Warum es mich beim Film „Muttertag“ gruselt

Ich bin in dem Film gefangen.

Ich kann mich erinnern, als Kind vor der Plastikunterlage am Esstisch zu sitzen und dort saß ich viele Jahre meiner Kindheit, es waren entweder Teller darauf oder ich kratze an flachen Verkrustungen (von denen es zu wenige gab, denn die Unterlagen wurden stets abgewischt) herum, während draußen Hubschrauber flogen. Überall, wo ich in Wien lebe, fliegen Hubschrauber. Tage, an denen ich keinen Hubschrauber höre, der über meinen Kopf fliegt, kommen mir seltsam leer vor und sie sind eher selten.

Aber damals, ich war wohl gerade eingeschult, flogen außergewöhnlich oft Hubschrauber über unsere Wohnhausanlage. „Sie drehen einen Film“, sagte man.

Erst sehr viel später habe ich den Film gesehen und diese zwei Dinge, den Film und die Hubschrauber, miteinander in Verbindung bringen können. Ich war zu klein für das Hauptabendprogramm. Seit ich erwachsen bin, habe ich den Film bereits mehrere Male gesehen. Sehr viel davon ist wahr, zum Beispiel die Szene, in der eine Frau in der Postfiliale Faschiertes, dünn aufgeschnitten, bestellt und dabei ihr Kind vergisst. Die Szene ist direkt aus meiner frühesten Kindheit erzählt.

Der Film wirkt auf mich streckenweise sehr surreal: nicht wegen dem toten Meerschweinchen (von dem wurde mir so oft erzählt, bevor ich den Film gesehen hatte, dass ich es für die Verfilmung einer wahren Geschichte halte), nicht wegen dem Hustinettenbär (es ist, als hätte er dort wirklich im Drogeriemarkt gelebt), nicht wegen dem Schriftzug „Tod dem Architekten“, der mich durch meine Kindheit begleitet hat und von dem ich solange glaubte, ein wütender, gebildeter Jugendlicher hätte ihn im Übermut an den Haussockel geschrieben, bis ich den Film gesehen hatte.

Surreal wird es, wenn die Jungschargruppe beim früheren Pampam (jetzt Eurospar) in der Sagedergasse in einen Überlandbus steigt, nur um als Ausflug dann 200 Meter weiter wieder im Schöpfwerk zu sitzen. Surreal ist es auch, die Struktur des Schöpfwerks auf so wenige Räume verdichtet zu sehen: das Schöpfwerk ist ein zusammengestecktes Labyrinth aus Stiegenhäusern, Abzweigungen von Stiegenhäusern und Verbindungstüren, so sehr, dass es mich bis jetzt noch in die Träume verfolgt. Dass all die Tauben fehlen, wundert mich wiederum nicht; dass ein Kirchenbesuch an einem normalen Sonntag gezeigt wird, wundert nicht – immerhin deckt sich die Szene auch sehr mit dem einzigen Mal in meiner Erinnerung, wo wir von der Schule aus die Kirche direkt daneben besucht haben.

Der Film vermischt sich oft mit meinen Erinnerungen, von denen ich nicht weiß, ob sie, sobald ich den Film erneut anschaue, tatsächlich Erinnerungen sind oder ob ich nicht doch gestorben bin und gerade jetzt meinen kleinen existenten Körper im Schöpfwerk 1992 von außen sehe. Es gibt wenige Sekunden Überflugsszenen über das Schöpfwerk und in diesen weiß ich: ich sitze dort drin und bin 6 Jahre alt, ich sitze dort drin vor meiner Plastikunterlage, ich stehe vielleicht gerade auf und halte Ausschau nach dem Hubschrauber, der über die Blöcke fliegt, ich sitze dort drin und bin noch immer ein kleines Mädchen.

