angeben konnte, auf die Frage, ob ich denn Geschwister hätte und als ich noch ein Einzelkind war, fiel mir keine Sekunde ein, dieser Umstand könnte sich ändern, denn meine Eltern hatten sich kurz nach meiner Geburt getrennt.

Dem Umstand, dass sich meine Eltern so früh getrennt haben und dass über meine Mutter zwar genug, aber für mich nicht ausreichend erzählt wurde, verdanke ich, dass ich erfahren habe, dass ich kein Einzelkind bin. Um mehr über meine Familie zu erfahren, musste ich recherchieren und wenn man ein Kind ist, dann beginnt man die Recherche am besten zuhause. Im Bücherregal meines Vaters gab es eine Mappe mit offiziellen Dokumenten der Familie väterlicherseits. Ich war zwölf.

Ihren Namen erfahre ich, bevor ich von ihrer Existenz weiß, denn es dauert Sekunden, um auf das Geburtsdatum zu schauen und noch mehr Sekunden, zu begreifen, was das heißt, dass da mein Geburtsdatum steht. Erst dann blättere ich um und sehe den Totenschein, ihr Tod, knappe zwei Wochen nach unserem Geburtsdatum. Danach kommt ein Beleg für die Zahlung der Grabstelle, die ich viel später aus der Onlinegrabsuche der Bestattung Wien wieder heraussuche und sehr, sehr viel später das erste Mal suche.

Die Monate nach dieser Entdeckung verbringe ich in einem Tagtraum. So ist das, wenn etwas Unmögliches plötzlich möglich geworden war, aber auch gleichzeitig unmöglich und wenn nun alles Unmögliche möglich und das Mögliche unmöglich ist, kann man sich eigentlich alles ausdenken, was nur irgendwie geht. Was, wenn ich adoptiert bin? Was, wenn ich eine ganz andere Mutter habe, was, wenn ich einen ganz anderen Vater habe, was, wenn der Totenschein nur ein Versuch ist, die Existenz meiner Zwillingsschwester an einem anderen Ort zu verleugnen? Was ist in einer Familie an Geheimnissen möglich, in der ich erst nach zwölf Jahren heimlich herausfinde, dass ich nie ein Einzelkind gewesen bin? Auf den Schulwegen stelle ich mir vor, wie ich meine Schwester wiederfinde, wie ich meine Mutter wiederfinde, wie ich plötzlich irgendwo ankomme und von Menschen umgeben bin, die mir ihre Liebe zeigen können. Ich stelle mir vor, dass ich jemanden habe, der eine Allianz mit mir bildet, jemanden, der mir ähnlich sieht, an dem ich erkenne, dass es okay ist, so auszusehen wie ich aussehe und der nicht „die Oberschenkel einer Dreißigjährigen“ hat, wie mein Vater es mir auch ungefähr zu dieser Zeit einmal sagt. Ich kann mir viel vorstellen, aber auch damals schon zerrede ich mir gleichzeitig die Träume, ich sage: niemand weiß, dass du die Geburtsurkunde und den Totenschein gesehen hast, niemand hätte gedacht, dass du sie finden könntest, niemand würde wollen, dass du jetzt nachfragst, denn wenn du nachfragst, gibst du zu, dass du heimlich in einem Schrank gewühlt hast, der dir nicht offen stand und du weißt, was dann passieren würde und wie sehr die tote Schwester zur Nebensache verkäme.

Ich begreife langsam, dass ich eine Schwester bekommen, aber sofort wieder verloren habe. Das doppelte Lottchen habe ich nie gelesen, aber Adaptionen oder ähnliche Geschichten gesehen und gehört; ich werde es nicht nachholen. Ich war ein Kind, als ich im Ferienhof des Aktenschrankes auf ein zweites Kind stoße, das anders heißt, mir aber ähnlich sieht und am selben Tag geboren wurde, ja, es hat denselben Vater und dieselbe Mutter, es ist 13 Minuten jünger als ich, ich bin die ältere Schwester. Meine doppelte Lottchengeschichte geht so: Wir fahren auf den Ferienhof, da stoßen wir an der Tür des Pferdestalls aufeinander, ich schrecke zurück: ist das mein Spiegelbild? Bin ich eine kleine Holzkiste? Wir befragen unsere Elternteile, woraufhin mein Vater die Holzkiste packt und mir reicht und sagt: ja, es stimmt, du bist kein Einzelkind, hier ist deine lang verlorene Zwillingsschwester. Die Holzkiste ist leicht, je weniger Leichnam, desto schneller verliert er sich. Was mir jetzt bleibt, ist mein ganzes Leben lang Verwechseln und Schabernack mit einer Toten zu treiben.

