Wie man sich Schimmel heranzüchtet

Mit Brot und Zucker kann man ganze Welten erschaffen. Eigentlich ist es dasselbe, sagt Herr B., der Biologielehrer und teilt abgerissene Stücke eines Brotlaibs aus mit seinen bloßen Händen. Manche Schüler halten die Hand auf, anderen legt er das Brotstück auf die abgeschliffene Schutzhülle des Biologiebuches. Kaut es zehn Minuten lang, sagt Herr B., und schaut, wie es süß wird in eurem Mund, worauf in der ersten Reihe Mario plärrt: Herr Lehrer, ich habs verschluckt.

Ich habe genug Brot in meinem Leben gegessen um zu wissen, dass es nicht zu Zucker wird, dass es niemals süß wird, dass es nur beginnt, nach den verlorenen Alpträumen der Mundhöhle zu schmecken, wenn man es lange, sacht im Mund herumträgt. Mein anderes Experiment, das bei weitem interessantere, ist so weit gediegen, dass es aus meinen Schreibtischschubladen zuhause manchmal leise wiehert. Ich stecke das Stück Brot schnell hinter den Heizkörper, während Herrn B.s Rücken das restliche Brot zu Mario in der ersten Reihe bringt.

Zu Brot und Zucker sollte man Wasser hinzufügen, man kann es aber auch voraussetzen. In einem Raum, in dem sich 28 Schüler täglich mehrere Stunden lang aufhalten und die Fenster geschlossen bleiben, seit Kerstin Tabithas Pager während einer Geschichtsstunde, in der kurze Videosequenzen aus der Zeit der Errichtung der Großen Druckerpresse gezeigt wurden, geschnappt und rausgeworfen hatte, worauf unten im Schulhof später eine bewusstlose Amsel neben dem zerbrochenen Pager gefunden wurde, kondensiert sich ohnehin eine große Menge davon. Es rinnt an den Scheiben über die Fensterbänke hinter die Heizkörper und während in den Pausen einige Schüler ihre Finger an den Scheiben befeuchten um an der Tafel Glücksrad zu spielen, nachdem die Lehrerinnen die Kreide beim Pausenläuten nun jedes Mal sorgsam einpacken, weil sich so eine Geschichte wie die mit Julius nicht mehr wiederholen sollte, zumindest, solange Julius aus dem Krankenhaus nicht wieder zum Unterricht erschienen ist, schaue ich den Tropfen zu, wie sie hinunterlaufen, in die Kehle meines zukünftigen Schimmels. Es ist verboten, Tiere in das Schulgebäude mitzunehmen, aber ich habe nichts mitgebracht, ich sitze nur hier und warte, während an der Tafel die Buchstaben so schnell trocknen, dass sie von den mitspielenden Schülerinnen mehrfach gekauft werden müssen.

Aus meinem Schreibtisch im Kinderzimmer staubt es, besonders wenn man die Schubladen zu schnell öffnet. Das sind die alten Wurstbrote, die nun über angeknabberte Schnellhefter und ausgeklebte Stickerbögen galoppieren. Ich muss die Schubladen schnell schließen, bevor eines auskommt und sich irgendwo in der Wohnung versteckt. Solange das Experiment in der Anfangsphase ist, sollten sie nicht über die Größe hinauswachsen, in der ihre Ohrenspitzen den Boden der darüberliegenden Schublade berührt. Nachts schlafen sie. Am Balkon sterben Taubenküken und manchmal denke ich, es ist, weil sie das Brot nicht lange genug im Schnabel gehalten haben, bis es in der dunklen Kathedrale dieses Vogeleingangs kleine Lebenssprossen herausbilden konnte, die zu Hufen, Nüstern und bunten Bändern in einer weißen Mähne wuchsen. Das hätte ihnen vielleicht die Lebensenergie bewahrt.