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Warum man sich manchmal unabsichtlich in die Unsterblichkeit verjüngt

oder wie man sich an Franz Gräffer rächt, der 1844 in der Zeitschrift „Der Humorist“ ein niederträchtiges „Histörchen“ veröffentlicht (Bild 1), das sich mindestens bis 1883 im städtischen Bewusstsein hält (Bild 2):

 

Frau Nechel war keine große Anhängerin des Glaubens. Nur manchmal, wenn sie abends im Bett lag und sich vom Kreuz nach vorn schmerzhaft Hände um ihren Brustkorb schlossen, die nicht an ihrem Mann hingen, sondern sich als Geisterhände aus ihren abgenützten Bandscheiben lösten, da manchmal sagte sie sich: Vielleicht kommen wir doch in den Himmel, schön wäre das.

In der Früh, bei der Inspektion der alten, noch nicht verkauften Fleischstücke aber, da fiel ihr wieder ein, was der Himmel tatsächlich bedeutete: das Fleisch schmolz. Zuerst fing es an zu ergrauen und zu riechen, der Geruch wurde immer stärker und wenn sie nicht aufpasste, dann hatte sie mitunter ein Stück Fleisch in der Hand, das ihr beinahe zu Boden tropfte, das, so musste sie zugeben, am liebsten wahrscheinlich auf den Boden getropft wäre, dort von der gestampften Erde im Innenhof gierig aufgesogen und vereinnahmt worden wäre.

Ich muss den Leo überreden, dass er für mich auch den Sparsarg beantragt, dachte sich Frau Nechel dann. Sonst bin ich ja nur noch so eine graue Suppen in einer Schachtel und wenn es den Boden wieder durchrüttelt, schwapp ich in der Kisten hin- und her, na, schön ist was anderes.

So wackelig wie ihr Glaube an einen Himmel war, so fest war ihre Überzeugung, dass alles Fleisch verrottet, ja, dass es sogar schon anfing, bevor das Stück Fleisch vom Tier abgelöst war, bevor das Tier getötet worden war, eigentlich, dachte sie, fing es schon an, sobald so ein kleines Ferkel aus der Mutter herausschlüpfte. Und auch bei mir ist es so, dachte sich Frau Nechel und fasste ihre Oberarme mit verschränkten Händen, auch dieses Fleisch ist jetzt schon heikles Fleisch, das man besser noch an mir dran lässt, solange ich lebe und wenn ich nicht mehr lebe, dann muss man mich eben kühlen oder entsorgen.

Die Zeit zurück zu drehen, das ginge nicht, dessen war sich Frau Nechel sehr bewusst, denn, wenn das so einfach ginge, wo wäre es denn nicht am nützlichsten, wenn nicht im Fleischgeschäft? Das nicht verkaufte Fleisch, die zu lange abgehangenen Würste, wäre es nicht schön, man könnte all das wieder in eine Zaubermaschine drehen und heraus käme das Tier, an dem das Fleisch noch lange konserviert wäre? Was nicht alles angepriesen wurde in der letzten Zeit als Wundermittel gegen das Verwesen – aber wie sollte sie ein Schnitzel mit einer Verjüngungstinktur einreiben, wenn es dann doch nicht wieder zu einem Ferkel werden könnte? Warum sollte sie denn dem gerupften Fasan einen Zaubertrunk einflößen, der erst wieder beim Ausnehmen auf den Boden tropfen würde und das Fleisch rundherum unberührt seinen Fortgang nehmen würde?

Das einzige Wundermittel waren die Eiskästen im Keller und sie waren wahrlich zauberhaft in der Konservierung der Zeit: Das Fleisch blieb lange frisch, das Eis roch nach vergangenem Winter. An den besonders heißen Sommertagen hätte sie am liebsten das ganze Geschäft in die Eistruhe gepackt, die brennende Fensterfront, die eigenen erhitzten Waden und all das Fleisch, das geliefert, aber nicht verkauft wurde, weil im Sommer die Fleischgeschäfte immer ein wenig schlechter liefen.

