Wie man als Zwilling ohne Zwilling lebt

„Ich habe das Gefühl, dass das Kind gewissermaßen wie mein siamesischer Zwilling zu einem Teil meines Körpers geworden ist. Der Gedanke, mich von ihm zu trennen, erscheint mir zu gefährlich, ja sogar noch waghalsiger, als einen im ganzen Körper ausgebreiteten Tumor zu entfernen. Das Kind, das ich bin und zugleich nicht bin; der ewig Siebenjährige, der im Körper einer siebenunddreißigjährigen Frau lebt und niemals geweint hat.“
(Cheon Woon-young: Ihre Art des Weinens, S.54)

 

Zwillinge sind seltsam. Sie veranstalten Treffen, ziehen sich identisch aussehende Kleidungsstücke an, heiraten andere Zwillinge, veranstalten Treffen, machen Fotos für das Internet. Das ganze Internet ist voll von Zwillingsfotos. Viele Zwillinge werden Fernsehstars, manche werden Astronauten. Zwillinge eignen sich sehr gut für so etwas.

Als ich noch ein Einzelkind war, gab es keine Zwillingspärchen, die ich kannte. Als ich noch ein Einzelkind war, hatte ich einen Stiefbruder, den ich angeben konnte, auf die Frage, ob ich denn Geschwister hätte und als ich noch ein Einzelkind war, fiel mir keine Sekunde ein, dieser Umstand könnte sich ändern, denn meine Eltern hatten sich kurz nach meiner Geburt getrennt.

Dem Umstand, dass sich meine Eltern so früh getrennt haben und dass über meine Mutter zwar genug, aber für mich nicht ausreichend erzählt wurde, verdanke ich, dass ich erfahren habe, dass ich kein Einzelkind bin. Um mehr über meine Familie zu erfahren, musste ich recherchieren und wenn man ein Kind ist, dann beginnt man die Recherche am besten zuhause. Im Bücherregal meines Vaters gab es eine Mappe mit offiziellen Dokumenten der Familie väterlicherseits. Ich war zwölf.

Ihren Namen erfahre ich, bevor ich von ihrer Existenz weiß, denn es dauert Sekunden, um auf das Geburtsdatum zu schauen und noch mehr Sekunden, zu begreifen, was das heißt, dass da mein Geburtsdatum steht. Erst dann blättere ich um und sehe den Totenschein, ihr Tod, knappe zwei Wochen nach unserem Geburtsdatum. Danach kommt ein Beleg für die Zahlung der Grabstelle, die ich viel später aus der Onlinegrabsuche der Bestattung Wien wieder heraussuche und sehr, sehr viel später das erste Mal suche.

Die Monate nach dieser Entdeckung verbringe ich in einem Tagtraum. So ist das, wenn etwas Unmögliches plötzlich möglich geworden war, aber auch gleichzeitig unmöglich und wenn nun alles Unmögliche möglich und das Mögliche unmöglich ist, kann man sich eigentlich alles ausdenken, was nur irgendwie geht. Was, wenn ich adoptiert bin? Was, wenn ich eine ganz andere Mutter habe, was, wenn ich einen ganz anderen Vater habe, was, wenn der Totenschein nur ein Versuch ist, die Existenz meiner Zwillingsschwester an einem anderen Ort zu verleugnen? Was ist in einer Familie an Geheimnissen möglich, in der ich erst nach zwölf Jahren heimlich herausfinde, dass ich nie ein Einzelkind gewesen bin? Auf den Schulwegen stelle ich mir vor, wie ich meine Schwester wiederfinde, wie ich meine Mutter wiederfinde, wie ich plötzlich irgendwo ankomme und von Menschen umgeben bin, die mir ihre Liebe zeigen können. Ich stelle mir vor, dass ich jemanden habe, der eine Allianz mit mir bildet, jemanden, der mir ähnlich sieht, an dem ich erkenne, dass es okay ist, so auszusehen wie ich aussehe und der nicht „die Oberschenkel einer Dreißigjährigen“ hat, wie mein Vater es mir auch ungefähr zu dieser Zeit einmal sagt. Ich kann mir viel vorstellen, aber auch damals schon zerrede ich mir gleichzeitig die Träume, ich sage: niemand weiß, dass du die Geburtsurkunde und den Totenschein gesehen hast, niemand hätte gedacht, dass du sie finden könntest, niemand würde wollen, dass du jetzt nachfragst, denn wenn du nachfragst, gibst du zu, dass du heimlich in einem Schrank gewühlt hast, der dir nicht offen stand und du weißt, was dann passieren würde und wie sehr die tote Schwester zur Nebensache verkäme.