Ich begreife langsam, dass ich eine Schwester bekommen, aber sofort wieder verloren habe. Dann erscheint sie mir als Geist. Es ist Silvester und ich bin alleine zuhause, denn meine Eltern sind auf dem Silvesterpfad, für den ich noch zu klein bin, aber nicht mehr klein genug, dass man mich nicht alleine zuhause ließe. Ich sehe fern und auf dem Raumteiler im Wohnzimmer spiegelt sich der Schein des Licht der Esstischlampe, der von Anhängern auf dem Weihnachtsbaum reflektiert wird, so denke ich. Die Fenster sind geschlossen, ich sitze still auf der Couch, ein Lichtpunkt pendelt auf dem Raumteiler hin- und her. Ich stelle den Fernseher aus, bleibe still sitzen: es ist das reflektierte Licht der Esstischlampe, vermutlich baumelt ein glänzender Weihnachtsbaumanhänger bewegt von den Luftzügen, die ich auf der Couch sitzend verursacht habe. Seit ich lebe, habe ich Angst vor Geistern, ich habe länger Angst vor Geistern, als ich weiß, dass ich kein Einzelkind bin und niemand hat sich je bemüht, mir diese Angst zu nehmen. Ich sehe Geister, wenn keine da sind und wenn sich welche in einem pendelnden Lichtpunkt am Raumteiler manifestieren wollen, so sehe ich sie auch dort, aber ich rede mit mir selbst, denn ich bin ein Einzelkind und ich sage: es ist die Esstischlampe, reflektiert von einem Weihnachtsbaumanhänger, der baumelt, weil die Luft im Raum sich noch immer bewegt, obwohl ich doch so still sitze. Ich sitze stiller, ich halte die Luft an, der pendelnde Lichtpunkt schwingt wild aus. Ich weiß, dass ich aufspringe, dass ich alle Lichter aufdrehe, dass ich aus dem Raum laufe und sofort zu weinen beginne, ich weiß auch, dass einer der ersten erklärenden Gedanken ist: das ist meine Schwester. Ich laufe auf den Balkon, es ist kurz vor Mitternacht, Nora, die in meine Schule geht und unter uns wohnt, ist mit ihren Brüdern auf ihrem Balkon, sie schießen Böller. Ich weine und ich zittere und ich erinnere mich, dass ich eine fast volle Zigarettenpackung, die ich heimlich in meinem Zimmer aufbewahrt habe, vom Balkon schmeiße, denn das ist das Mindeste, was ich tun kann, um mich von Schuld, vom Falschsein, zu befreien, um die Geister zu besänftigen, um meine Schwester zu besänftigen.

Nicht allzulang später, als ich vierzehn bin, nehmen mich meine Eltern mit in den Urlaub. Manchmal wird gestritten, nicht so oft wie zuhause, aber auch hier bin ich im Mittelpunkt. Ich habe Dinge falsch gemacht, ich muss mich entschuldigen, ich zucke zusammen bei Bewegungen der Arme meines Vaters. Man kann es kaum Streit nennen, denn ich streite nicht, ich wehre mich nicht, ich rechtfertige mich kaum, ich bin still, während auf mich eingeschrien wird. Versöhnungen danach sind in der Erinnerung sirupsüß, ich bekomme eine weitere Chance mich als gutes Kind zu bewähren, mein Vater entschuldigt sich manchmal, auch dieses Mal, im Urlaub. Alles wäre nun geklärt, sagt er dann, aber wenn wir schon dabei sind, reinen Tisch zu machen, dann machen wir es gleich ganz. Ich halte die Luft an, ahne und tatsächlich sagt er mir, dass ich eine Zwillingsschwester gehabt hätte. Ich ermahne mich innerlich so laut, überrascht zu tun und weiß nicht, ob es mir damals gelungen ist. Aber ich habe die Möglichkeit Fragen zu stellen: was ist passiert, warum. Eine Stoffwechselerkrankung, sagt mein Vater und das ist eines der Worte, die ich mir erst nach und nach erarbeiten muss, genauso wie den Grund, warum meine Mutter fehlt, auch das ein Wort, das zu kompliziert für ein Kind ist, auch das ein Wort, das man nachschlagen muss und dann nicht einmal ansatzweise versteht.

Aber ich verstehe, was mein Vater danach sagt, denn es ist nicht neu für mich, mein Vater sagt, er hätte sich damals gesagt, dass er eben dem anderen Kind eine Chance geben möchte. Das andere Kind bin ich. Ich, die Chance. Was er mir zu einem späteren Zeitpunkt bei einer Nachfrage zu meiner Mutter sagt, ist, dass meine Schwester wohl ohnehin alles Negative abbekommen hätte, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Ich, die Chance, meine Schwester, das Schmutzfangtuch in der geteilten Gebärmutter.

Viel später schreibt meine Mutter in Briefen, dass meiner Schwester die Speiseröhre gefehlt hat und ich weiß bis heute nicht, was tatsächlich in den zwei Wochen im Juni passiert ist. Ich stelle mir nicht mehr vor, dass ich meine Schwester wiederfinde, ich stelle mir nicht mehr vor, dass sie mich als Geist besucht, aber ich stelle mir vor, dass ich herausfinden könnte, was damals passiert ist, aber ob auch das eine unmögliche Vorstellung ist, die mir nur als Trost möglich vorkommt, wird sich erst in der Zukunft zeigen.