Eiskästen waren die beste Investition gegen die Zeit und Verwesung. Täglich wurden Eistruhen in den Zeitungen inseriert, im Winter wie im Sommer: im Winter durch Gasthausauflösungen, im Sommer weil die Eistruhe leer wurde und somit leichter zu verkaufen war. Wenn gerade ein günstiger Eiskasten inseriert war, ließ sich Frau Nechel die Adresse von den Nachbarn aufschreiben, schloß ihr Geschäft und ging mit einem Wägelchen dorthin.

Am Tag vor dem nächsten Erwerb einer neuen Eistruhe aber schloss Frau Nechel das Geschäft wie jeden Morgen auf. Die üblichen Kundinnen besuchten sie und gerade, als der Morgenandrang vorbei war, betrat ein Herr mit Spazierstock und Schnurrbart das Geschäft. Der Schnurrbart fiel Frau Nechel auf, denn nicht viele Männer trugen in diesen Tagen einen: manche führten den Schnurrbart mit sich herum wie alte Kartoffelschalen, die für die nächste Hungersnot aufgespart werden wollten, manche führten ihren Schnurrbart als Experiment aus, als Gesichtsdraisine, deren Effektivität erst noch getestet werden mussten und an deren Schrauben sie immerzu drehen mussten.

Ein zweiterer, dachte sich Frau Nechel, und wunderte sich kein bisschen, dass der Herr nur das Scherzel von einem Braten bestellte und mehr mit der Waage als mit Frau Nechel selbst zu handeln schien. Nachdem sie ihm das gewünschte Stück endlich einpacken konnte und ihr der Herr widerwillig das abgezählte Geld reichte, blieb er noch immer stehen und fixierte die Waage mit seinem Blick.

Noch einen Wunsch, der Herr? fragte Frau Nechel.
Könnt ich bitte eine Scheibe Wurst extra haben, für das Kind, fragte der Herr. Für welches Kind? fragte Frau Nechel und lehnte sich über die Theke. Ich seh kein Kind.
Das ist zuhause, bei der Frau Mama, sagte der Herr.
Wenn’S mit dem Kind ausgehen, können’S eine extra Scheibn haben, sagte Frau Nechel. Kein Kind, keine Scheiben.
Der Herr schickte sich nicht an zu gehen. Also, fing er wieder an, wenn ich morgen mit dem Ferdinand komm, dann kriegen wir eine Scheiben, ja?
Der Ferdinand, schnaubte Frau Nechel, der Ferdinand wird morgen kein Glück haben, morgen haben wir zu und übermorgen auch, erst am Montag kann ich überhaupt irgendwem eine Scheiben geben.
Aber warum haben’S den zu, ist jemand gestorben?
Im Gegenteil, sagte Frau Nechel, ich hol mir eine neue Eistruhe.
Ah, das verjüngt, gell, merkte der Herr mit bebendem Schnurrbart an.

Es ist gut, dass solche Leute Schnurrbärte tragen, dachte sich Frau Nechel, man würde sonst noch etwas in ihrem Gesicht sehen, so schaukelt ihnen der Schnurrbart nur als Kahn auf dem Gesicht herum.

Der Herr fiel in ihr Schweigen ein: Aber, Frau Nechel, wenn Sie sich so richtig verjüngen wollen, dann gehen’S doch zum Baron Cagliostro. Für ein bisserl Gold reduziert er Sie zurück in Ihr 18. Lebensjahr, mit Taille und allem drum und dran.
Sie haben ja Recht, sagte Frau Nechel, jetzt wo Sie es sagen. Ich schreib es mir gleich auf. Die Gulden, die ich in die Eistruhe investiert hätt, die trag ich lieber zum Baron. Sie werden sehen, wenn’S das nächste Mal mit dem Ferdinand vorbeikommen, dann gibt’s auch für Sie a Scheibn Wurst zum Dank, wenn Ihnen ein 18jähriges Fräulein Nechel entgegentritt.
Wie schön, sagte der Herr und ließ seinen Schnurrbart tänzeln, wie schön, ich bin gespannt, habe die Ehre, und ging endlich aus dem Geschäft.

