Wie man seine Frau verliert

Ludwig Löffler, der gern seine Initialen auf Taschentücher sticken ließ, war ein Uhrmachermeister in der Inneren Stadt. Löffler saß stundenlang, auch nach Ende der Geschäftszeit, über seinen Uhren und vergaß alles andere. Oft lief im Hause Löffler die Milch über und Straßenkatzen machten sich über das Unglück her, denn Herr Löffler vergaß stets Herd, Türen und den Hochzeitstag mit seiner Frau, Elisabeth Löffler, die zwar daran dachte, aber die Milch ebenfalls vergessen hatte, denn sie musste im Hinterzimmer die Buchhaltung führen, für die sich ihr Mann zu beschäftigt hielt.

So auch an diesem einen Abend, als Elisabeth Löffler gerade rechtzeitig zum Herd kam, bevor die Kartoffeln anbrannten und die Gelegenheit nutzte, um ihren Mann dezent darauf hinzuweisen, dass demnächst der Hochzeitstag wieder ins Haus stünde, und zwar nicht nur irgendeiner, sondern der erste zehnte Hochzeitstag miteinander und sie sich vielleicht doch eine Kleinigkeit erwarten würde, sie hatte da etwas in einem Schaufenster gesehen usw. Herr Löffler schraubte unter seinen Lupenaugen weiter und hörte eigentlich gar nicht zu, außerdem war da ein seltsames Scharren im Raum, das vielleicht von den Katzen, vielleicht aber auch vom kleinen Fritzi stammen konnte, der sich gern in die großen Standuhren zurückzog und darin Raketenmann spielte.

Nachts, als er im Bett lag und sein Gehirn weiter Uhren auseinander- und zusammenbaute, da flüsterte aber doch etwas in seinem Hinterkopf vom Hochzeitstag, nur schlief er alsbald ein und vergaß. Bis zum Abend vor dem Hochzeitstage, da krähte nämlich Fritzi aus dem Uhrkasten „Lochscheitsta“ und erinnerte Herrn Löffler kurz sowohl an die Existenz seines Sohnes als auch an das bevorstehende Jubiläum. Er sah sich um und überlegte, ob er es wagen wolle, seiner Elisabeth auch in diesem Jahr eine Uhr zu schenken. Vielleicht solle es aber doch etwas Spezielleres sein, aber was sollte er tun, die Geschäfte hatten bereits geschlossen und am nächsten Morgen erwartete seine Elisabeth bereits eine kleine Aufmerksamkeit.

Sein Blick fiel auf Fritzi, der aus dem Uhrkasten hervorgekrochen war und sich jetzt am Boden herumliegende Sächelchen in die Nase zu stecken versuchte. „Gib“, sagte Löffler zu seinem Sohn und nahm ihm eine kleine, runde Perle aus der staubigen Kinderhand.

Ludwig Löffler arbeitete bis spät in die Nacht, aber am nächsten Morgen konnte er seiner Elisabeth ein kleines Schächtelchen überreichen. „Nun“, dachte Elisabeth bei sich, „es ist zwar nicht der Stoff, von dem ich ihm erzählt habe, der in dem Geschäft am Graben aushängt und so glänzt, aber vielleicht ist es zumindest ein kleines Ringelchen.“

Als sie aber die Schachtel öffnete, da starrte sie kurz mit leeren Augen auf den Inhalt und fragte dann ihren Ludwig: „Warum hat der Kirschkern denn ein Schloß? Bist du jetzt ganz plemplem geworden?“

„Mach auf! Mach auf!“, drängte sie Ludwig Löffler.

Tatsächlich sah Elisabeth Löffler neben dem Kirschkern, an dessen Hinterkopf noch ein Stück vertrocknetes Kirschfleisch hing, ein kleines goldenes Schlüsselchen liegen. Sie versuchte es aufzunehmen, doch es verhakte sich unter dem Fingernagel ihres Zeigefingers und als sie es endlich in ihre Handfläche geschüttelt hatte, reichte sie die Schachtel und den Schlüssel nur kopfschüttelnd ihrem Mann. „Das ist mir zu blöd.“

Ludwig Löffler nahm mit seinen Uhrmacherfingerspitzen den Schlüssel auf, steckte ihn ins Schloss des Kirschkernes und sperrte auf. „Schau, Lisi“, sagte er. „Schau einmal.“

Elisabeth Löffler schaute. Im Kirschkern lagen, auf einem winzigen roten Kissen, verschiedene winzige goldene Sachen. Es sah aus wie Uhrmacherkehrricht, die Sorte von Uhrmacherkehrricht, die sie mehrmals täglich rund um den Arbeitstisch ihres Mannes aufkehren musste, damit Fritzi nicht versehentlich etwas davon verschluckte.

Ludwig Löffler reichte ihr seine Lupe. „Schau genau hin“, sagte er. Da sah Elisabeth Löffler, dass in dem Kirschkern ein Nähset, bestehend aus einer Schere, einer Nadelbüchse mit drei Nähnadeln, einem Trennmesser, einem Stickstecher, einem Zwirnwickel und einem Fingerhut, lag.

„Moh“, sagte Elisabeth Löffler. „Das ist schon sehr fein gemacht. Vor allem der Fingerhut. An Fingerhüten, die so klein sind, dass sie auf keinen Finger mehr passen, daran erkennt man die Welt.“

„Gell“, sagte Ludwig Löffler. „Der Fingerhut und die Nadeln, das war das aufwändigste, drei Fingerhüte hab ich in der letz… letzten Zeit verloren, weil sie so klein waren.“

„Du solltest vielleicht den Schlüssel noch daran befestigen, vielleicht mit einer winzigen Kette“, meinte da Elisabeth Löffler sehr verständig. „Denn du kennst ja den Fritzi.“ Sie deutete auf die zwei Uhrkästen, die in der Nähe waren.

