Wie man sich früher den Jahreszeiten entbinden wollte

1922 beschrieb Zhu Ziqing wie ihm die Lebenstage in Waschbecken und Reisschüssel verloren gingen, was ihn besonders verwunderte, denn zumindest die Reisschüssel hatte keinen Abfluss. Er monierte, dass die Tage nicht zurückkämen, so wie die Schwalben, die Blätter und Blüten und an die Wand geschlagene Bälle. Hier übersah er allerdings, dass niemals dieselben Schwalben zurückkommen, nie dieselben Blätter nachwachsen und man manchmal einen Ball an die Wand wirft und dieser als Ermahnung zurückprallt.

Die Lebenstage gehen sehr wohl mit den Jahreszeiten verloren. Blätter fallen wie Gelenksflüssigkeit aus den Bäumen, immer mehr Nebelkrähen tauchen als Rechnungen im Briefkasten auf, Marienkäfer sterben ab in den Haarballen, die sich aus all den ausgefallenen Haaren tagtäglich an den Zimmerkanten aufbauschen. Im Frühling und im Herbst hört man überall nur Totenglocken: Zeiten, in denen der Wechsel der Oberbekleidung eine so große Veränderung verursacht, dass man lieber aufgibt.

Früher hat man versucht, den Lauf der Jahre aufzuhalten, indem man im Winter Eis aus den Flüssen hackte. Der Winter ist die klarste Jahreszeit von allen: man hört alle Geräusche durch Schnee und Kälte lauter und eindeutiger, man spürt die Umrisse des Körpers am ehesten, da dort die Kälte als erstes zu schmerzen beginnt. Warum also nicht im Winter damit beginnen, das Jahr festzuhalten?

Das im Winter ausgehackte Eis wurde in Kellern gelagert und nur stückweise wieder ausgeliefert und in Schubladen gesteckt. Dort in den Eiskästen kühlte es die Schnitzel, als würde es für immer Winter bleiben. Manchmal vertrauten die Menschen den eingelagerten Eisblöcken zu sehr, sie spazierten mit einem Maßband über den leergehackten Fluss, die Algen knackten unter den Schuhen und legten mit Steinen Begrenzungen der zukünftigen Grundstücke. Sie sahen kleine Holzverschläge und Pelargonien in neuen Gärten vor dem inneren Auge erwachsen, vergaßen aber, dass damit die Zeit weiterlaufen würde: als die ersten Pelargonien gesät waren, kam die Frühlingsflut und wusch sie durch die provisorischen Gartenzäune hinaus in Abschnitte der Flüsse, die niemals leergehackt worden waren. Diejenigen, die sich retten konnten, starben an Stickfluss oder Lungenentzündungen, die Totenglöckchen bimmelten, der Frühling war ins Land gezogen.

Im Sommer konnte man dennoch in die Keller hinabsteigen und die Hände auf die Eisblöcke legen, als wären sie ausgestopfte Mammuts. Die zeitliche Veränderung wurde zu einer räumlichen: in den Untergeschoßen war es Winter, am Dach verbrannte man sich allerdings die Fußsohlen und Handflächen am Blech, die Sonne brannte Falten in die trockene Haut. Mit jedem Schritt, den man eine Kellerstiege hinaufstieg, verlor man binnen Sekunden mehrere Tage, durch die offene Kellertüre wehten rote Ahornblätter, Marillenblüten und Bucheckerungetüme herein; man ging als Kind in den Keller, das Mammut angreifen und kam, langsam und sich am Geländer abstützend, als Greis wieder aus dem Untergrund hervor.

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Wie es kam, dass Ignaz Schmedla blühte

Schmedla, Ignaz (Porträtmaler, Geburtsort und Jahr unbekannt). Blühte in den Dreißiger-Jahren des laufenden Jahrhunderts. Dem Namen nach und nach dem Orte seiner Wirksamkeit ein Böhme. Nagler berichtet nichts weiter von ihm, als daß er Porträtmaler in Prag war, um 1830 blühte und sich zahlreiche Bildnisse seiner Hand finden. Andere Quellen kennen und nennen diesen Künstler nicht.“
(Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Schmedla,_Ignaz)

 

Bereits in den 1830er Jahren, als die Karlsbrücke in Prag noch nicht Karlsbrücke hieß, waren Porträtmaler an ihren Geländern aufgereiht wie Gänseblümchenköpfe, deren Stiele man aneinander geknotet hatte. Nur waren die meisten dieser Gänseblümchenköpfe, die da hinter Staffeleien und andrem Arbeitsmöbel saßen, keine richtigen Gänseblümchenköpfe, sondern kahlgerupfte Sonnenhüte.