Frau Nechel schnaubte. Das war ja klar, dachte sie, trägt seinen Experimentalschnurrbart zu mir rein, kauft das kleinste Stück Fleisch, das ich in den letzten Wochen hergegeben hab und glaubt, es liegt ihm jetzt das Geschäft samt mir zu Füßen. Wenn der wiederkommt, dachte sie sich, die Scheiben Wurst ist es mir wert, dass ich sie ihm auf seinen Schnurrbart fixier.

Abends, als sie sich endlich in ihr Bett legte, hatte sie den Herrn allerdings schon gänzlich vergessen, denn ihr Rücken wölbte sich zur Decke, zumindest fühlte es sich so an. Sie versuchte sich vorzustellen, ein Marienkäfer zu sein, mit einem in die Matratze hineingewölbten Rücken, rot mit Punkten, hart und vollkommen gesund. Auf so einem Rücken, da könnte man die Eistruhe morgen einfach festzurren und sie nach Hause tragen. Im Einschlafen kam es ihr vor, als wäre die Eistruhe schon an ihr festgebunden, aber statt sie munter mit ihrer Wirbelsäule nach Hause zu ziehen, zog die Eistruhe sie rückwärts zurück in fremde Keller.

Die Ahnung hatte sie nicht betrogen. Am nächsten Tag, nachdem sie die Eistruhe bezahlt hatte, durchfuhr sie, kaum zwei Straßen vom Abholort entfernt, der Blitz und sie musste als verhedderte Marionette stehen bleiben, jede kleine Bewegung ihrer Arme oder Beine schoß erneut kleine Kinderblitze durch ihren Körper. Sie bat Passanten um Hilfe und schließlich zog man sie, in der Truhe zusammengerollt, durch die Stadt und lieferte sie zuhause ab, wo ihr schließlich der Doktor drei Wochen Bettruhe verordnete.

Ihr Geschäft wurde in dieser Zeit von einer entfernten Verwandten aus der Vorstadt geführt, die bereitwillig den Käuferinnen Auskunft gab über das Missgeschick der Fleischhauerin. Die meisten natürlich bedauerten sie, richteten ihr gute Besserung aus oder gingen sie gar auf ihrer Krankenstatt besuchen. Alle paar Tage kam ein schnurrbärtiger Mann ins Geschäft, immer ein anderes Kind an der Hand führend, der sich ebenfalls nach Frau Nechel erkundigte und sich eine kleine Wurst einpacken ließ. Die Verwandte reichte dem Kind stets eine kleine halbe Scheibe Wurst, die sie verschnitten hatte, denn sie war nicht allzu geübt im Wurstschneiden. Doch egal wie sehr sie sich bemühte, dem Kind die Wurst so zuzustecken, dass es die Scheibe direkt in den Mund stecken konnte, der Mann schnellte immer hinunter, nahm dem Kind die Wurstscheibe aus den Fingern und dem bereits geöffneten Mund und schlang sie selbst hinunter. Mir merm ja sehm, sagte er kauend bevor er das Geschäft ohne Gruß verließ, ob sie mirklich als Achtzehmjährge zrückkommt.

Frau Nechel hatte nach den drei Wochen ihr Bett richtig satt. Schon nach ein paar Tagen hatte ihr die ursprüngliche Quelle des Schmerzes nicht mehr groß weh getan, dafür hatte sich alles andere so sehr verdreht und verheddert, dass sie am liebsten die ganze Zeit verschlafen hätte, aber es nicht konnte. Als sie schließlich für längere Zeit aufstand und sich anschickte, wieder das Geschäft zu übernehmen, musste sie feststellen, dass sich ihr ganzer Körper in diesen drei Wochen verlagert hatte, noch schlimmer, Teile von ihr mussten in der Matratze versickert sein, denn ihre Kleidung saß ganz seltsam auf ihr.