Zwei Wochen im Juni sind lang, ich versuche sie jedes Jahr wahrzunehmen. Ich vergesse es oft, aber zwei Wochen im Juni sind die längsten Wochen im Jahr und so fällt es mir jedes Jahr rechtzeitig ein. Zwei Wochen sind lang, ein ganzes Leben lang. Zwanzig Jahre sind länger als Wochen, zwanzig Jahre wissen um eine Schwester, die man nicht hat, aber haben hätte können, lassen Platz für alle möglichen und unmöglichen Gedanken. Zwanzig Jahre ist genug Zeit, um sich bewusst zu werden, was für ein Glück es ist, nach zweiunddreißig Jahren noch immer am Leben zu sein, wenn jemand, der mit den ganz gleichen Bedingungen in dieser Welt angelegt wurde, nur zwei lange Wochen im Juni alt werden durfte. Manchmal google ich und komme immer wieder auf Esoterikseiten, die davon erzählen, dass wir alle Zwillinge haben. Einmal verfasse ich dazu ein Tumblrposting, ich tagge es und alle paar Monate kommt ein einzelnes Aufmerksamkeitszeichen von Fremden hinzu, wie ein sehr entferntes, kaum wahrnehmbares Winken. Zwanzig Jahre sind lang, so lang, dass ich zwischendurch beginne, Mircea Cărtărescus Orbitor-Trilogie zu lesen und sehe, er teilt mit uns denselben Geburtstag und nicht nur das, er hatte einen Zwillingsbruder, der verschwand, als beide fünf Jahre alt waren. Zwanzig Jahre sind lang, um an allen Ecken und Enden zu suchen, ob es noch weitere verschwundene Zwillinge gibt und je mehr man sucht, desto mehr Zwillinge findet man: Zwillinge, die Zwillinge waren, nur kaum Zwillinge, die keine Zwillinge waren. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, um nach allen möglichen und unmöglichen Erklärungen zu suchen: ich habe Medikamente gegoogelt, ich habe Briefe oft gelesen, ich habe im Internet gefundene Dokumente zur Säuglingssterblichkeit in Deutschland nach Tschernobyl durchsucht. Ich weiß wenig darüber, was Embryos und Säuglinge wahrnehmen und will es auch nicht so genau wissen, denn ich kann mich nicht mehr erinnern und wenn ich es könnte, hätte ich, als die richtige Zeit war, Fragen zu stellen, noch gar nicht reden können.

Zwanzig Jahre dauert es auch, bis mir plötzlich auffällt, dass meine Nichtzwilling-Zwillingsgeschichte auch die Geschichte meiner Nichtmutter-Muttergeschichte ist. Natürlich habe ich eine Mutter, ich bin aus ihr geschlüpft. Natürlich habe ich eine Zwillingsschwester, denn ich bin nicht allein auf diese Welt gekommen. Fragt mich nach meiner Mutter, fragt mich, ob ich Geschwister habe und ich sage erstmal: die einfache Antwort oder die komplizierte? Ist es einfacher zu sagen, man hätte keines von beiden, ist es einfacher zu antworten, man hätte zwei Geschwister, ist es einfacher zu sagen, ich habe lange geglaubt, auch ich darf in den Geschichten dieser Welt stecken, in denen man eine Mutter wiederfindet und am Ferienhof versehentlich jemanden trifft, der in derselben Gebärmutter herangewachsen ist? Ist es einfach zu schreiben, die Mutter ist mir abhanden gekommen, obwohl ich eine haben hätte können, weil mir die Zwillingsschwester abhanden gekommen ist, obwohl ich eine haben hätte können; ist es nicht einfacher zu sagen, ich erzähle das jetzt lieber nicht, weil es erfunden klingt, ist es nicht einfacher zu sagen, meine Mutter war Lehrerin, ich bin mit einem Stiefbruder aufgewachsen. Ist es einfach zu sagen, mir wurde schon sehr früh bewusst, dass ich dieser Welt nicht trauen kann, dass ich lieber bedrucktem Papier glaube, dass mir alles richtiger vorkommt, wenn es einmal irgendwo gedruckt wurde, ist es deswegen so, dass ich mich lieber mit Büchern umgebe als mit Menschen; ist es nicht einfacher zu sagen, hier, es gibt einen englischsprachigen Wikipediaeintrag zu diesem Phänomen, darin stehen eine Liste berühmter Menschen und weiß der Teufel, wieviele wir eigentlich wirklich sind: https://en.wikipedia.org/wiki/Twinless_twin

Wenn man einen Namen trägt, sucht man sich in der Bedeutung dieses Namens. Mein Name bedeutet „Fürstin“, das habe ich schon früh nachgelesen und dachte, dass es nicht verwunderlich ist, wenn ich allein bin. Den einen Namen, den ich dazubekommen habe und seither in den Händen halte, und fast genauso gerufen zusammenzucke, wenn ich ihn sehe oder höre, diesen Namen versuche ich erst spät zu verstehen und dann finde ich heraus, dieser Name meiner Schwester, er bedeutet „Stern“, er bedeutet „Versteck“.

Wie man einen prähistorischen Vogel fängt

Vögel, die noch leben, findet man manchmal im Internet, aber selten findet man sie wieder, wenn sie nicht eine Wohngemeinschaft mit einem Menschen gebildet haben oder von jemandem mit einem Sender ausgestattet worden sind, dem man an die wunderlichsten Orte dieser Welt nachreisen kann.