Ich begreife langsam, dass ich eine Schwester bekommen, aber sofort wieder verloren habe. Das doppelte Lottchen habe ich nie gelesen, aber Adaptionen oder ähnliche Geschichten gesehen und gehört; ich werde es nicht nachholen. Ich war ein Kind, als ich im Ferienhof des Aktenschrankes auf ein zweites Kind stoße, das anders heißt, mir aber ähnlich sieht und am selben Tag geboren wurde, ja, es hat denselben Vater und dieselbe Mutter, es ist 13 Minuten jünger als ich, ich bin die ältere Schwester. Meine doppelte Lottchengeschichte geht so: Wir fahren auf den Ferienhof, da stoßen wir an der Tür des Pferdestalls aufeinander, ich schrecke zurück: ist das mein Spiegelbild? Bin ich eine kleine Holzkiste? Wir befragen unsere Elternteile, woraufhin mein Vater die Holzkiste packt und mir reicht und sagt: ja, es stimmt, du bist kein Einzelkind, hier ist deine lang verlorene Zwillingsschwester. Die Holzkiste ist leicht, je weniger Leichnam, desto schneller verliert er sich. Was mir jetzt bleibt, ist mein ganzes Leben lang Verwechseln und Schabernack mit einer Toten zu treiben.

Ich begreife langsam, dass ich eine Schwester bekommen, aber sofort wieder verloren habe. Dann erscheint sie mir als Geist. Es ist Silvester und ich bin alleine zuhause, denn meine Eltern sind auf dem Silvesterpfad, für den ich noch zu klein bin, aber nicht mehr klein genug, dass man mich nicht alleine zuhause ließe. Ich sehe fern und auf dem Raumteiler im Wohnzimmer spiegelt sich der Schein des Licht der Esstischlampe, der von Anhängern auf dem Weihnachtsbaum reflektiert wird, so denke ich. Die Fenster sind geschlossen, ich sitze still auf der Couch, ein Lichtpunkt pendelt auf dem Raumteiler hin- und her. Ich stelle den Fernseher aus, bleibe still sitzen: es ist das reflektierte Licht der Esstischlampe, vermutlich baumelt ein glänzender Weihnachtsbaumanhänger bewegt von den Luftzügen, die ich auf der Couch sitzend verursacht habe. Seit ich lebe, habe ich Angst vor Geistern, ich habe länger Angst vor Geistern, als ich weiß, dass ich kein Einzelkind bin und niemand hat sich je bemüht, mir diese Angst zu nehmen. Ich sehe Geister, wenn keine da sind und wenn sich welche in einem pendelnden Lichtpunkt am Raumteiler manifestieren wollen, so sehe ich sie auch dort, aber ich rede mit mir selbst, denn ich bin ein Einzelkind und ich sage: es ist die Esstischlampe, reflektiert von einem Weihnachtsbaumanhänger, der baumelt, weil die Luft im Raum sich noch immer bewegt, obwohl ich doch so still sitze. Ich sitze stiller, ich halte die Luft an, der pendelnde Lichtpunkt schwingt wild aus. Ich weiß, dass ich aufspringe, dass ich alle Lichter aufdrehe, dass ich aus dem Raum laufe und sofort zu weinen beginne, ich weiß auch, dass einer der ersten erklärenden Gedanken ist: das ist meine Schwester. Ich laufe auf den Balkon, es ist kurz vor Mitternacht, Nora, die in meine Schule geht und unter uns wohnt, ist mit ihren Brüdern auf ihrem Balkon, sie schießen Böller. Ich weine und ich zittere und ich erinnere mich, dass ich eine fast volle Zigarettenpackung, die ich heimlich in meinem Zimmer aufbewahrt habe, vom Balkon schmeiße, denn das ist das Mindeste, was ich tun kann, um mich von Schuld, vom Falschsein, zu befreien, um die Geister zu besänftigen, um meine Schwester zu besänftigen.