Ich bin schon eine schlecht gestopfte Wurst, dachte sie, während sie später hinter dem Ladentisch stand und ihr Gewicht immer wieder von einem schmerzenden Knie auf das gerade weniger schmerzende Knie zu verlagern. Sie sah an sich hinunter und strich sich über die Hüften, als könnte sie ihren Inhalt so ein wenig besser verteilen. Im Augenwinkel erkannte sie nur, dass jemand mit Kind das Geschäft betrat und bevor sie aufschauen konnte, hörte sie schon den Herrn von vor vier Wochen sagen: Aber, aber, das hat wohl nicht so gut geklappt mit dem Baron Cagliostro, Sie sollten Ihr Geld zurückfordern. Das ist übrigens der Ferdinand.
Ferdinand, geh hinaus, sagte Frau Nechel zu dem Kind, aber es reagierte nicht auf die Ansprache und der Herr hielt es fest am Handgelenk gepackt.

Na, na, na, sagte der Herr, was für einen Trank haben Sie denn da bekommen, man möchte ja meinen, Sie haben zwanzig Jahr Bitterkeit dazubekommen.

Wissen Sie was, sagte Frau Nechel, das Problem an den Menschen sind die Augen. Die Leut sehen zu viel, und was ist das Fatale daran? Ein Stück Fleisch muss schön hergerichtet sein, egal wie es schmeckt und so entgeht den Leuten mitunter der größte Genuß. Weil, so redete Frau Nechel weiter, weil wenn die Menschen einmal ihre Augen schließen täten und ausschließlich mit ihrem Mund ein Stück Fleisch kosten würden, da katapultiert es das Geschmackserlebnis auf ein neues Niveau, das sollten’S einmal ausprobieren, ich hab ein vorzügliches Stück Braten übrig, das tät ich Ihnen zum Gustieren geben, aber Sie müssen mir versprechen, dass Sie die Augen zumachen, sonst können’S es nicht richtig genießen.

Der Ferdinand auch? fragte der Herr.
Der Ferdinand kommt nachher dran, sagte Frau Nechel bestimmt, jetzt schließen’S einmal Ihre Augen, ich schneid Ihnen ein Stückl Braten ab.

Und so stand der Herr vor ihrem Tisch, den Mund unter seinem Schnurrbart doch recht weit geöffnet und wartete, während Frau Nechel in die Schüssel mit den eingelegten Pfefferoni griff, den roten, den extra scharfen, die nur ein paar wenige Kunden am Tag verlangten, und er wartete, während Frau Nechel mit den Pfefferoni in der Hand um den Tisch ging und sobald etwas seinen Lippen berührte, da konnte er es nicht mehr aushalten mit dem Warten und biss kräftig zu.

Was in meinem Körper wohnt

In meinen Zähnen wohnen kleine Kariesteufel mit Neptundreizacken, damit kratzen sie an den Zähnen. Sie sind mit freiem Auge nicht erkennbar, vielleicht für meine Zahnärztin, wenn sie im Scheinwerferlicht nicht schnell genug hinter die Zähne und in die Zahnfleischtaschen verschwinden, an den Zähnen ihre Tags, ihre Nonsensewörter, die Namen ihrer verstorbenen Haustiere und ACAB.

In meinem Brustkorb wohnt ein kleiner, ängstlicher Igel, der in den Interstellarmuskeln zwischen meinen Rippen herumläuft als würde er seiltanzen.

In meinem Darm steht eine Nutztierherde auf Wiesen, sie haben Hufe und manchmal fliegen Bremsen heran und versetzen sie in Panik, dann laufen sie, das Geklapper ihrer Füße wird vom Erdreich abgefedert, aber es vibriert doch der ganze Berg.