Unter ihnen war auch Ignaz Schmedla, der irgendwo geboren war und als er sich seinen Kollegen auf der Brücke vorstellte, da nickten sie, denn ein Schmedla, dachten sie, das war vermutlich ein Landsmann. Tatsächlich war die Muttersprache von Ignaz Schmedla deutsch und während seines Aufenthaltes in Prag war einiges Tschechisches in seine Ohren gerutscht, nur so richtig reden traute er sich nicht.

Da saßen sie also den ganzen Tag lang und malten Porträts von Menschen, die sich vor ihnen hinsetzten, manche freilich nur versehentlich, weil ihnen die Füße weh taten. Ignaz Schmedla war ganz besonders eifrig und an den meisten Sommertagen brannten abends seine Hände und Unterarme, denn sie hatten unter seinem Sonnenhut hervorgeguckt. Immer wieder dachte er abends „morgen packe ich mir Handschuhe ein“, aber entweder er vergaß es oder er vergaß es nicht, zog die Handschuhe an und zog sie sofort wieder aus, denn Handschuhe auf Sonnenbrand an einem heißen Sommertag sind sehr unangenehm.

Eines Tages rollte etwas Riesiges auf die Porträtmaler heran und die anderen, die hinter dem riesigen Rad einen Freund erkannten, grüßten ihn schon laut in die Ferne. Ignaz Schmedla war vertieft in das Porträt eines kleinen Kindes, das partout nicht an der Hand seines Vaters die Brücke überqueren wollte und sich vor ihm trotzig schreiend niedergesetzt hatte. Der Vater versuchte Ignaz Schmedla zu erklären, dass er nicht zu malen hatte, aber Ignaz Schmedla malte weiter, denn er verstand nur halbe Sätze und der Vater war zudem mit dem greinenden Kind sehr beschäftigt.

Das riesige Rad war indes herangerollt und wurde johlend von den anderen Malern umringt. Ignaz Schmedla malte den Trotzrotz, der dem Kind aus der Nase fuhr. Schließlich aber hob der Vater sein Kind auf und trug es fort. Da konnte Ignaz Schmedla endlich den Kopf heben und sich ansehen, was herangerollt war: Es war eine Riesenrafflesie.

Wie er später aus den Nacherzählungen, seinen Notizen und seinem kleinen Handwörterbuch erfuhr, spielte der Bekannte, den die anderen nur Jiri nannten, eine Rolle in einer Operette. Die Operette erzählte eine Liebesgeschichte zwischen einem Astronom und einer Einheimischen auf der Venus und weil gerade nun Reisebilderbücher sehr berühmt waren, vor allem wenn sie ferne Fauna und Flora zeigten, so hatte man das Bühnenbild kurzerhand nach den Darstellungen der südostasiatischen Pflanzenwelt gestaltet. Auf der Venus würden gewiss auch die Pflanzen singen können, also hatte man nicht die gesamte Rafflesie nachgebildet, sondern einen Hut aus Pappmaché gebaut, den Jiri beim Singen tragen sollte, denn Jiri sollte die Riesenrafflesie, mit der die einheimische Hauptdarstellerin eng befreundet war, spielen. Jiri aber hatte eine hypermobile Halswirbelsäule und konnte den Rafflesienhut nicht länger als zwei Minuten am Stück tragen. Also wurde ein weiterer Rafflesienhut, nur kleiner und leichter, extra für ihn angefertigt.

Die Riesenrafflesie stand nun untätig in der Ankleide herum und als sich ein anderer Sänger an ihr den kleinen Zeh prellte, wurde beschlossen, die Rafflesie zu entsorgen. So rollte Jiri schließlich mit der Rafflesie über die Brücke, wurde von seinen Freunden aufgehalten und schließlich der Rafflesie enthoben.