Nicht allzulang später, als ich vierzehn bin, nehmen mich meine Eltern mit in den Urlaub. Manchmal wird gestritten, nicht so oft wie zuhause, aber auch hier bin ich im Mittelpunkt. Ich habe Dinge falsch gemacht, ich muss mich entschuldigen, ich zucke zusammen bei Bewegungen der Arme meines Vaters. Man kann es kaum Streit nennen, denn ich streite nicht, ich wehre mich nicht, ich rechtfertige mich kaum, ich bin still, während auf mich eingeschrien wird. Versöhnungen danach sind in der Erinnerung sirupsüß, ich bekomme eine weitere Chance mich als gutes Kind zu bewähren, mein Vater entschuldigt sich manchmal, auch dieses Mal, im Urlaub. Alles wäre nun geklärt, sagt er dann, aber wenn wir schon dabei sind, reinen Tisch zu machen, dann machen wir es gleich ganz. Ich halte die Luft an, ahne und tatsächlich sagt er mir, dass ich eine Zwillingsschwester gehabt hätte. Ich ermahne mich innerlich so laut, überrascht zu tun und weiß nicht, ob es mir damals gelungen ist. Aber ich habe die Möglichkeit Fragen zu stellen: was ist passiert, warum. Eine Stoffwechselerkrankung, sagt mein Vater und das ist eines der Worte, die ich mir erst nach und nach erarbeiten muss, genauso wie den Grund, warum meine Mutter fehlt, auch das ein Wort, das zu kompliziert für ein Kind ist, auch das ein Wort, das man nachschlagen muss und dann nicht einmal ansatzweise versteht.

Aber ich verstehe, was mein Vater danach sagt, denn es ist nicht neu für mich, mein Vater sagt, er hätte sich damals gesagt, dass er eben dem anderen Kind eine Chance geben möchte. Das andere Kind bin ich. Ich, die Chance. Was er mir zu einem späteren Zeitpunkt bei einer Nachfrage zu meiner Mutter sagt, ist, dass meine Schwester wohl ohnehin alles Negative abbekommen hätte, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Ich, die Chance, meine Schwester, das Schmutzfangtuch in der geteilten Gebärmutter.

Viel später schreibt meine Mutter in Briefen, dass meiner Schwester die Speiseröhre gefehlt hat und ich weiß bis heute nicht, was tatsächlich in den zwei Wochen im Juni passiert ist. Ich stelle mir nicht mehr vor, dass ich meine Schwester wiederfinde, ich stelle mir nicht mehr vor, dass sie mich als Geist besucht, aber ich stelle mir vor, dass ich herausfinden könnte, was damals passiert ist, aber ob auch das eine unmögliche Vorstellung ist, die mir nur als Trost möglich vorkommt, wird sich erst in der Zukunft zeigen.