In meinen Ohren wohnen die Erinnerungen anderer Menschen, die sich an Souvenirständen am Meer große lackierte Spiralschneckmuscheln kauften, sich ans Ohr hielten und, das andere Ohr Richtung Meer weit aufgespannt, kicherten: Du, ich höre das Meer da drin rauschen.

In meinen Beinen leben Fische, die so tief unter der Baumgrenze, wo kein Sonnenstrahl mehr hindringt, dahinschwimmen, dass kein naturgeschichtliches Museum der Welt ein präpariertes Exemplar von ihnen besitzt; sie schwimmen langsam, denn dort unten gibt es selten plötzliche Ereignisse, mit den Vulkanen unter ihren Flossen haben sie sich früh schon abgefunden.

In meinen Sehnerven wohnen alle Insekten, die jemals die Luft zwischen mir und dem Troposphärenleintuch durchflogen haben, wenn ich hinaufschaue, sehe ich sie, besonders bei blauem Himmel, flirren und flimmern. Als ich ein Kind war, erntete ich die meiste Empörung mit der Aussage, ich könne die Luft sehen; ich habe nicht gelogen, denn ich konnte die Distanz bis zum nächsten Objekt begreifen, das war die Luft, ich sah sie ja. Jetzt weiß ich aber, es waren nur die Geister aller sich im Lauf der Jahrzehnte ins Haus verirrten Fruchtfliegen, sie bilden dieses seltsame Gallert, das wir atmen und das die Erwachsenen zu sehen leugnen.

In meinem Kopf wohne ich. Dass die Menschen in Köpfen residieren, ist vielerorts beschrieben worden und auch, wie man mit sich selbst durch den Körper wandern kann. Meistens rückt man aber auf einem Sessel am Linoleum hin und her. Man sitzt und wartet, oft nicht bequem. Ich würde gern auf dem Sofa Platz nehmen, das ich einmal im Internet ersteigerte und mühsam durch diverse Öffnungen in meinen Kopf getragen habe; aber dort schläft, in einem alten Sokol-Raumanzug, eine kleine dreifärbige Katze und die weckt man besser nicht.

Wie man mit Bäumen Freundschaft schließt

Mit Bäumen schließt man keine Freundschaft, denn man erfährt in den meisten Fällen nicht, wie sie dazu stehen. Manchmal lassen sie einen Ast fallen, in den meisten Fällen ist es aber den Umständen geschuldet.

Wenn ich aber mit Bäumen Freundschaft geschlossen hätte, dann wären es bislang drei Bäume gewesen.

Einer, der auf einem Spielplatz nahe der österreichisch-ungarischen Grenze stand. Vielleicht steht er noch immer dort, allerdings wuchsen auf diesem Spielplatz nach Ablauf meiner Kindheit immer mehr Spielplatzgeräte aus dem Boden und verdrängten die Bäume. Verdrängten den Holztisch, auf dem eine Andrea ihre brennende Zigarette zwei Minuten lang unter ihrer Handfläche hielt, weil ihre Tante vorbeispazierte, verdrängten all diese Bäume, an deren Gesichter ich mich nicht mehr erinnern kann und verdrängten auch den Totenbaum. Der Totenbaum war ein Totenbaum weil er ein Gesicht trug, das aus zwei kompletten Zahnreihen, zwei Nasenlöchlein in einer Schädelrinde, zwei Augenbaumstammlöchern und Ohrenlöchern bestand. So wie einem Mensch das Fleisch wegschmilzt, wenn er tot ist, so war der Baum ein Überrest eines Menschen, der zuerst in einen Baum verwandelt worden war und dann seinem Menschenfleisch beim Zerfließen zusehen hatte müssen. Auf der Rückseite seines Baumstammes hatte er einen Hintern, was nicht ganz ins Konzept passte, aber ich erinnere mich es als Argument in Vorträgen, die ich anderen Kindern vor dem Totenbaum über den Totenbaum hielt, verwendet zu haben, um darauf hinzuweisen, wie sehr der Baum einmal ein Mensch gewesen sein musste.