Vögel, die gestorben sind, findet man auch nicht oft. Sie fliegen an geheime Plätze zum Sterben und die sind selten in unseren Händen. Manche Vögel werden, wenn sie tot sind, zu Tauschkarten, die in nach billigem Plastik riechenden Sammleralben durch Städte und Bahnhöfe getragen werden, manchmal hergezeigt, selten gegen ein lebendes Tier getauscht, wie es Jakob Niemeyer tat, als er den Berliner Archäopteryx gegen eine Kuh auswechselte, von der im weiteren Verlauf der Geschichte leider nichts bekannt wurde außer ihrem Geldwert.

Diese geheimen, toten Vögel werden oft nur durch Zufälle entdeckt, so gut verstecken sie sich. In Madagaskar mussten erst alle Pflanzen abbrennen, bis man darunter das Skelett eines großen Dinosauriers fand. Unter dem Skelett dieses großen Dinosauriers fand man das Skelett eines kleinen, nur, es war kein Dinosaurier, sondern ein kleiner, wirklich sehr schüchterner, prähistorischer Vogel, der sich um des Geheimnisses willen noch selbst im Sterben unter den großen sterbenden Dinosaurier drückte bis schließlich ihm alle Federn glattgestrichen und alles Leben ausgewalkt war.

So fanden ihn Menschen und nannten ihn Bedrohung aus den Wolken (Rahonavis), obgleich, wenn man zwischen dem Erdboden und einem riesigen Dinosaurierskelett eingeklemmt liegt, das eine recht zynische Bezeichnung zu sein scheint.

Vögel sind so viel klüger als Menschen, sie stecken sich nicht grundlos in Mauerritzen und unter große, sterbende Tiere. Sie wollen sich der Diskussion entziehen, die entsteht, wenn sie gefunden werden: ob nun ihre Flügel zu ihnen gehören oder doch zu dem flügellosen Vorona, der ein Stück weiter weg gefunden wurde; ob ihre Flügel denn nicht zu weit entwickelt waren für den Rest des Körpers und ob, wenn diese Frage geklärt war, ob sie nicht, wenn sie denn durch die Vergangenheit flogen, das dann nicht wie ein betrunkener Pelikan, wie eine Fledermaus oder wie das erst einen Tag in Betrieb genommene ferngesteuerte Motorsegelflugzeugsmodell der Nichte des Paläontologen taten.

Und wie es in Diskussionen so passiert, so schweigt viele Male jemand mit schamhaft verquollenem Mund, nachdem er ein Stück Holz zum Dinosaurier erklärt und ein Jahrzehnt lang mit dem Aachenosaurus in einem alten, ledernen Reisekoffer durch Mitteleuropa gezogen ist oder er schweigt, nachdem er sein Unterkiefer weit vorgeschoben hatte um anzudeuten, dass dieses Teil des Succinodon putzeri zwar um einiges größer aber auch genau hier unterhalb einer Öffnung eines Lebewesens lag, aus der heraus ein Stück fossiles Holz mit Muschelabdrücken hinaus zu einem Titanosaurus erklärt wird.

Warum der Rahonavis, dieser selten schüchterne Vogel aus einer Vergangenheit in Madagaskar, tatsächlich kein mit Worten zusammengedrechseltes Wesen, sondern seine eigene Art war? Der Forscher, der sich sicher ist, gibt zur Antwort: Weil man ihn doch auf einer Fläche gefunden hat, die „kleiner ist als ein Blatt Papier“.

Ich fand den Rahonavis, als ich den Pfau, der wörtlich als Lochspatz übersetzt werden kann, mit chinesischen Zeichen in das Eingabefeld der Suchmaschine eintippen wollte, ich erwischte nicht kong (Loch), sondern kong (Leere/Himmel) und mir wurde ein kongniao, ein leerer Vogel, vorgeschlagen. So habe ich mir diesen prähistorischen Vogel gefangen und alles, was sich auf diesem kleinen Blatt Papier, 11,5 pt, Times New Roman, finden lässt, gehört zu ihm. Auf Chinesisch heißt er Flankenleervogel und so heißt er, weil auf einem beschriebenen Blatt Papier die Seitenränder unbeschrieben sind, Korrekturränder für alle zukünftigen Forscher.

 

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Archaeopteryx

https://de.wikipedia.org/wiki/Rahonavis

https://de.wikipedia.org/wiki/Aachenosaurus

https://en.wikipedia.org/wiki/Succinodon

Wie man Fußball spielt

Fußball kann man erst spielen, wenn man einen Ball im Gebüsch gefunden hat. Meistens hat der Ball Ameisen auf sich und eine große Delle. Jeder, der einmal Kind war, hatte eine mystische Begegnung mit einem solchen Ball. Es ist vorbestimmt.

Der Fußball im Gebüsch ist die kleine Kopie der Potsdamer Kartoffel, auf der wir leben. Auch dem Fußball lässt sich die Hand an bestimmten Stellen leichter auflegen, als an anderen. Selten greift ein Kind in die Delle hinein, wenn sie schon vor der Begegnung in den Ball eingedrückt war.