Ignaz Schmedla hatte zugesehen, wie sie reihum die Rafflesie auf dem Kopf getragen und sich dabei im Kreis herumgedreht hatten wie eine junge Frau im Schwingrock. Vincenc musste sich gar an den Waden des heiligen Nepomuk festhalten, um nicht vom Gewicht der Rafflesie in die Moldau gekreiselt zu werden. Auch Ignaz hatte die Rafflesie schließlich aufgesetzt bekommen und zufrieden hatte er auf seine Hände geblickt: sie waren ganz im Schatten.

Als Ignaz Schmedla am nächsten Morgen auf die Brücke kam, da hatte Vincenc schon die Rafflesie auf und in eines ihrer Kronblätter hatte er Löcher gebohrt, in denen seine Pinsel befestigt waren. Ignaz beneidete ihn. Er richtete seinen Arbeitsplatz her und gerade, als er begann, eine Libelle zu malen, die sich auf dem Sessel vor ihm niedergesetzt hatte, da wurde er in den Schatten der Rafflesie getaucht. Er solle sie nehmen, erklärte Vincenc und deutende abwechselnd auf seinen Hut und auf Ignaz, schließlich wären seine Hände so rot wie die Blütenblätter der Rafflesie.

Seit diesem Tag hatte sich Ignaz Schmedla kein einziges Mal mehr die Hände verbrannt, obwohl er ununterbrochen ganze Sommertage durch auf der Brücke saß und malte. Immer mehr Menschen nahmen freiwillig und absichtlich auf dem Posiersessel Platz, denn, wie sie lachend erklärten, der Ignaz Schmedla, er blühte und während man still sitzen musste, so konnte man zumindest ein seltenes Pflanzenexemplar von der Venus begutachten.

Manchmal tat ihm zwar abends der Nacken gehörig weh, aber Ignaz hatte sich so schnell an die Rafflesie gewöhnt, es fiel ihm manchmal erst vor der Haustüre auf, dass er sie noch trug, und auch hier fiel es ihm nur deswegen auf, weil die Rafflesie breiter war als der Türrahmen.

Eines Tages ließ sich ein älterer Herr im Anzug vor seiner Staffelei nieder. Sie nickten einander zu und Ignaz Schmedla begann zu malen. Bevor er ging, fragte der Herr ihn noch auf deutsch, wie er hieße. Ignaz Schmedla, sagte Ignaz Schmedla und da reichte der Herr ihm seine Visitenkarte, hob seine Hände, schüttelte sie, machte dazu ein Froschgesicht und empfahl sich. Auf der Karte stand: Georg Kaspar Nagler, Kunsthistoriker zu München und Ignaz Schmedla überlegte sich, ob er seinen Namen zu tschechisch ausgesprochen hatte, während er an einem freien Pinselloch in seiner Rafflesie herumpopelte.

Warum es nicht gut ist, wenn man zuviel Zeit mit sich selbst verbringt

Eines Tages wacht man auf und die Zahnreihen passen nicht mehr aufeinander. In den vielen Nächten, die die Zähne aufeinandergepresst verbracht haben, haben sie sich auseinander gelebt. Scharfe Worte sind gefallen, einer hat den anderen geboxt und der dritte verließ türenknallend die Wohnung. Man wacht mit Muschelkalk zwischen den übrig geblieben, zerknirscht dreinblickenden Zähnen auf und fragt sich, was man verpasst hat, in all den Stunden, in denen man damit beschäftigt war, darüber nachzudenken, ob das Zurückziehen des Wassers am Ufer des Zürichsees einen drohenden Tsunami ankündigen würde oder nicht.

Nicht nur den Zähnen geht es so, auch allen anderen: den Haaren, den Zehen, den Hosenbeinen, den Schleimhäuten. Sie alle verbringen zuviel Zeit miteinander auf engem Raum bis es irgendwann nicht mehr geht. Der Kopf überhaupt ein einziges Parlament voller sich prügelnder Männer mit ungewaschenen Händen.