Der zweite Baum meines Lebens war ein Marillenbaum in einem Garten. Der Marillenbaum war der jüngste und kleinste in einer Reihe aus drei Marillenbäumen, zwischen denen Wäscheleinen gespannt waren. Er wurde nie kaum größer als ich und bevor ich erwachsen war, wurde er zerkleinert und aus dem Boden gerissen, denn bei Bäumen in Volksschulkindgrößer kann man noch nicht vom Fällen sprechen. Ich erinnere mich sehr an seine Rinde und glaubte lange, die Rinde wäre für Marillenbäume typisch, aber ich habe keinen Baum mehr getroffen, der eine solche Rinde hatte: ablösbar mit Kinderhänden, zerfurcht wie ein Meer im Winter, überwachsen mit winzigen Flechten, gerade so rauh, dass die Erinnerung daran die Fingerkuppen kräuselt, aber nicht rauh genug, um die Haut zu verletzen. Ich saß oft darauf, denn er wuchs verdreht mit eingebauter Sitzfläche für Kinder in Gesäßhöhe und hätte mir einen solchen Baum (der natürlich mit mir mitwachsen hätte müssen) für mein ganzes Leben gewünscht. Er trug eine Handvoll Marillen in guten Jahren.

Der dritte Baum ist ein Baum, den ich noch nicht lange kenne und der mich nie kennenlernen wird, denn seine Augenhöhe liegt ein zweistöckiges Zinshaus über meiner. Wir können uns nicht unterhalten, aber ich merke ihn mir, ich merke ihn mir vom ersten Moment an, wo ich erkenne, dass zu seinen Wurzeln der erste, dessen Tod mir das Herz angeknackst hat, gelegt wird, ich merke ihn mir ab dem ersten Gedanken darüber, dass vielleicht manchmal ein Mensch gut verwesen kann und durch Sarg und Erde seine winzigen Bestandteile zu den Wurzeln finden können. Ich schaue in alle Richtungen, in die sich der Friedhof weiter erstreckt und finde keinen größeren Baum: die einzigen, die ihn überragen stehen auf einer Anhöhe und sind, würde man sie messen, nicht größer. Es ist ein winziger Trost, wenn jemand, den man beständig innerlich als Größten unter den Anwesenden ermisst unter einem größten Baum vergraben wird. So ein winziger Trost, dass er keine Wärme spendet, sondern mehr als Motte im Kopf gegen das eingeschaltene Licht fliegt und summt: der größte Baum, der größte Baum, der größte Baum.

Warum man eine Bestattungsversicherung abschließt

Manchmal geht man über Friedhöfe. Die Stellen zwischen Grabsteinen und Grabumrandungen, zwischen staubvioletten Feuerwerksblumen und den kleinen Holzpfeilen von Gärtnereiunternehmen, die frei sind, das sind keine freien Grabstellen. Es sind keine Gänge, über die man treten darf, weil man Angst hat, jemand Fremden über das Grab zu laufen: wer über die Wiese läuft am Friedhof, der läuft über ein Grab.

In der Wiese sind Menschen vergraben worden und die Grabnutzungsverträge sind ausgelaufen. Die Standardgrabnutzungsdauer beträgt 10 Jahre, man kann sie verlängern. Von meiner Zwillingsschwester habe ich erst erfahren, da war ihr Grab schon einige Jahre abgelaufen. Die Bestattung Wien hat eine Online-Grabsuche, in der ich alle Namen suchen kann, über die niemand mehr spricht. Manche leben länger in der Online-Grabsuche, als sie dürfen. Meine Schwester war bis vor ein paar Jahren in der Datenbank. Von Zeit zu Zeit hab ich ihren Namen eingegeben, nachgeschaut, ob sie noch in dieser Datenbank lebt. Eines Tages war sie fort. Ich schrieb eine E-Mail. Man antwortete mir, dass es wohl ein Versehen gewesen sein musste, dass sie überhaupt drin war.