Mit der Erde lässt sich nicht leicht Fußball spielen, sie ist zu groß, so wie auch das Kind, das im Gebüsch den eingedellten Fußball findet und sich doch nicht aufrichten kann, um ihn mit dem Fuß zu stoßen – es würde sich den Scheitel zerkratzen.

Den Fußball muss man sachte raustragen und im Laufe seines Lebens weitere Kopien davon schaffen: manch einer trägt einen kristallenen Gömböc um die halbe Potsdamer Kartoffel, um ihn bei einer Weltausstellung in einem hölzernen Pavillon in der Mitte aufzurichten und sanft wieder umzustoßen. Bis die ersten Besucherinnen kommen, steht dieser ungarische Gebüschball regungslos mit Absperrband in der Mitte eines Hauses, das nicht für lange Zeit besteht.

Ein anderer vermisst die Schildkröten: auch sie sind Fußbälle, die man sich nicht trauen würde, mit einem Zeh anzustupsen. Die Personen, die es in der frühen Stunde zwischen halb vier und halb fünf, wagen, sie doch umzudrehen, tun es mit gespreizten Fingern, unentdeckt von ihren Vorgesetzten, aber mit einem schlechten Gewissen, das anhält, bis sie selbst regungslos auf dem Rücken liegen und sich einen anderen Schwerpunkt wünschen, denn dieser eine zugewiesene macht sie schwindelig und lässt sie die Portraits auf den Wänden nicht mehr erkennen. Die Schildkröten überleben sie mit den Beinen fest am Boden.

Der dritte wischt sich gut dreitausend Mal im Laufe seines Lebens über das Gesicht: Gesichter sind uns der vertrauteste Fußball, obwohl wir sie doch gar nicht selbst richtig ansehen können. Die Finger fahren mit Ehrfurcht knapp über den Rand der Augenhöhlen, die heilige Delle im Fußball im Gebüsch des Menschen.

Manchmal aber sieht man Unterarme von außen in das Gebüsch greifen, vorgespannt Hände, die ohne zu Zögern den Fußball bei der Delle greifen, ihn aus dem Gebüsch herausholen, zurechtklopfen, aufpumpen und ihn als anderes Geschöpf den Unwissenden weitergeben. Was sie bekommen, ist ein Erdball, ohne Gravitation, ohne Schwerpunkt, ohne surrende Flächen, die nicht berührt werden dürften; was sie bekommen, ist ein Ball, der vor der für ihn ungewohnten Gewalt immer wieder versucht zu fliehen, dem sie nachlaufen, den sie ohne großes Zaudern immer wieder mit ihren Füßen berühren, den eigenen, eigentlichen Fußball über den aufgeregten Schultern getragen, in einer Höhe, von der es immer wieder gilt, herunterzustürzen, dabei sehen sie den Ball sich entfernen. Der Kopf, dieser Gömböc des Menschen, er wiegt sich noch ein wenig, bevor er stillsteht für Jahrtausende, bis einer ihn beherzt mit großen Händen aus dem Gebüsch wieder herausfischt und aufpumpt.

Wie man zuhause Schrecken züchtet

Gespenstschrecken brauchen nicht viel zum Leben. Raumtemperatur, Brombeerblätter, ein wenig Erde und Feuchtigkeit in einem Terrarium, es kann auch ein altes Aquarium sein, die Luftzufuhr ist wichtig. Klettermöglichkeiten sind ganz gut, es können auch gerne Kinderarme sein, auf denen sie dann langsam, weihevoll durch die Wohnung getragen werden, nur um später wieder unter Aufsicht in das Terrarium eingesetzt zu werden.

Wenn man Glück hat, so findet sich in den Kleinanzeigen im Internet das eine oder andere Prachtexemplar, um nur fünf Euro, aus eigener Zucht, in einem Umkreis, von dem man es mit dem eigenen Auto nach der Arbeit bequem abholen kann. In einem Plastikbehälter, der dazu geschenkt wurde, so wie auch der einzelne Brombeerstrauchast, der sich streckenweise als Stabheuschrecke tarnt, fährt es mit nach Hause, um dann auf den Küchentisch gestellt und eine Stunde lang durch von der durchsichtigen Plastikwand verzerrten großen Augen begutachtet zu werden.

Langsames Kennenlernen, sagt die Psychologin, damit man es nicht überfordert und der Vater nickt, denn er denkt daran, wie auch er sich an einem neuen Ort immer erst eine Weile umschnuppern muss, bis er mit seinen Füßen automatisch zu jeder Tageszeit automatisch in die Schuhe findet. Also steht die Gespenstschrecke erst eine Stunde am Küchentisch um schließlich wie ein Reliquiar in das Kinderzimmer getragen zu werden, zum Terrarium, das auf der Wäschekommode steht. Das Kind muss sich strecken, um den Terrariumsdeckel zu öffnen und die neue Schrecke aus dem Transportreliquiar in ihr Haus zu setzen. Es ist gewachsen, bald werden abends keine roten Striemen an den Unterarmen mehr zu sehen sein.