Wie in vielen Situationen hilft manchmal dann nur ein Krieg, um von der eigenen inneren Instabilität abzulenken. Krieg alleine zu führen ist aber höchst unbefriedigend. Doch nicht immer stehen andere Körperstaaten für Krieg zur Verfügung. Glückliche Menschen, die auf einem Menschenkontinent aus vielen Kleinstaaten leben. Andere wohnen auf einer Insel mitten im Pazifik und selbst das Postboot kommt nicht mehr, seit es das Internet gibt.

Viele vernünftige Menschen halten sich aus diesem Grund Imaginierte Andere Menschen. Imaginierte Andere können einem helfen, zuträgliches Verhalten einzustudieren, das einen davon abhält, mit einem Regenschirm wild um sich zu schlagen ohne jemals einen aufrührerischen Selbstinsassen zu treffen. Der Regenschirm schneidet nur durch Luft, die man erst in der Nachmittagssonne als Pudding im Wohnzimmer sehen kann, der Regenschirm macht ffffft, ffffft und der Arm ermüdet unbefriedigend rasch.

Imaginierte Andere schalten Auto- und Küchenradios ein und wünschen sich unerträgliche Musiksender. Das Radio wurde erfunden, um einsame Menschen zu bestrafen. Mit dem Radio wächst man am morgendlichen Elterntisch auf, es läuft und läuft; später hört man eine Weile lang nur noch selbstgewünschte Musiktitel und das Radio ist zurückgedrängt auf Wartezimmer, Supermärkte und lange, internationale Busfahrten. Wenn man aber zu lange alleine mit sich selbst ist, tritt hier der Imaginierte Andere auf und schaltet das Radio ein: Warum sich allein selbst zermartern wenn man sich doch so leicht in ein Imaginiertes Ärztewartezimmer begeben kann.

Imaginierte Andere erteilen auch gerne Aufträge, die sie pädagogisch wertvoll nennen. Der Müll muss runtergetragen werden, das Geschirr abgewaschen, die Teppichfransen gekämmt. Ein Teppich mit Teppichfransen muss angeschafft werden, um Fransen kämmen zu können, denn wo keine Fransen sind, kann der Imaginierte Andere nicht anordnen, diese zu kämmen. Der Imaginäre Andere ist ja nicht blöd. Es ist alles zu deinem Besten, sagt der Imaginierte Andere, kämm jetzt endlich die Fransen und hör auf, nachzudenken.

Warum sich viele Eltern für eine Maus entscheiden

Seit der Einführung der verpflichtenden postnatalen Entscheidung über Kind oder Maus entscheiden sich immer mehr Eltern für Mäuse. Mäuse, das betonen auch gerne die beratenden Ärzte, sind einfach pflegeleichter. Mäuse brauchen keine genderkonforme Kleidung, Mäuse wachsen wenig, Mäuse schießen keine Gegenstände durch Wohnungen. Mäuse, so der beratende Arzt, sind die ideale Alternative für Kinder, die 50 cm im Jahr wachsen, ständig erbrechen und Kindergartenfreunde haben, für die man Snacks bereithalten muss. Mäuse, betonen die beratenden Ärzte gerne, fallen nicht in die Schulpflicht, Mäuse essen bereitgestelltes Gemüse sehr gerne; wenn man eine Maus nicht verlieren möchte, so sperrt man sie einfach in einen Käfig. Versuchen Sie das einmal mit einem Kind, sagt der Arzt. Sie müssen allerdings bedenken, fügt die beratende Ärztin nach einer Weile hinzu, dass die durchschnittliche Lebensspanne einer Maus doch um einiges geringer ist als die eines Kindes. Ihre Maus wird sehr schnell erwachsen werden, sagt sie, aber wenn Sie es nicht unbedingt wünschen, wird sie sich bis an ihr Lebensende nicht selbstständig machen.