Also befestigte Ludwig Löffler den Schlüssel noch mit einer feinen Venetianerkette am Kirschkern.

Elisabeth Löffler fühlte sich durch dieses merkwürdige Geschenk dann aber doch geschmeichelt – welche ihrer Freundinnen konnte es denn mit so einem Hochzeitstagsgeschenk aufnehmen – und erzählte es den ganzen Tag über jedem Kunden, der durch die Türe kam. So sprach sich die Kirschkernarbeit von Ludwig Löffler schließlich so sehr in der Stadt herum, dass man selbst am kaiserlichen Hofe davon erfuhr und Gesandte schickte, die sich das ganze aus nächster Nähe ansehen sollten.

Ludwig Löffler aber war durch ebendiese Aufmerksamkeit so geschmeichelt, dass er, während er an einem Marillenkern bastelte, in Tagträume versank und von einer Anstellung am Hofe träumte. So sehr steigerte er sich in diese Vorstellung hinein, dass er schließlich fiebrig nach dem Kirschkern – der ja noch im Geschäft lag, weil er eifrig herumgezeigt wurde – griff und den Namen seiner Frau, der am Barte des kleinen Schlüsselchen eingraviert war, wieder auslöschte und stattdessen den Namen der kaiserlichen Majestät Karolina hineinbrach. Dann schickte er einen Boten an den Hof mit der Mitteilung, dass er dieses Kleinod sehr gerne der Majestät verehren wollen würde.

Der Kirschkern wurde noch am Abend, noch als der Hochzeitstag nicht abgelaufen war, von kaiserlichen Boten hinausgebracht und als ihn Elisabeth Löffler vorm Zubettegehen verzweifelt suchte, da deutete Ludwig Löffler stumm auf einen Uhrkasten.

Fritzi aber lag bereits im Bett, als Elisabeth Löffler aufgewühlt in die Stube kam und ihm Milch und Brot ins Gesicht zwängte. Fritzi war sehr glücklich darüber, denn man hatte tagsüber vergessen, ihm etwas zum Essen zu geben und er hatte nur an einem Hühnerknochen genagt, den ihm die Straßenkatzen vorbeigebracht hatten. Elisabeth Löffler sagte schließlich Gute Nacht zu ihrem Sohn, diesmal allerdings mit dem Zusatz, er solle sie am Morgen auf jeden Fall rufen, wenn er auf dem Topf säße.

Am nächsten Morgen dann wühlte sich Elisabeth Löffler wagemutig durch Fritzis Producte, allerdings konnte sie den Kirschkern nicht wiederfinden. Später hörte sie dann aber von Kunden, dass die Kaiserin sehr verzückt über das Kirschkernkleinod gewesen wäre und als sie zu ihrem Mann sah, da saß dieser nur rot angelaufen hinter seinen Lupen.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Löffler,_der_Uhrmacher

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Wofür Wachsblumen gut sind

Wenn man 1869 von Süden her auf Wien zu fuhr, so konnte man schon von fern die großen Hallen der Blumenfabriken erkennen. Meist waren es mehrstöckige Backsteinbauten, gefüllt mit Tausenden von jungen Mädchen, die, während sie darauf warteten, geheiratet zu werden oder endlich doch ein Gesangstalent zu entwickeln, – denn anders konnte man nicht im Kaiserlichen Biografischen Lexikon verzeichnet werden, wenn man nicht gerade von adeliger Herkunft war – , Tag für Tag Efeurankendrähte ineinander woben und kleine Blütenblätter schnitzten.

Fuhr man an einem Februartage, als nur noch Pepi, der Wahnsinnige von Hundsturm, seine Pirouetten auf dem schmelzenden Eise des Wienflusses drehte, entlang des Wienflusses auf die Stadtmauern zu, so fuhr man, ohne es zu merken, an dem kleinen Atelier der Therese Stummer vorbei.

Auch Therese Stummer hatte ihre Mädchenjahre in einer Blumenfabrik verbracht und dort so viele silberne Efeublätter ausgeschnitten, dass ihre Fingerkuppen ganz wund geworden waren und sie allabendlich ihre Privatsächelchen nur noch mit Fingern, die sie mit weichem Kerzenwachs beschichtet hatte, anzugreifen wagte. Dieser Umstand hatte sie oft an ihre früheste Kindheit erinnert, als sie nach dem Abendbrot noch der Großmutter im fahlen Licht der Küchenkerze Gesellschaft leistete, ihren Geschichten zuhörte, aber gleichzeitig in einer wohligen Langeweile mit dem abgeflossenem Kerzenwachs spielte. Sie formte allerlei Getier und Landschaften daraus, allerdings wurden diese kleinen Kunstwerke allmorgendlich von der Großmutter eingesammelt und für neue Kerzen aufgespart.

Nun aber war kein Mangel mehr an Kerzenwachs und sie konnte nach Belieben darüber verfügen, also begann sie nach Feierabend, die tagsüber in der Blumenfabrik zusammengestellten Blumenbouquets aus dem Gedächtnis mit Kerzenwachs nachzuformen. Ihre Blumen waren derart anmutig und naturgetreu, dass sie bald ihr Engagement in der Blumenfabrik aufgeben und einen eigenen kleinen Laden für Wachsblumen eröffnen konnte.