Fische haben das Kind nie interessiert. An ihnen lief es im Tiergarten vorbei, direkt zu den kleinen Glaswürfeln, in denen Ameisen oder Fauchschaben oder Schmetterlingspuppen oder Wandelnde Blätter zu sehen waren. Den Weg zum Terrarienhaus schlug der Vater einige Male auf dem bunten Tiergartenplan nach, maß mit dem Lineal die Distanzen, zeichnete zwei große X in Gehege ein: dort dürfe man auf keinen Fall ein zweites Mal entlang laufen.

Jahre erst nach dem ersten Zusammentreffen mit den Schrecken schlug sich der Vater theatralisch, obgleich ihm niemand zusah, eines Nachts die Hand an die Stirn: warum hatte er nicht früher darüber nachgedacht, es war so einfach, das ganze Internet voller Schrecken. Auch Terrarien gab es, Zierpflanzen, Kletterbäume, Insektenkumpel. An einem Samstag holten sie gemeinsam ein großes Terrarium ab, die Schrecken brachte er werktags am Abend nach Hause, eine nach der anderen, bis sieben unterschiedliche mit dem Kind im Zimmer wohnten.

Es ist gut, wenn das Kind Verantwortung lernen kann, sagt die Psychologin, man solle dem Kind ruhig das Gefühl geben, man könne ihm vertrauen. Der Vater zählt manchmal morgens die Schrecken nach, es dauert etwas, so ist das nun mal bei Schrecken, man verzählt sich gerne, aber immer sind alle, die da sein sollen, auch da.

Das Kind verbringt all seine Freizeit vor dem Terrarium. Wenn es dem Vater folgen soll, hat es manchmal eine der Schrecken dabei, auf der Schulter, auf dem Arm, es setzt sie am Tisch auf eine Untertasse ab und lässt sie nicht aus den Augen. Manchmal sieht der Vater von seinem Teller auf und schaut in die zwei aufmerksamen Gesichter. Er hat ein paar Mal nach Namen gefragt, aber das Kind schüttelte den Kopf. Wer sich ständig ansieht, braucht keine Namen.

Natürlich wäre das in Ordnung, sagt die Psychologin, man soll ihm seine Welt lassen, wenn es etwas anderes erkunden möchte, wird es schon kommen. Freiraum, sagt die Psychologin, es ist wichtig, das Kind seine Grenzen selbst erfahren zu lassen und er solle es nicht mit den anderen vergleichen. Die X jedes Kindes liegen woanders, bloß, sagt sie, sieht man das natürlich nicht jedem Kind sofort an, wo.

Am Abend gibt es zwei Lichter auszuschalten im Zimmer des Kindes, ein drittes, über dem Terrarium, leuchtet sich schwach durch die Nacht. Auf dem Schalter, das weiß der Vater, ist ein großes X. Wenn das Kind im Zimmer ist, kann der Vater die Schrecken nicht zählen. Das Kind möchte nicht, dass er den Schrecken ins Gesicht sieht. Es möchte im Mittelpunkt stehen, denkt der Vater, die Schrecken sind oft sehr neugierig, sie wenden sich hin und her und begutachten die Welt. Sie sehen ihn an, wie sie das Kind ansehen.

Am Dienstagabend schauen ihn zwei Gesichter vom Terrarium aus an. Die junge Stabheuschrecke, die als vorletzte hinzu gekommen war und das Kind. Neben der Kommode steht der Schreibtischsessel, der Deckel sitzt auf dem Terrarium, das Kind hat die Knie angezogen und die Arme um die Knöchel geschlungen, seine Nase auf einer Höhe mit der neugierigen Stabheuschrecke. Hinter ihm bewegt sich langsam eines der Wandelnden Blätter. Die Zehen des Kindes sind aufgestellt und ihre Kuppen zeichnen Grimassen ans Glas.

Der Vater geht nahe an das Terrarium, er wird aufmerksam beobachtet. Zählen kann er jetzt nicht, selbst die Zehen des Kindes verschmelzen. Alles in Ordnung, fragt er und wird weiter beobachtet. Der Deckel ist aufgesetzt, aber nicht verschlossen, wie auch und er atmet aus, versucht seine Hände besonders schwer zu machen und den Deckel mit wenig Kraft in die Höhe zu heben. Es geht, sehr leicht geht es, das Kind könnte den Deckel von innen ohne Probleme hochdrücken, wenn es wollen würde. Aber, das hat die erste kleine Bewegung des Deckels verraten, das Hochheben des Deckels durch ihn, es ist ein großes X auf dieser Landkarte, also setzt er ihn wieder sachte ab.

Er dreht die zwei Lichter ab, dabei sehen ihm drei Gesichter zu: die Stabheuschrecke, das Kind und sein Körper. Die zwei an das Glas gepressten Unterarme ein Mund, die runden Knieabdrücke Augen, die etwas schielen, denn das Kind hat alten Schorf auf dem linken. Ob es eine Halskette ist, oder ein Bart aus Zehen, den das Kind unter seinem zweiten Mund trägt, fragt er sich, während er die Zimmertür schließt. Es wird wohl zum Schlafen wieder herauskommen.