Einige Minuten also, nachdem die Eltern mit dem Gebären fertig geworden sind und erwarten, dass man ihnen das abgetrocknete Kind auf den Brustkorb legt wie eine alte Katze, steht die Hebamme, das Kind vor sich gestreckt, in sicherer Entfernung und sagt: N-n, zuerst die Frau Doktor mit der Frage. Die beratende Ärztin tritt mit Informationsblättern ins Zimmer ein und klärt die Eltern auf. Die Entscheidung kann nur in Sonderfällen aufgehoben werden und meist erst nach jahrelanger Psychotherapie, sowie vielen Behördengängen. Wenn Sie sich für die Maus entscheiden, dann leben Sie ab jetzt mit einer Maus. Wenn Sie sich für das Kind entscheiden, dann habe ich hier noch ein Formular, tragen Sie bitte ganz oben rechts den Namen des Kindes ein. Nein, eine Maus benötigt keinen Namen, ein weiterer Vorteil, Sie können ihr zwar einen Spitznamen verabreichen, es stört aber nicht, wenn Sie sie einfach Maus nennen, das machen immerhin die meisten so.

Die Eltern, nach dem Referat des Arztes eingeschüchtert und verstrickt in Vorstellungen, die pubertierende rotwangige Jungen, einen leergeschwappten Swimmingpool an Deck eines Kreuzfahrtschiffes und kindergesicherte Mobiltelefone involvieren, sehen einander an, nicken und einer sagt leise und bedächtig: die Maus, bitte. Der Arzt deutet darauf der Hebamme, die das Kind aus dem Zimmer trägt. Später kommt sie zurück, eine kleine Schachtel in den Händen, die oben zugeklebt ist und in die Luftlöcher hineingestochen wurden. Es ist eine Schachtel für Arzneimittel, aber natürlich befinden sich keine mehr darin, sondern: eine Maus, ein kleiner Ballen getrocknetes Gras und einige verstreute Sonnenblumenkerne. Die Kopie des Informationblattes A wird den Eltern nach der Unterschrift ausgehändigt, darauf Ernährungshinweise und Empfehlungen zur Einrichtung eines Käfigs. Sie können die Maus natürlich auch frei herumlaufen lassen, sagt die Ärztin, aber passen Sie auf mit Ihrem Staubsauger und etwaigen anderen Tieren.

Eineinhalb Tage nach der Geburt dürfen die Eltern dann das Krankenhaus verlassen. Derjenige, der nicht die Autoschlüssel in der Hand trägt, trägt die Maus in ihrer Schachtel. Es ist unangenehm, in dieser Luftlochbox zu leben, denken die Eltern, die schon das erste Band zu ihrer kleinen Maus knüpfen, aber wir sind ja gleich zuhause und dann fängt das richtige Leben an.

Nachdem die Eltern sich mit ihrer Maus im neuen Leben eingelebt haben, können sie das alte wieder aufnehmen. Der Vorteil von Mäusen, sagte der Arzt, ist, dass sie wirklich auch einige Stunden unbeaufsichtigt bleiben können. Wenn beide Elternteile sich zufällig am Heimweg von der Arbeit am Briefkasten treffen, so lächeln sie sich zu und einer sagt: es ist schon besser so. Stell dir vor, jemand hätte den ganzen Tag… Und sie schleichen auf Zehenspitzen in die Wohnung, denn manchmal kam es bereits vor, dass die Maus bei ihrer Rückkehr geschlafen hatte. Dann fotografierten sie sie leise und luden das Bild ins Internet, damit andere Eltern sehen konnten, was für eine friedliche kleine Maus sie haben.

Wenn sie mit anderen Eltern reden, durchfährt es sie manchmal wie ein vibrierendes Telefon, das man in seiner Hosentasche vergessen hat, wenn diese von Emma oder Louis erzählen. Sie müssen es abschütteln, stoßen meist ein hastiges „Haha, was unsere kleine Maus letztens gemacht hat, also das war so…“ aus. Die Augenlider der anderen Eltern kippen dann leicht an den Horizont. Über Mäuse kann man leicht reden, wenn sie noch jung sind. Bleiben die einen Eltern mit den anderen Eltern befreundet, bis die Kinder der anderen Eltern die Volksschule besuchen, so kommt es manchmal zu peinlichen Gesprächen. Plötzlich ist von keiner Maus mehr die Rede. Als hätte es nie eine Maus gegeben, als wären die letzten Dinkelflocken unter dem Sofa hervorgekehrt, so wenden sich die Eltern den Namen der Kinder in der Nachbarschaft zu. Manchmal an brummenden Spätsommertagen senkt ein Elternteil dann seine Stimme und sagt: wir haben unlängst den Antrag eingereicht, es kommen jetzt schwierige Jahre auf uns zu, aber am Ende lohnt es sich vielleicht. Man kann nicht für immer eine Maus haben, sagen sie, das war uns ja schon zu Beginn bewusst. Wisst ihr denn überhaupt den Namen, fragt dann ein Teil der anderen Eltern und fügt hinzu: Also, wenn es meines wäre und ich wüsste den Namen nicht, ich würde da für immer misstrauisch bleiben.