Wenn man nun nicht mit Tempo auf die Stadt zu fuhr, sondern gemächlich am Wienfluss entlang schlenderte, so konnte man das kleine Wachsblumenatelier der Therese Stummer doch entdecken und verwundert vor ihrem Schaufenster stehen bleiben, denn nach diesem außergewöhnlich eisigem Winter schien es sehr absonderlich, wie von innen so freudig die Blumen dem grauen Himmel entgegenlachen konnten. So war es auch mit Dr. Karl Spurzheim geschehen, der in der Position als Direktor der Landesirrenanstalt im letzten Jahre gehäuft Beschwerden über seine Patienten erhalten hatte, die sich an den Pflanzen im Garten der Anstalt, aber auch an den Blumenrabatten der Anrainer vergangen hatten. Er konnte sich noch gut an eine Beschwerde erinnern, die Cölestin, den ehemaligen Jesuiten betroffen hatte, der, wie Frau Csendes in ihrem Beschwerdebrief schrieb, sich durch ihre Tagetes „wie ein Frischling, der am Kirtag in den Traubenbottich gefallen war“ gewühlt hatte.

Nun sah Dr. Spurzheim diese Wachsblumen vor sich und dachte, dass diese doch wohl erstens mehr Patienteninteraktionen aushalten mussten und vielleicht auch nicht so köstlich schmeckten wie die Tagetes der Frau Csendes. Kurz, er glaubte in der Wachsblumenkunst von Therese Stummer die Lösung für das lästige Beschwerdeproblem erkannt zu haben. Er betrat also schnurstracks den kleinen Laden und erteilte ihr einen Großauftrag für Wachsblumen, die im Hofe der Irrenanstalt, aber auch in den angrenzenden Grundstücken gepflanzt werden sollten, natürlich auf Kosten der Anstalt. Die Reputation der Anstalt war ihm nämlich das Wichtigste, wie er auch in der Standpauke, die er dem schuldbewusst dreinschauenden, zerknirschten Cölestin letztes Jahr gehalten hatte, ausdrücklich betont hatte.

Fuhr man also an diesem Februartage an dem unbemerkt bleibenden kleinen Wachsblumenatelier der Therese Stummer vorbei, so konnte man nicht ahnen, dass darin Therese eifrig über ihren Wachsblumen saß, denn bis zum Frühlingsbeginn sollten sie wohl fertig sein und mit dem gezahlten Gelde konnte sie endlich reisen und hervorragende Materialien besorgen, die sie, wie sie während ihres Handwerks träumte, dann zu strahlenden, überirdischen Blumenbouquets für die kommende Weltausstellung verarbeiten konnte.

Tatsächlich war Therese Stummer mit allen angeforderten Blumenrabatten bis zum Frühlingsbeginn fertiggeworden und man brauchte insgesamt fünf Fuhrwerke um die gesamten Blumen zur Irrenanstalt zu fahren. Herr Dr. Spurzheim schüttelte ihr begeistert die Hand und schickte sie, um die Zahlung in Empfang zu nehmen, zu seiner Sekretärin.

Von drinnen, aus dem kleinen Fenstern der Irrenanstalt aber lugten verstohlen einige Patientinnen und Patienten hinaus, nicht wenige wunderten sich, wie schnell der Frühling über ihre Welt gekommen war. Cölestin war recht unberührt davon, denn er wusste, dass das Werk Gottes so unergründlich wie die Mittagsmahlzeit der Anstalt war.

Manches Mal war es den PatientInnen erlaubt, kleine Spaziergänge im Hofe, aber auch um die Anstalt herum zu unternehmen. Natürlich hatten sie nach den Vorfällen des letzten Jahres unter besonderer Beobachtung gestanden, als man aber merkte, dass die Wachsblumen wirklich ihren Zweck erfüllten und anscheinend nicht mehr große Reize auf die PatientInnen ausübten, so ließ man sie manchmal während der Mußestunden etwas aus den Augen.

So ging der Frühling und der Sommer begann und wie es in Wien üblich war, so folgten auf besonders eisige Winter immer besonders drückend heiße Sommerwochen, in denen sich die Patienten zumeist nur ganz lethargisch in ihren Betten aufhielten und das ganze Anstaltsgebäude tagsüber in einen dumpfen Schlummer versank.

Unterbrochen wurde dieser Schlummer eines Tages zur Mittagszeit aber von Cölestin, der zwar mit schwarzen Haaren aus der Tür gegangen war, nun aber mit schlohweißem Haupt zurückkam und kreischte: „Die Apokalypse, die Apokalypse!“ Er rannte drei Runden im Anstaltsgebäude und bevor jemand vom Personal ihn zu fassen bekam, sperrte er sich in der Besenkammer ein.

Man hörte ihn weinen und wimmern; am Abend, als man verzweifelt versuchte, ihn zum Abendbrot herauszulocken, ging er über, das Vaterunser immerwährend vor sich hinzurufen und erst spät in der Nacht gelang es einer geschickten jungen Schwester die Tür der Besenkammer von außen zu öffnen.

Da war der arme Cölestin schon sehr ermattet, aber als er die Schwester erblickte, flüsterte er: „Die Apokalypse.“ Man nahm ihn in den Arm und flößte ihm Kamillentee ein, worauf er fortfuhr zu flüstern: „Wir sind in Ungnade gefallen, jetzt werden wir alle von Ihm geschmolzen“ und wie als Beweis krempelte er sich den Ärmel seines Kleides hoch, streckte den Arm aus und sagte zur Schwester: „Da greif an, es ist schon ganz warm und weich.“

Aber bereits am nächsten Tage klärte sich diese unangenehme Sache vollends auf und man rief nach Frau Stummer und bat sie, ein Ansichtsexemplar ihrer Kunst für den armen Cölestin mitzunehmen. So kam es, dass an diesem Nachmittag Cölestin auf wackeligen Knien und mit abwehrenden Handbewegungen der Frau Therese Stummer folgend nach draußen eskortiert wurde, wo sie sich mit ihm auf ein Bänkchen setzte und ihm das kleine Wachsveilchen, das sie in Händen hielt, erklärte und dann mit ihm gemeinsam wartete, bis das Veilchen von seinen Stängeldrähten tropfte.