Er soll dem Kind das Gefühl geben, ihm vertrauen zu können, hallt jedes Mal, wenn er an der Tür vorbeigeht, durch seinen Kopf. Es wird heraus kommen, es kann heraus kommen, der Deckel ist ganz leicht. Trotzdem schaut er später noch einmal hinein: das Kind sitzt noch im Terrarium, keine der anderen Schrecken fällt ihm auf, nur die Unterarme des Kindes, die Knie, das zweite Gesicht.

Es wird heraus kommen, wenn es müde ist, sagt er sich und legt sich ins Bett, hält aber sein Ipad vor seine Füße, presst die Zehen dagegen: ob es weh tun würde, aber es ist eigentlich ganz angenehm, findet er. Er legt das Ipad auf den Nachttisch, dreht das Licht ab und sagt sich: morgen erst wird die Tür wieder geöffnet, morgen früh erst werden die Schrecken wieder nachgezählt.

Warum die Toten selig sind, die in dem Herrn sterben

tote

(Frankfurt Hauptfriedhof, 21.05.2018)

 

In lebendigen Herren sterben oft nicht viele Tote, denn die Herren, sie erinnern sich gerne an Namen. Solange man seinen Namen noch kennt, ist kein Toter gestorben. Je älter Herren werden, desto größer wird die Leidenschaft, mit der sie die Namen der Toten nennen, sie werfen sich gegenseitig die Toten zu wie einen kleinen, schmutzgelben Schaumball, der im Garten verblieben ist, nachdem alle vier Tennisbälle aus der kleinen Dose auf unerklärliche Weise verschwunden sind, obwohl niemand im Haus Tennis spielt.

Im Laufe eines Herrenlebens atmet der Herr sicherlich dreitausend Tote ein, manche gar bis zu zehntausend. In der Schule stellt der Lehrer auf jedes Pult einen Topf dampfendes Wasser, darin schwimmen jede Stunde bis zu zehn Tote, ihre Gesichter sind aufgedunsen, manche schwimmen gar als ausgebleichte Frösche, an denen man nicht mehr erkennen kann, was nun ihre Quakbacken und was ihr Bauch war, in dem dreifingerhohen Wasser. „Inhaliert, inhaliert“, sagt der Lehrer und wirft Handtücher über die Köpfe der jungen Herren.

Viele junge Herren entwickeln hier ihre Süchte und durchstreifen nach dem Nachmittagsunterricht die Nachbarsgärten auf der Suche nach verlorenen Toten. Für das ungeschulte Auge sind sie schwer zu erkennen, aber die jungen Herren sehen sie im Gehölz hervorblinken, sie wissen, welche Türmatten zu heben sind, in welche hohlen Baumstämme es sich lohnt zu greifen und sie kommen mit den Taschen voller Toter in ein Haus, in dem die Toten säuberlich abgestaubt und geschlichtet sind, in dem den Herrn ein Nachtmahl erwartet und eine von allen Spuren der Toten befreite Bettwäsche.

Diese Inhalationen, diese Abendjagden, das nächtliche Suchen zwischen Presspapier, ob nicht aus einer Spalte ein vergessener Toter hinausfällt, den man sich unter die Achsel klemmen kann, bis die Haut aufgelöst und das Innengemisch des Toten über die Poren aufgenommen worden ist, all das ist eine Vorbereitung für die Jahrzehnte, in denen sich die Herren tagtäglich begegnen, sich zunicken und die Toten aus den Nasenlöchern und ihrem Schlund ziehen: Sieh an, was für ein prächtiger Toter, ob ich ihn wohl auch einmal ablutschen darf? Das fragt der angesprochene Herr den anderen und schwupps, ist der Tote in seinem Mund verschwunden, ein Telefon klingelt in der Ecke, der Herr reißt die Augen auf und sagt: Das tut mir leid, ich glaube, ich habe ihn verschluckt.

Die Herren sind wandelnde Aquarien für Tote. An ihren Innenwänden kriechen die hartnäckigen Toten jeden Tag hinauf, die Putzertoten, sie halten die Wände frei von den Schlieren der schon lange in ihnen treibenden, sich langsam auflösenden, anderen Toten. Sie stecken ihre Köpfe aus den Ohren, Augen und Mündern der Herren, die Sprache selbst ist ihnen versagt, da sie ja nun tot sind, aber die Herren erkennen sie an ihrer Physiognomie, sie nicken und zeigen auf die Toten, die ihnen im Mundwinkel hängen und fragen: Kennst du übrigens diesen Toten schon?