Warum kein Mensch je komplett ist

Ich bin mit all meinen Eizellen auf die Welt gekommen. Die zweiten Zähne haben in mir geschlafen, die meisten, um zwanzig oder dreißig Jahre später entfernt zu werden. Meine Eizellen kullern aus mir heraus. Wenn ich google, finde ich heraus, dass ich nicht komplett bin, da ich in einem Mutterbauch zu zweit geschlafen habe. Wie jeder von uns, dem sich nachts Kälte zwischen die Zehen drängt und ein nicht herzsynchrones Zittern ins Rippengehäuse. Wir waren alle Zwillinge, irgendwann einmal, sagt das Internet.

Mir ist jedes fehlende Fingerglied, das ich je gesehen habe, in Erinnerung geblieben. Jedes neue fehlende Fingerglied, das ich an einer Hand bemerke, erinnert mich an die vorangegangenen. Ich habe noch niemanden mit überzähligen Fingergliedern bemerkt. Vielleicht gibt es keine Obergrenze. Die Menschen dehnen sich aus: plötzlich haben sie mehr Taschen, einen Rucksack voller gestohlener Nasen und eine Schulklasse in Zweierreihe hinter sich, die zu ihnen gehört wie mein Zahnschmelz zu mir.

Menschen wachsen wie Gesamtausgaben, lange bevor sie herausgegeben werden. Später findet man noch einen verschollen geglaubten Briefverkehr: er wird minimalinvasiv herausoperiert. Wenn man lange nebeneinander liegt, wächst man zusammen, sofern man keinen Kanal gebaut hat. Man hört nie von diesen Fällen, denn auch die Zusammengewachsenen empfinden sich nicht als komplett: Während der eine nach seiner Brille greift, geht ein Ruck durch den anderen und der Spazierstock fällt aus dem Bett.

Menschen sind auch deshalb niemals komplett, weil es zweimal die gesamte Lebensdauer benötigen würde, um jeden Kubikzentimeter seines Körpers zu entdecken. Dabei geht es gar nicht um den Rücken. Menschen leben achtzig Jahre, ohne all ihre Lymphknoten verorten zu können. Viele haben noch keinen Sonnenhund gesehen. Sie sind erstaunt, wenn man ihnen welche zeigt. Man kann sich selbst monatelang in Aufregung versetzen, in dem man seinen Körper genau unter die Lupe nimmt. Alle Muttermale dieser Welt sind merkwürdig, wenn man nur lange genug hinsieht. Auf all unseren Wangen wächst Haar. Unsere Haut ist ein Gehsteig, den die Wurzeln immer größer werdender Bäume aufbrechen, daneben stehen Mopeds, abgedeckt in Regenplanen: wer sagt, dass dies kein Talgknödel ist; wer weiß, ob das nicht ein überzähliger Knochen ist, der so hell ist, dass man erschrickt, wenn er durch die Haut schimmert.

Niemand ist je komplett: Während vorne die Briefmarken sortiert werden, fallen hinten die Haare aus. Während jemand mit seiner rechten Hand an der linken die Fingernägel schneidet, passt er einen Moment nicht auf, dehnt seine hohle Handfläche zu weit auf und ein kleiner Zwilling fällt heraus, rollt unter das Regal und ist auch mit eindringlichem Flehen nicht mehr darunter hervorzuholen.