Cölestin war von diesem Tage an ein treuer Anhänger der Wachsblumenkunst der Therese Stummer, denn sie hatte nicht nur die Apokalypse abgewendet, sondern überließ ihm auch des öfteren die anfallenden Wachsreste, die er zu kleinen Kruzifixen verarbeite, welche er an einer Girlande über seinem Bett aufhängte und fortan als verlässliche Wetterstation betrachtete.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Stummer,_Therese

Wie man früher in Wien die Jugend beschäftigte

Im Tiefen Graben in Wien hatte der Kupferstecher Franz Aßner seinen Laden. Es schnatterte und tobte sehr vor dem Laden und auch darin, denn die Druckerpresse war rund um die Uhr in Betrieb und außerdem war alles voller Kinder. Franz Aßner war nicht irgendein Kupferstecher, er verkaufte Bilderbücher für fleißige Kinder mit Kupferstichen zum Nachziehen und Illuminieren. Wann immer ein Kind in der Inneren Stadt von seinen Eltern einen halben Gulden zugesteckt bekam, so brachte das Kind es zu dieser Zeit nicht etwa zum Bäcker oder zum Zuckergießer, sondern direkt zu Herrn Aßner, dem Kupferstecher.

Diese Bilderbücher zeigten Szenen aus der Bibel, aus der Geschichte und dem täglichen Weltgeschehen in Wien. Die Kinder konnten so Leprakranke, die gerade von Jesus geheilt wurden oder kleine Türkenknaben, die vom Bürgermeister für ein Kipfel adoptiert worden waren, nachziehen und illuminieren. Es gab Bilder von wackeren Männern, die aus Versehen vom Südturm des Stephansdome stürzten und Reitertruppen, die über das Glacis auf das Burgtor zuritten. Es gab Szenen aus dem Leben in den Wiener Vorstädten wie etwa die Geschichte vom Herrn Zapfnig, der Winzer in Sievering war und sich eines Tages aus Versehen selber in der Weinpresse auspresste. Man konnte sein Gesicht und seine Arme ganz nach Belieben illuminieren, die meisten Kinder aber illuminierten den Saft, der aus der Weinpresse floß, leuchtend rot, denn wenn sie an Wein dachten, so dachten sie an Rot. Dann wiederum gab es Bilder von unzüchtigen Galanteristen, die einer Dame in einer Kutsche nachzustellen versuchten, dabei allerdings vom Pferde mit dem Hufe im Antlitz getroffen wurden.

Das Bemerkenswerteste aber war, dass der Galanterist das Gesicht des Herrn Aßner trug, die Dame in der Kutsche, die erschrocken beim Vorhang herauslugte, das Gesicht der Frau Aßner, die mit Vornamen Susanne hieß. Das Pferd wiederum trug das Gesicht von Herrn Aßner. Auch das Gesicht von Herrn Zapfnig (er hieß Ludwig) war eigentlich das Gesicht des Herrn Aßner. Und auch der kleine Türkenknabe, der im Wohnzimmer des Bürgermeisters recht schüchtern neben einer Vitrine voller ausgetrockneter Kipfel saß, trug das Gesicht von Herrn Aßner und bei ihm nahm sich auch die Frisur außergewöhnlich aus, denn Herr Aßner trug nur noch den schütteren Haarkranz älterer Kupferstecher. Die Leprakranken sahen ebenfalls Herrn Aßner zum Verwechseln ähnlich und Jesus trug zwar einen Vollbart, dennoch hatte er Augen und Haarkranz von Herrn Aßner. Im Krug, aus dem das Wasser kam, mit dem Jesus die Leprakranken heilte, erkannte man aber das Profil von Frau Aßner.

So kam es, dass Herrn Aßners Gesicht das bekannteste Gesicht in der Stadt war und die Kinder, wenn ihnen Geschichten aus der Bibel vorgelesen wurden, ständig nur seine Augen, seine fleischigen Ohren, seine Denkfalte, seinen Haarkranz und seine knollige Nase vor Augen hatten. Wenn sie nun allerdings ihr altes Bilderbuch vollständig nachgezogen und illuminiert hatten und für den Erwerb eines neuen Bildbands zum Laden im Tiefen Graben kamen, so erschraken sie jedesmal ein bisschen, denn für einen Augenblick glaubten sie im Kupferstecher Aßner, der gerade über die Druckerpresse gebeugt war, Jesus oder Napoleon zu erkennen oder gar den unglücklichen Winzer Zapfnig, der sich nun erneut als Wiederauferstandener und für ewig Verdammter selbst in seiner Weinpresse bis zum letzten Tropfen auspressen musste.

Quelle: https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Franz_Assner

Warum Milchtanklaster die Gespenster der Stadt sind

In der Nacht fahren weniger Kraftfahrzeuge durch die Straßen der Stadt, sie fallen aber mehr auf. In ihnen sitzen keine Menschen mehr, denn die Menschen schlafen in den dunklen Fenstern der Häuser. Auf jedes erleuchtete Fenster kommen vierundzwanzig dunkle Fenster und hinter den erleuchteten Fenstern schlafen die Menschen oft und wenn sie wach sind, denken sie nicht an den Straßenverkehr. Trotzdem fahren Milchtanklaster durch die Stadt. LKW-Köpfe mit silbernen, langen Körpern, die in gleichmäßiger Geschwindigkeit die Hauptverkehrsadern der Stadt durchziehen. Auf jeden durchfahrenden, silbernen Milchlaster kommen fünftausenddreihunderteinundvierzig schlafende Menschen, die meisten hinter dunklen Fenstern. Die Milchtanks blinken im Licht der Straßenlaternen und transportieren Tausende Liter von Milch durch die Stadt. Wenn sie vor einer roten Ampel, von denen es nachts weniger gibt als tagsüber, bremsen, schwappt die Milch im Tank, denn die meisten der Milchtanklaster sind nicht vollständig gefüllt.