Manche Tote sind so schwer, sie sinken in den Herren bis hinunter in die Fersen und Mittelfußknochen, wo sie sich verwickeln und nie wieder werden sie gesehen: der Fuß ist zumeist die Einbahnstraße des Herrn. Andere Tote lösen sich auf, ihre Relikte werden von den Putzertoten weggeschmaust, ihre Nasen tragen die neuen frischen Toten, die obenauf schwimmen und leicht in den Kaffeepausen dem Herrn aus dem Gehörgang ragen, wo sie ihren Hut lüften und grüßend nicken, in verschlossenen Fäusten und geben sie nimmer wieder frei. Es erinnert sie an ihre Jugend, als sie so manchen Toten aus Erdlöchern im Garten der Großmutter an Nase oder Ohren hervorgezogen haben, um ihn, noch zappelnd, unter dem Wasserhahn von Wurzeln und Erde zu reinigen und ihn dann in ein Stofftaschentuch gewickelt in die Hosentasche zu stecken. Wenig wissen sie, dass sie, obenauf schwimmend, immerzu von Herr zu Herr wechselnd, schon längst nicht die Sammler sind, sondern nunmehr die Gesammelten. Wenig wissen sie, dass der Herr, durch den sie schwimmen, sogleich auch ein Toter in einer Schreibtischschublade eines Toten sein wird, der aus dem Nasenloch eines Toten ragt, der, frisch verschluckt in einem fidelen Herrn ganz obenauf an der Oberfläche herumschaukelt. Schwindelig würde ihnen, wenn sie wüssten, wie weit sie in der Kette der erinnerten Toten nach unten getrieben wurden, ohne auch nur ein bisschen Grund unter den Füßen zu spüren. Wie ruhig der Boden sich anfühlt, wie selig man ist, wenn man endlich wieder sein eigener Herr ist und ohne Toten als ganz und gar gestorbener, als ganz und gar vergessener Toter in einer Kette von Toten auf einem zugewachsenen Pfad, der als Traumbild durch das Universum geistert, wandert und nichts mehr spürt unter den Füßen und kein Laut, kein Name, kein Toter mit Hut hält sich mit den Händen an der Ohrmuschel mehr fest.

Warum es mich beim Film „Muttertag“ gruselt

Ich bin in dem Film gefangen.

Ich kann mich erinnern, als Kind vor der Plastikunterlage am Esstisch zu sitzen und dort saß ich viele Jahre meiner Kindheit, es waren entweder Teller darauf oder ich kratze an flachen Verkrustungen (von denen es zu wenige gab, denn die Unterlagen wurden stets abgewischt) herum, während draußen Hubschrauber flogen. Überall, wo ich in Wien lebe, fliegen Hubschrauber. Tage, an denen ich keinen Hubschrauber höre, der über meinen Kopf fliegt, kommen mir seltsam leer vor und sie sind eher selten.

Aber damals, ich war wohl gerade eingeschult, flogen außergewöhnlich oft Hubschrauber über unsere Wohnhausanlage. „Sie drehen einen Film“, sagte man.

Erst sehr viel später habe ich den Film gesehen und diese zwei Dinge, den Film und die Hubschrauber, miteinander in Verbindung bringen können. Ich war zu klein für das Hauptabendprogramm. Seit ich erwachsen bin, habe ich den Film bereits mehrere Male gesehen. Sehr viel davon ist wahr, zum Beispiel die Szene, in der eine Frau in der Postfiliale Faschiertes, dünn aufgeschnitten, bestellt und dabei ihr Kind vergisst. Die Szene ist direkt aus meiner frühesten Kindheit erzählt.

Der Film wirkt auf mich streckenweise sehr surreal: nicht wegen dem toten Meerschweinchen (von dem wurde mir so oft erzählt, bevor ich den Film gesehen hatte, dass ich es für die Verfilmung einer wahren Geschichte halte), nicht wegen dem Hustinettenbär (es ist, als hätte er dort wirklich im Drogeriemarkt gelebt), nicht wegen dem Schriftzug „Tod dem Architekten“, der mich durch meine Kindheit begleitet hat und von dem ich solange glaubte, ein wütender, gebildeter Jugendlicher hätte ihn im Übermut an den Haussockel geschrieben, bis ich den Film gesehen hatte.

Surreal wird es, wenn die Jungschargruppe beim früheren Pampam (jetzt Eurospar) in der Sagedergasse in einen Überlandbus steigt, nur um als Ausflug dann 200 Meter weiter wieder im Schöpfwerk zu sitzen. Surreal ist es auch, die Struktur des Schöpfwerks auf so wenige Räume verdichtet zu sehen: das Schöpfwerk ist ein zusammengestecktes Labyrinth aus Stiegenhäusern, Abzweigungen von Stiegenhäusern und Verbindungstüren, so sehr, dass es mich bis jetzt noch in die Träume verfolgt. Dass all die Tauben fehlen, wundert mich wiederum nicht; dass ein Kirchenbesuch an einem normalen Sonntag gezeigt wird, wundert nicht – immerhin deckt sich die Szene auch sehr mit dem einzigen Mal in meiner Erinnerung, wo wir von der Schule aus die Kirche direkt daneben besucht haben.

Der Film vermischt sich oft mit meinen Erinnerungen, von denen ich nicht weiß, ob sie, sobald ich den Film erneut anschaue, tatsächlich Erinnerungen sind oder ob ich nicht doch gestorben bin und gerade jetzt meinen kleinen existenten Körper im Schöpfwerk 1992 von außen sehe. Es gibt wenige Sekunden Überflugsszenen über das Schöpfwerk und in diesen weiß ich: ich sitze dort drin und bin 6 Jahre alt, ich sitze dort drin vor meiner Plastikunterlage, ich stehe vielleicht gerade auf und halte Ausschau nach dem Hubschrauber, der über die Blöcke fliegt, ich sitze dort drin und bin noch immer ein kleines Mädchen.