Warum Schornsteinfegern soviel Wohlwollen entgegengebracht wird

Schornsteinfegern wird immer sehr gerne Wohlwollen entgegengebracht, da sie die Menschen an ihre Kindheit erinnern. Die Kindheit besteht aus rosa Pappmachéköpfen auf schwarzen Kegeln, mit schwarzem Zylinder auf dem Kopf und geringeltem Draht mit Bürste und Mundstück in der Hand, dazu ein kopfgroßes Kleeblatt in der zweiten und ein halbkopfgroßer Fliegenpilz in der dritten Schornsteinfegerhand. Manchmal steht er auf einem goldenen Hufeisen, das manchmal aus Schokolade besteht und manchmal aus eingewickeltem Karton. Manchmal hat er eine Leiter auf den Rücken geschnallt.

Die kleinen Schornsteinfeger stehen in der Kindheit um das Bett herum und markieren Feiertage. Wo Schornsteinfeger sind, sind Supermarktkassen. Schornsteinfeger weisen auf die Sternschnuppennächte der Jahreszeiten hin, in denen der Himmel bewölkt bleibt. Schornsteinfeger halten den Pfeifenputzersamt in Schach und wischen nachts den Staub von glänzenden Marzipanschweinrücken. Kindheitserinnerungen bestehen daraus, sich kleine Schornsteinfeger in die Nase zu stecken, um zu sehen, ob es geht. Manchmal bleibt dabei der Hut in der Nase stecken und der Schornsteinfeger fällt ab, das Innere des Hutes aber ist hohl und kann wie der Naseninnenraum, der jetzt vom Hut ersetzt wird, bebohrt werden. Dabei kann der Fingernagel über die trockenen Klebstoffreste, mit denen der Schornsteinfegerhut an den Schornsteinfegerkopf befestigt war (aber nicht allzu gut), kratzen, so als ob es sich um echte Nasenrammel handeln würde.

Schornsteinfeger im Erwachsenenalter und in angemessener Größe tragen keine Pilze und Kleeblätter mit sich, auch der Hut ist nicht zylindrig. Dennoch sind sie für die Erwachsenen noch die Schornsteinfeger von damals, denn sie tragen ihren Schornsteinfegedraht, mit einem Puschel an dem einen und einem Mundstück an dem anderen. Jeder Erwachsene träumt davon, der Schornsteinfeger würde zu ihm nach Hause kommen, das Kamintürl öffnen und den Draht einführen. Der Schornsteinfeger würde seinen roten Filzstiftmund an das Mundstück des Drahtes legen und frrrrt, frrrrrt machen, das kleine Bürstchen am Ende würde sich im Kamin zu drehen beginnen und all die alte Asche würde durch das offene Kamintürl dem Schornsteinfeger auf sein Pappmachégesicht stauben und er müsste so herzlich lachen, dass er sich den Bauch halten und vornüber kippen würde und sich mit der auf den Rücken geschnallten Leiter an der Bodenleiste verhaken würde. Man müsste ihn dann sanft an den Klebestellen auseinandertrennen, befreien und wieder zusammenkleben.

Die meisten Erwachsenen allerdings haben keinen aktiven Kamin mehr und treffen Schornsteinfeger nur noch in den Straßen. Manchmal ist weit und breit kein Schornsteinfeger zu sehen, aber sein Schornsteinfegerpustedrahtgeringel lehnt vor einem Café an der Hausmauer. Dann schläft woanders ein Kind unter einer unzureichenden Sammlung von alten Schornsteinfegern, deren Kleeblätter sich langsam wie ein Milchzahn vom Gewebe lösen und im Luftzug baumeln; der gesuchte Schornsteinfeger wurde dorthin geschickt und vergaß dabei auf seinen Draht.

Warum Menschen gerne Dinge fallen lassen

Wir leben mit der Gravitation. Wir leben zwischen zwei Schichten, von denen uns eine glücklicherweise sehr nahe ist, denn meistens stehen wir darauf – die andere Schicht ist weit weg, wir erkennen nur Wolken und Flugzeuge. Verliert man während einem Spaziergang seinen Ballon und ist dieser mit Helium gefüllt, so fliegt er bald so weit in die Höhe, dass man ihn nicht mehr erkennen kann. Er könnte überall sein: er ist eine Sternschnuppe in einem Nachthimmel, in den man zu lange und unter Blinzeln geschaut hat und zwischen den Wimpern Sternschnuppen verliert, die es nie jemals gegeben hat. Wenn etwas nach unten fällt, kann man es meist besser erkennen.