Nachts schlafen auch die Kühe. Die meisten ohne Fenster, sie kennen die Städte nicht. Sie kennen den Milchtanklaster. Auf einen Milchtanklaster, der nachts durch die Stadt fährt, kommen vierhundersechsunddreißig Kühe. Die meisten schlafen. Auf eine schlafende Kuh kommen zwölf Menschen, aber einer ist aufgewacht, schlurft aufs Klo, sieht kurz aus dem Küchenfenster auf die Hauptverkehrsader hinaus und bezweifelt, dass hinter den vorbeifahrenden Scheinwerfern Menschen sitzen. Der Milchtanklaster fährt allein durch die Stadt, angetrieben nur von der Vergangenheit der schlafenden Kühe, die nicht wissen, dass es ein Morgen gibt. Auch die elf Menschen ahnen es nicht, der zwölfte legt sich wieder hin und weiß, dass es bis zur Amselzeit weder Menschen noch Kühe in der Welt gibt. Währenddessen fährt der Milchtanklaster durch eine halbdunkle Stadt und der Tank glänzt im Licht der Straßenlaternen.

Wenn die Sonne wieder aufgeht, hellen sich die Fenster von selber auf. Die Kühe sind der Stadt fern und hinter den Lenkrädern der Autos sitzen wieder Menschen. Auf vierzehn schlafende Menschen kommt nun ein Milchtanklaster, der sich zwischen all die anderen Personenkraftfahrzeuge und LKWs einreiht, in seinem Tank spiegelt sich die Stadt. Menschen gehen vorbei, Hunde werden ausgeführt und wenn man genau hinsähe, so könnte man sehen, wie sie sich im Tank spiegeln, meint man. Aber sie spiegeln sich darin nicht, denn der Milchtanklaster kommt aus der nächtlichen Stadt, in der es keine Menschen gibt und in der keine Kühe schlafen.

Auf einen durch die Stadt fahrenden Milchtanklaster kommen dreizehn schlafende Menschen und einen, der gerade aufgestanden ist und sich Milch in den Kaffee schenkt. Diese Milch wird in LKWs angeliefert, die voller Paletten mit eingeschweißten Milchpäckchen sind. Diese Milch kommt aus einer rechteckigen Welt, in der sich keine Straßenlaternen gespiegelt haben. Die Kühe sind wach und werden oft gemolken, ihre Milch wird in Milchtanklastern in die Abfüllungsbetriebe gefahren. Sie wissen nicht, dass diese Milchtanklaster durch die Stadt fahren, durch die Nacht und als Fahrzeuge, in deren silbernen Überzug sich keine Menschen je spiegeln können, auch durch den Tag. Die Menschen wissen nicht, dass die Milchtanklaster so oft durch die Nacht fahren, denn sie schlafen, und wenn sie es nicht tun, sehen sie kaum aus den Fenstern hinaus auf die Straßen. Niemand weiß, warum die Milchtanklaster überhaupt durch die Stadt fahren, denn die Milch der Stadt wird in Milchpackungen auf Paletten früh am Morgen angeliefert.

Wie man früher in Wien mit dem Weltall Umgang pflegte

Wien war bereits sehr früh ein wichtiger Knotenpunkt im Weltall. Es begann damit, dass Johann Jakob Marinoni, der am kaiserlichen Hof angestellt war, um Linien zu zeichnen, und abends gerne auf seinem Balcon saß und die Sterne beobachtete, denn wie er sagte „den ganzen Tag nur Linien, da wird man ja ganz gestreift, da brauch ich abends meine Punkterl zum herunterkommen“, allerlei Gerätschaften in seiner Wohnung anhäufte, um auf dem Dach des Hauses, in dem er wohnte, geheim eine Sternwarte zu bauen. Natürlich war das Wort „Sternwarte“ damals noch nicht bekannt, er nannte das Vorhaben in seinen Aufzeichnungen „Punkte-Guckkasten“.

In seiner Wohnung häuften sich alsbald Milchkannen, abgetragene Monokel, Gehstöcke, Bleistiftspitzspiralen, Kunstblumen und Bleikristallvasen an. Er saß nun tagtäglich vor dem Sammelsurium wie ein Kind vor einem Tangramspiel und versuchte die richtige Anordnung der Dinge zu erreichen. Immer, wenn er glaubte, er hätte es gerade geschafft, band er die Anordnung zusammen und trug sie die schmale Wendeltreppe hinauf aufs Dach um zu überprüfen, ob sie funktionierte. Manchmal glaubte er den Mond ein Stück größer zu sehen, aber sobald er die Monokel auch nur einen Millimeter verdrehte, verschwamm ihm alles vor den Augen und er konnte nicht einmal mehr den Mars erkennen.