Zwei Wochen im Juni sind lang, ich versuche sie jedes Jahr wahrzunehmen. Ich vergesse es oft, aber zwei Wochen im Juni sind die längsten Wochen im Jahr und so fällt es mir jedes Jahr rechtzeitig ein. Zwei Wochen sind lang, ein ganzes Leben lang. Zwanzig Jahre sind länger als Wochen, zwanzig Jahre wissen um eine Schwester, die man nicht hat, aber haben hätte können, lassen Platz für alle möglichen und unmöglichen Gedanken. Zwanzig Jahre ist genug Zeit, um sich bewusst zu werden, was für ein Glück es ist, nach zweiunddreißig Jahren noch immer am Leben zu sein, wenn jemand, der mit den ganz gleichen Bedingungen in dieser Welt angelegt wurde, nur zwei lange Wochen im Juni alt werden durfte. Manchmal google ich und komme immer wieder auf Esoterikseiten, die davon erzählen, dass wir alle Zwillinge haben. Einmal verfasse ich dazu ein Tumblrposting, ich tagge es und alle paar Monate kommt ein einzelnes Aufmerksamkeitszeichen von Fremden hinzu, wie ein sehr entferntes, kaum wahrnehmbares Winken. Zwanzig Jahre sind lang, so lang, dass ich zwischendurch beginne, Mircea Cărtărescus Orbitor-Trilogie zu lesen und sehe, er teilt mit uns denselben Geburtstag und nicht nur das, er hatte einen Zwillingsbruder, der verschwand, als beide fünf Jahre alt waren. Zwanzig Jahre sind lang, um an allen Ecken und Enden zu suchen, ob es noch weitere verschwundene Zwillinge gibt und je mehr man sucht, desto mehr Zwillinge findet man: Zwillinge, die Zwillinge waren, nur kaum Zwillinge, die keine Zwillinge waren. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, um nach allen möglichen und unmöglichen Erklärungen zu suchen: ich habe Medikamente gegoogelt, ich habe Briefe oft gelesen, ich habe im Internet gefundene Dokumente zur Säuglingssterblichkeit in Deutschland nach Tschernobyl durchsucht. Ich weiß wenig darüber, was Embryos und Säuglinge wahrnehmen und will es auch nicht so genau wissen, denn ich kann mich nicht mehr erinnern und wenn ich es könnte, hätte ich, als die richtige Zeit war, Fragen zu stellen, noch gar nicht reden können.

Zwanzig Jahre dauert es auch, bis mir plötzlich auffällt, dass meine Nichtzwilling-Zwillingsgeschichte auch die Geschichte meiner Nichtmutter-Muttergeschichte ist. Natürlich habe ich eine Mutter, ich bin aus ihr geschlüpft. Natürlich habe ich eine Zwillingsschwester, denn ich bin nicht allein auf diese Welt gekommen. Fragt mich nach meiner Mutter, fragt mich, ob ich Geschwister habe und ich sage erstmal: die einfache Antwort oder die komplizierte? Ist es einfacher zu sagen, man hätte keines von beiden, ist es einfacher zu antworten, man hätte zwei Geschwister, ist es einfacher zu sagen, ich habe lange geglaubt, auch ich darf in den Geschichten dieser Welt stecken, in denen man eine Mutter wiederfindet und am Ferienhof versehentlich jemanden trifft, der in derselben Gebärmutter herangewachsen ist? Ist es einfach zu schreiben, die Mutter ist mir abhanden gekommen, obwohl ich eine haben hätte können, weil mir die Zwillingsschwester abhanden gekommen ist, obwohl ich eine haben hätte können; ist es nicht einfacher zu sagen, ich erzähle das jetzt lieber nicht, weil es erfunden klingt, ist es nicht einfacher zu sagen, meine Mutter war Lehrerin, ich bin mit einem Stiefbruder aufgewachsen. Ist es einfach zu sagen, mir wurde schon sehr früh bewusst, dass ich dieser Welt nicht trauen kann, dass ich lieber bedrucktem Papier glaube, dass mir alles richtiger vorkommt, wenn es einmal irgendwo gedruckt wurde, ist es deswegen so, dass ich mich lieber mit Büchern umgebe als mit Menschen; ist es nicht einfacher zu sagen, hier, es gibt einen englischsprachigen Wikipediaeintrag zu diesem Phänomen, darin stehen eine Liste berühmter Menschen und weiß der Teufel, wieviele wir eigentlich wirklich sind: https://en.wikipedia.org/wiki/Twinless_twin

Wenn man einen Namen trägt, sucht man sich in der Bedeutung dieses Namens. Mein Name bedeutet „Fürstin“, das habe ich schon früh nachgelesen und dachte, dass es nicht verwunderlich ist, wenn ich allein bin. Den einen Namen, den ich dazubekommen habe und seither in den Händen halte, und fast genauso gerufen zusammenzucke, wenn ich ihn sehe oder höre, diesen Namen versuche ich erst spät zu verstehen und dann finde ich heraus, dieser Name meiner Schwester, er bedeutet „Stern“, er bedeutet „Versteck“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s