Manchmal vergisst man die Wochenenden und im Bankfach bleibt das Buch liegen, das man zum Lernen für die Schularbeit am Montag benötigt hätte, oder der Gameboy. Ein ganzes Wochenende musste ich mit Zähnen verbringen, die so frei waren, dass ich nachts davon träumte, ohne Aussicht auf ein Ufer durch einen glitzernden See zu schwimmen und das einzige, was mich oben hielt, waren allerhand Hundestirnen, die meine Fußsohlen immer wieder nach oben schubsten, denn mit den Füßen tief unter der Wasseroberfläche schwimmt man nicht, sagt Frau V. die Turnlehrerin, so schwimmen nur Enten, die das können, weil sie kleine Flugzeugträger sind mit einem Bauch voller Luft. Meine Zahnspange war am Montag noch immer im Bankfach und roch leicht nach Humidor. Am Montag ragt ein großer, weißer Pferdekopf aus dem Heizkörper hervor und er macht keinen glücklichen Eindruck. Der Schulwart wird gerufen, aber er verlässt das Klassenzimmer sehr schnell wieder um die Feuerwehr anzurufen und um nach einer halben Stunde, als John, wie wir es genannt haben, schon in einer Schachtel hinten im Regal liegt, weil Herr B. für eine neue Präparation erst den Spiritus beim Landesschulrat beantragen muss, mit einer dicken, weißlichen Karotte in der Hand zurückzukehren. Er wird später gedankenverloren selbst daran kauen, während Herr B. sich seufzend darüber auslässt, dass der Spiritusantrag immer besonders lang dauert, aber er sicher selbst das Zeug nicht besorgen würde, dass sich die Schule eben selbst an der Nase nehmen solle, wenn, seit der Fledermaus, die in einem löchrigen Medizinball eingeschlafen war und von jemandem aufgeweckt wurde, der in seiner Turnhose wohl sehr laut schrie aber nun nach einem erfüllten Leben als Druckerpressendirektor und Vater von Drillingen, die alle in ihrer Berufslaufbahn einen gewissen Hang zur Floristik erkennen lassen hatten, schon gute 30 Jahre tot war, nichts mehr präpariert wurde.

Die Feuerwehr ist so schnell da, als würde das Gebäude in Flammen stehen. Wir aber wissen nicht, ob John jemals Geräusche von sich geben hatte können, denn an diesem Montag bereits ist er schon sehr müde und still. Sein Kopf ist doppelt so groß wie sein Körper und seine Hufe spitz und eiskalt. Am abmontierten Heizkörper kann man auf der Rückseite die Kratzspuren entdecken und auch eingetrocknetes Blut. Das ist schade, sagt eine Feuerwehrfrau, wirklich schade, ich habe selbst einen Pflegeschimmel am Land, es sind die treusten, freundlichsten Geschöpfe. Wenn man sie richtig auswachsen lässt, laufen sie schneller als all die anderen. Sie hält John in ihren Armen, während er das erste Mal so richtig tief Luft holen kann, aber dabei reißt etwas in seinem Inneren wohl und die Feuerwehrfrau kann bald keinen Puls mehr finden.

Herr B. hält an diesem Tag für die restliche Schulstunde keinen normalen Unterricht mehr, sondern steht vor der Tafel, an der die Stapel der mehrfach eingekauften Buchstaben nicht mehr zu erkennen sind und seine Stimme hat durchaus etwas so Donnerndes, wie es der Situation angemessen ist. Man macht keine Experimente mit Lebewesen, wenn man kein Experte ist, sagt er und schaut in einem kontrollierten Halbkreis von links nach rechts um den Eindruck zu erwecken, er hätte uns allen in die Seele geblickt. Man macht keine Experimente, denn es kann so viel schiefgehen und John, sagt er, während er nach hinten aufs Regal deutet, John ist das letzte Lebewesen, das so ein missglücktes Experiment verdient gehabt hätte. Es würden, sagt er weiter, wohl demnächst die Heizkörper verbaut werden, aber bis dahin appelliert er an unsere Vernunft.

John wird das erste und das letzte selbstkonservierte Präparat meiner alten Schule. Der Spiritus wird am selben Tag geliefert, an dem auch Julius das erste Mal nach so langer Zeit wieder am Unterricht teilnehmen darf. Er sitzt in der ersten Reihe, wo auf uns, die wir hinter ihm sitzen, der helle Schimmer seines neuerdings weißen Haares fällt und hat einen der besten Blicke auf die Präparation von John, dessen Augen mittlerweile sehr eingefallen sind und dessen Beine sich, als wäre er sehr schüchtern, zu einem kleinen Strauß zusammengezogen haben. In der Pause lässt er sich von uns erzählen, wie wir John gefunden haben, seine Augen feucht, weil er es so schade findet, es verpasst zu haben, wenn endlich mal etwas passiert.

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