Eines Abends aber saß er gerade zwischen den Milchkannen auf seinem Dach und schaute durch seinen neu angeordneten Punkte-Guckkasten, da sah er den Mond so nah vor sich stehen, dass es ihm richtig in der Nase weh tat. Er erschrak freudig und zwar so sehr, dass er die nächsten 35 Minuten nichts anderes tat als auf die Mondoberfläche zu starren. Er hätte wohl weiter gestarrt, wäre der Mond nicht aus seinem Blick gerollt. Da erst schaute er aus dem Guckkasten hervor und erschrak, diesmal aber bitterlich: der Mond war tatsächlich so nah, außerdem wurde er gerade am Fuße seines Wohnhauses durch die Straße gerollt.

Hinter dem Mond gingen johlende Männer mit Zylinderhüten. Als aber der Mond an Marinonis Haus vorbeigerollt war und an einem parkenden Fuhrwerke hängen blieb, da hörten sie zu johlen auf und begannen zu zetern. Marinoni nützte die Gelegenheit, schnappte sich eine Milchkanne und lief hinunter auf die Straße.

Zwölf Minuten später hatte er einen der zeternden Männer in ein Gespräch verwickelt und es stellte sich heraus, dass es erstens der Mondvater war, der ganz allein innerhalb einer Woche diesen Mond aus Pappmaché und Schellack gebaut hatte und zweitens eigentlich sogar ein Kollege war, denn auch der Mondvater saß tagsüber in einem Büro und zeichnete Linien. Er stellte sich als Josef Riedl von Leuenstern vor. Riedl von Leuenstern, den Marinoni sehr um den Stern in seinem Namen beneidete und Marinoni mussten noch lange hinter dem Mond stehen, denn erst spät wurde der Besitzer des Pferdefuhrwerkes ausgemacht, dieser lief mit Petroleumlampe und Nachtmütze murrend in die Centralpferdeschlafstelle, um dann mithilfe des jüngsten Pferdes den Wagen umzuparken. Dann erst konnte der Mond weitergerollt werden.

„Ich habe einen Punkte-Guckkasten gebaut“, schrie Marinoni gegen den Krach des am Asphalt kratzenden Schelllackmondes an. Er wedelte wild mit der Hand, die die Milchkanne trug, doch ihr Scheppern verhallte still im Mondlärm.
„Voll super“, schrie Riedl von Leuenstern. „Kann man damit auch die Außerirdischen sehen?“

Marinoni schwieg beschämt und erst als sie den Mond um die Straßenecke gerollt hatten, rief er: „Und, Leuenstern, was machst du mit dem großen Mond?“
„Ich zeig ihn den Leuten, wegen der Volksbildung“, schrie Riedl von Leuenstern.

Tatsächlich öffneten sich in jeder Gasse, durch die sie mit ihrem Mond gerollt kamen, alle Fensterläder und verschlafene Gesichter streckten sich heraus. Sie rollten allerdings nicht allzuweit, denn nur drei Gassen von Marinonis Wohnung geschah ein Missgeschick. Ein neugieriger Anwohner, der sich noch mit der Petroleumlampe in der Hand aus dem Fenster beugte, war so begeistert über diese Mondkugel, dass er nicht umhin konnte, kräftig mit den Händen zu klatschen. Die Petroleumlampe aber fiel ihm aus der Hand, landete auf dem Mond und mit lautem Zischen schmolz dieser dahin.

„Ist schon okay“, sagte Riedl von Leuenstern, als sie vor der glimmenden Mondmasse standen und mit den Fußspitzen am Rand der Glut herumscharrten. „Bau ich halt nächste Woche einen neuen.“

Tatsächlich sollte Josef Riedl von Leuenstern in seinem Leben noch viele, viele Monde basteln. Aber nicht nur der Mond, auch alle anderen Himmelskörper kamen in eine Mode, die sich dank der langsamen Kommunikationsmedien in der Neuzeit sehr lange hielt.

Die Wiener Straßen waren jahrhundertelang von Planetenverkäufern gefüllt, die an jeder Straßenecke und vor jeder Institution standen und Planeten verkauften. Die Erwachsenen hatten diese Planeten als Decoration sehr lieb gewonnen und in manchen Wohnungen stapelten sich Planeten auf Ess- und Schreibtischen. Ehepaare benutzten die Planeten gerne im Bett, sie legten sie zwischen einander und hielten sich im Schlaf daran fest. Kinder benutzten die Planeten als Ball, besonders beliebt waren aber die Handplaneten, die sie mit ihren kleinen Fingerchen kreisen lassen konnten und mit denen sie allerhand Tricks am Schulhof vorführen konnten. Ein ganz speziell nachgefragter Handplanet war der Saturn, denn den konnte man in der Mitte mit Daumen und Zeigefinger festhalten und seine Ringe rotieren lassen.

Die Planetenverkäufer kehrten abends in ihre Quartiere zurück, in ihren Bauchläden waren oft noch einige Planetenexemplare übrig. Meistens handelte es sich um Pluto, weswegen unter den Planetenverkäufern oft der Witz gerissen wurde, dass Pluto eigentlich nicht zu den richtigen Planeten zählen sollte.

Ende des 19. Jahrhunderts zeichnete sich ein Umdenken in der Gesellschaft ab. Man wollte nicht mehr den Himmel in die Mitte der WienerInnen bringen, nein, man befand, nun wäre es an der Zeit, Wien in der Mitte des Weltalls zu verankern.

Dies begann man mit dem Bau des Wiener Riesenrades umzusetzen, denn dieses sollte als Zahnrad des Universums dienen. „Wenn ich ein Universum wäre“, so pflegte Gabor Steiner zu sagen, „ich wäre ein Getriebe.“ Daraus folgerte er, dass es in den Weiten des Weltalls mindestens eine Handvoll großer Zahnräder geben musste und wenn er nun in Wien ein riesiges Zahnrad erbaute, so würde es sich früher oder später mit den Zahnrädern des Universums zusammenfügen und alles würde in Gang kommen. Um den Betrieb seines Zahnrades zu finanzieren, denn es benötigte einiges an Elektricität um auch nachts illuminiert und im Weltall gut sichtbar zu sein, ließ er an das Rad Gondeln hängen, für die die Wiener Bevölkerung und auch Reisende teure Billets für eine Rundfahrt erwerben konnten.