Wenn sie nicht gerade gestolpert waren, haben Menschen die Gravitation schon immer sehr gerne gemocht. Man beginnt schon im Säuglingsalter damit, Dinge fallen zu lassen. Sie fallen runter. Das ist toll. Manche Dinge bleiben ganz und kullern, andere Dinge zerbrechen. Wenn Menschen groß sind, setzen sie manchmal Wassermelonen Fahrradhelme auf und lassen sie von Hochhäusern fallen. Hochhäuser sind ohnehin zumeist von fallen gelassenen Gegenständen umrandet. Zu groß die Versuchung, Apfelbutzen, Puppentassen, abgebrannten Sternspritzern und Brachiosauren, die ein Luftloch in ihrem Maul haben und „k-chü k-chü“ beim Drücken machen, beim Fallen zuzusehen. Fensterbretter wurden an Hochhäusern installiert, um darauf Warteschlangen von Gegenständen, die bald herunterfallen würden, bilden zu können.

In die andere Richtung ist es mühsamer, Dinge fallen zu lassen, aber auch das wurde seit Menschengedenken kräftig ausprobiert. Papierflugzeuge und Flugzeuge selbst sind zu diesem Zweck erfunden worden.

Das 18. Jahrhundert schließlich war die Blütezeit des Fallenlassens in beide Richtungen und auch diagonal. Besonders Jean-Pierre Blanchard fuhr gerne mit dem Ballon in die eine Richtung, um dann von oben Tiere in die andere Richtung fallen zu lassen. In Basel ließ er seinen Hund fallen, in Hamburg ein Schaf, das vielleicht niemandem gehört hatte, und in Wien ließ er Kaninchen in Körben und Kormorane aus seinem Ballon fallen. Jedem hatte er einen kleinen Fallschirm gebastelt und alle landeten, ohne es zu merken. Seinem Publikum wurde das mit der Zeit zu langweilig, deswegen musste er sich selbst ebenfalls hinabstürzen, um noch etwas Aufmerksamkeit zu generieren. Er hatte auch einen Fallschirm.

Auch Frauen durften sich aus Ballons hinabfallen lassen, aber nur verehelichte.

In der Moderne schließlich wurde es eine eher unauffällige Privatangelegenheit, Dinge in eine der beiden Richtungen fallen zu lassen. Das Sujet des Hinab- und Hinauffallens hat sich in den Alltag geschlichen und wird nicht mehr als solches wahrgenommen. Teller etwa gehen oft nur unter einem kurzen Ausruf kaputt, Beobachter empfinden allerdings in ihrem Inneren beim scheppernden Aufprall eines Tellers am Boden mehr als nur das bekundete kleine Bedauern des Bruchs. In Wahrheit stehen sie während jedem herabstürzenden Teller an der Kante eines Hochhausdaches und werfen Marmeladegläser, die unten in Zeitlupe zerbersten und einen Marmeladenhubschrauberlandeplatz hinterlassen. Schnurrbärtige Menschen kauften sich ferngesteuerte Flugzeuge und insgeheim warteten sie während jedes Ausflugs nur darauf, das Flugzeug herabfallen zu sehen. Andere wiederum haben das Tontaubenschießen erfunden oder sich der Faszination der fliegenden Palatschinke angenommen, die ja auch mit wenig Aufwand und Umsicht pfannennah gewendet werden könnte.

Die Erde wird seit Jahren von der International Space Station umkreist. Hinter der Space Station leuchten unbemannte Projekte ein bisschen den dunklen Rest der Welt aus und manchmal leuchten Schatten zurück von Menschen, die bis zum Mond gekommen sind. Die ISS ist am momentan menschenmöglichst entferntesten Ort von Personen, die nach acht aufgekratzten Rubbellosfeldern noch immer hoffen, das neunte würde ihnen einen großen Gewinn bringen und Personen, die entnervt aufseufzen, weil das aufgedruckte Datum auf ihrem Joghurt das von gestern ist. Trotzdem handelt fast jedes Video, das je in der ISS aufgenommen wurde, von Orangen, Kugelschreibern und Tortillawraps, die für immer nicht herunterfallen.