Das Wiener Riesenrad allerdings hat sich bis zum heutigen Tag noch mit keinem außerirdischen Rad verzahnt, im Laufe der Jahrzehnte ließ das Interesse am Weltall deswegen auch nach, die Menschen konzentrierten sich mehr auf Kriege und Kalbsrouladen.

Nur von Zeit zu Zeit finden sich einige Gleichgesinnte, die eine gewisse Begeisterung am Weltall unter sich teilten und manchmal in Aktionen umsetzen. Zuletzt passierte dies im Jahr 2008 als einige Weltraumbegeisterte rund um Christoph Schönborn in der Turmkugel des Wiener Stephansdom ein Willkommensgeschenk für etwaige Außerirdische placierten. Wenn jemand zu Besuch käme, so meinten sie, dann wäre doch der erste Anlaufpunkt von oben der Wiener Stephansdom, da er doch so schön hoch und in der Mitte Wiens wäre und die Turmkugel von weitem schon die Form eines Präsentkorbes anzeigen würde.

Nach langen Verabredungen einigten sie sich auf folgendes Willkommensgeschenk für Außerirdische: ein Mobiltelephon, Euroscheine und -münzen, CDs und DVDs von wichtigen kulturellen Ereignissen, ein Papier-Fanset „Österreich“ bestehend aus Handfahnen, Autofahne und Muffinwimpeln, ein Panini-Stickeralbum sowie zwei Sunkist Kirsch. In der Pressemitteilung zur Neuaufsetzung der Turmkugel samt Präsent für Weltraumreisende wies man ausdrücklich darauf hin, wie sehr dieses Geschenk sowohl aus nützlichen Sachen, als auch allerliebsten Souvenirs bestünde und damit jeder Tourist aus den fernen Weiten des Weltraums sogleich einen guten ersten Eindruck der Erde, vor allem aber Wiens, bekäme.

Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Marinoni
http://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_R/Riedl-Leuenstern_Josef_1786_1856.xml https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Planetenverkäufer
https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Riesenrad
http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/421394/Presse-an-der-Spitze-des-Stephansdoms

Wie der Alltag im alten Wien aussah

In früheren Zeiten, als am Stephansdom noch Mond und Stern befestigt waren, die von Wolfgang Eglauer nach einer Trunkenheitswette auf den Südturm gesetzt wurden und hundert Jahre lang nicht wieder abmontiert werden konnten, weil sich niemand fand, der schwindelfrei war, gab es in Wien sehr viele Schablonierer.

Diese Schablonierer waren ein Glück und ein Fluch zugleich, denn sie unterbrachen das Tagwerk der Wienerinnen und Wiener. Ein Schablonierer ging durch die Stadt und erkannte er seine Zielperson, so skizzierte er schnell deren Umrisse auf ein großes Stück Karton und schnitt es aus. „Schabloniert!“ rief er dann aus und der oder die Schablonierte musste stehen bleiben und alles fallen lassen, was er oder sie gerade in der Hand hatte. Das war die Regel. Der Schablonierte musste so lange regungslos stehenbleiben, bis der Schablonierer jemand neuen schabloniert hatte. Dann erst war er wieder in seinen Bewegungen frei, konnte sich endlich an der Nase kratzen, seine Notdurft verrichten oder schnurstracks nach Hause laufen, wo er, kaum bei der Tür herein, ausrief „Stell dir vor, man hat mich gerade schabloniert!“

Die Schablonen wurden jeden Abend vom städtischen Kehrmeister aufgesammelt, sie kamen in die Schablonenkammer, wo sie nach Größe und Umfang sortiert und an den Wänden aufgestellt wurden. Manche Schablonen waren freilich, vor allem wenn sie bereits früh am Tage angefertigt worden waren, schon ganz welk. Pferdefuhrwerke waren über sie gerollt, Kinder hatten Löcher hineingebohrt, jemand hatte sein Rindfleisch darüber ausgewrungen.

Über die Schablonenkammer herrschte der Schablonenkammermeister, der auch eine Liste über die in der Stadt tätigen Schablonierer führte. Kam ein wilder Schablonierer in die Stadt und ließ sich nicht registrieren, so informierte er die Executive, die diesen festnahm und mindestens bis auf das Glacis hinauswarf.

Auf dem Glacis blieb nun der wilde, unregistrierte Schablonierer, der ja eigentlich keiner mehr war, sitzen, im Rücken die Stadtmauer, seine Hände kalt und leer, da man ihm die Kartonstücke, den Bleistift und die Schablonierschere abgenommen hatte und starrte auf das Verbrennhäusl, aus dem all die verbrannten Bancozettel rauchten. Es war ihm sehr schwer und ungestüm ums Herz mit dem Wissen um all die nichtschablonierten Menschen in der Stadt und die Millionen Gulden, die da vor ihm im Verbrennhäusl verbrannt wurden.

Die regulär und rechtsmäßig angefertigten Schablonen aber führten in der Schablonenkammer ein recht einsames und tristes Leben. Nur der Schablonenkammermeister schlichtete sie manchmal um, am Ambrosiustag (denn Ambrosius war nicht nur der Schutzpatron der LebkuchenbäckerInnen sondern auch der Schablonierer) staubte er sie ein wenig ab und nur zu ganz seltenen Anlässen klopfte es zaghaft an die Tür. Es konnte der kleine Leopold sein, sein Vater war vor einem halben Jahr unter ungeklärten Umständen bei der Hauptwache mit dem Kopfe im Eingang der Kanalisation stecken geblieben und war ertrunken. Der kleine Leopold aber vermisste seinen Vater aufs Äußerste und kam immer wieder zur Schablonenkammer um zu fragen, ob er einen kurzen Blick auf die Schablone seines Vaters, die an dem Donnerstag vor dem Unglück angefertigt worden war, werfen könne. Dann stand er einige Minuten vor der Vaterschablone, fuhr mit der kleinen Hand sanft die Ränder nach und versuchte den Eindruck abzuschütteln, dass hier gar nicht sein Vater schabloniert war, sondern ein Truthahn mit aufgesetztem Miniaturklavier. Denn das gehörte sich hier nicht, wusste er, und nie war jemand zweiter in der Schablonenkammer, den er fragen konnte, ob es ihm wohl genauso ginge.

Was passiert, wenn man sich auflöst

Manchmal hängt im Kopf eine Vorgewitterstimmung. In der Ferne Wetterleuchten, die Luft schwer und dumpf. Vor allem das Wetterleuchten, dieser fehlende Donner. Ein wenig später wird der Kopf zur Autobahn, man steht noch irgendwie auf einer Autobahnbrücke, aber der rest sind graue Fahrbahnstreifen, auf denen die zu schnell fahrenden Autos nur verwaschene Striche zeichnen. Man kann nicht fokussieren, es gibt keine einzelnen Autos, es gibt nur dieses Autobahngrau und ein Geräusch wie Sonntagmorgen bei offenem Fenster 500 Meter von einer Ausfahrt der Südautobahn aufzuwachen.

Dann wird irgendwann der Kopf leicht. Es passiert mit ihm etwas, das auch mit Armen, Beinen und dem Oberkörper passieren kann. Er löst sich auf. Er wird leicht, durchsichtig und wenn man hinschaut, ist er gar nicht mehr da. Man nimmt ihn nur aus der Peripherie wahr, wenn man ihn vergisst.

Wenn sich Arme und Beine auflösen, kann man sich behelfen: man kann zwicken, kratzen, schlagen und hoffen, dass der Schmerz einen Opferumriss zeichnet, dass der Schmerz im Kopf ankommt und sagt: eigentlich bist du noch da.

Wenn sich der Oberkörper auflöst, kann man nur hyperventilierend durch die Wohnung tapsen, von der Fensterfront zur Türfront und sich wundern, wohin die Magenschmerzen verschwunden sind, wohin alles verschwunden ist, ob jetzt irgendwo im Ozean Quastenflosser ein aufgeweichtes Paket öffnen, eine Zollerklärung darauf, darin sind die Organe und auch die Quastenflosser wissen zehn Minuten nichts damit anzufangen. Später sind die Organe vielleicht wieder da.

Wenn der Kopf beginnt sich aufzulösen, summt und sirrt alles zuerst und wird dann ganz still. Man spürt noch die Umrandung des Kopfes in den Ohren, denn die Trommelfelle wölben sich nach außen wie die Deckel abgelaufener Joghurte. Der Kehlkopf hüpft als Motte im Lampion, die Schutztore gehen herunter. Der arme Mann, der im Kontrollzentrum der Seele sitzt, mittendrin im Kopf, er tippelt durch einen Gang mit Sirenen und roten Alarmblinklichtern, überall gehen die Schleusen zu, er weiß nicht, wohin; die Lautsprecherstimme ist er selbst, er schreit: EVAKUIERUNG EVAKUIERUNG und er fühlt sich ganz leicht, schimmernd, verblassend und ist plötzlich nicht mehr da.

Man muss sich dann an den Phänomenen außerhalb dieses Raumschiffs festhalten. Man trägt ein Wasserglas durchs Weltall und stellt es am Bücherregal neben dem Bett ab. Man muss sein Iphone an das Ladekabel anstecken. Man sieht andere Raumschiffe vor den Fenstern vorrübersausen und hält sich daran fest, dass man sich etwas sagen kann. Nämlich: Jetzt sausen sie wieder. War es ein Regentropfen? War es ein Raumschiff? Ist es die alte Plüschmaus, die alle drei Monate an einem Nachmittag über den Gang im Bus 37A gereicht wird? Sind es meine Augen? Muss nicht mein Kopf noch an Ort und Stelle sein?

Man merkt: der Kopf ist noch da. Man findet den Mann im Kontrollzentrum nicht. Notsysteme sind in Betrieb. Das Faxgerät, das eine Kollegin nach ihrer Kündigung 2004 im Kontrollzentrum stehen gelassen hat, spuckt Papier aus, man denkt kurz: warte, wieso hat das noch immer Akku? Aber das Faxgerät war immer an den Strom angeschlossen, man hatte es vergessen. Die Faxzettel wirbeln im gedimmten Licht durch das Kontrollzentrum. Es sind Anleitungen, tausend verschiedene Anleitungen. Der arme Mann im Kontrollzentrum, er hat seinen Erdbebenhelm auf und sitzt unter einem Schreibtisch. Er versucht, die Schrift auf den Zetteln, die in zwei Meter Entfernung auf dem Boden zu liegen gekommen sind, zu entziffern. Das beschäftigt ihn eine Weile, wenn es gut geht, solange bis die Systeme wieder normal laufen, die Schleusen aufgehen, die Sirene verstummt und er den sentimentalen Wunsch, seine Verwandten auf der Erde anzurufen, dann doch wieder verwirft. Er würde sie nur aus dem Schlaf holen.