Die Friedhöfe wurden an den Stadtrand gedrängt, der Wiener Zentralfriedhof ist riesig, meistens bekomme ich Beklemmungen, bis ich am äußeren Rand des Friedhofs angekommen bin, wo ein Stück Wiese frei ist, zwischen jemandem, der irgendwas mit Apfel heißt und noch jemand anderem.

Dort, so sagte es der versehentliche Eintrag in der Datenbank, wurde meine Schwester begraben. Zwischen Familiensammelgräbern, Erwachsenengröße.

Was macht jemand, der noch nie größer war als ich selbst (und ich bin nicht groß) in einem Erwachsenengrab? Manchmal stelle ich Fragen an Personen, die es vielleicht wissen und frage: nach 30 Jahren, wieviel ist da von einem Baby übrig? Nicht viel, wahrscheinlich, sagen sie und zucken ratlos mit den Schultern, es kommt auf den Boden drauf an. Und dann erzählen sie mir von Experimenten, bei denen in Wien in Hinterhöfen Schweine mit Jeans eingegraben und von Zeit zu Zeit ausgegraben wurden, um zu sehen, wie schnell Schweine mit Kleidung verwesen.

Als ich 27 Jahre alt bin und mich schon länger zu Tode fürchte, fällt mir auf, dass mein Tod kein gesicherter ist. Die Personen, die mich vielleicht gern bestatten würden, haben weder das Recht, noch das Geld dazu. Die Personen, die mich bestatten müssten, würde ich jetzt sterben, würden einfache Varianten wählen. Ich sehe mich unter einem Stück Wiese liegen, aufgelassen, über das die Menschen manchmal gehen, weil sie glauben, es ist ein Weg und kein Grab. Ich sehe mich langsam unter der betretenen Wiese verfaulen, weil niemand zur Kenntnis genommen hat, dass ich gerne verbrannt würde. Ich bin die Person, die mich am allerliebsten gerne selbst bestatten würde, schließlich verbringe ich viel Zeit mit mir. Und mit Friedhöfen. Man ist länger als Toter auf dieser Welt als man lebt.

Mein Termin zur Beratung beim Versicherungsableger, der Bestattungsversicherungen verkauft, fällt auf Halloween, das fällt mir erst auf, als ich dort bin. Aus den Nebenzimmern kommen Angestellte ins Büro „schauen“, weil ich so jung bin und zumindest gesund wirke. Bevor ich hinausgehe, sagt mir der Berater: Wenn ich das sagen darf, Sie riechen sehr gut. Er schreibt mir später eine SMS, ob ich mit ihm was trinken gehen will und später im Jahr wünscht er mir frohe Weihnachten.

Ich möchte kremiert werden, der Friedhof zweiter Wahl der Meidlinger Friedhof, weil ich auf diesem Friedhof groß geworden bin, heimlich, wenn ich die Schule geschwänzt habe. Friedhof erster Wahl ist der Zentralfriedhof und seit meine Schwester aus der Datenbank gelöscht wurde, sehe ich in meiner Versicherungspolizze nach, wo sie liegt, denn damals habe ich als mein Wunschgrab ihres aus der Datenbank eingetragen. Manchmal, wenn ich Katzenasche zu vergraben habe (und das war in letzter Zeit recht oft), gehe ich nachschauen, ob mein Grab noch frei ist oder ob sich jemand anderer dorthin gelegt hat. Manchmal denke ich nach, ob ich dieses Grabnutzungsrecht bereits erwerben möchte, neben Katzen und Schwester nicht ein potentielles, sondern ein fixes Grab und damit einen winzigen eigenen Schrebergarten haben will.

Seit ich Besitzerin einer Bestattungsversicherung bin, bekomme ich auch jährlich Post und Anrufe dieses Unternehmens: Ob ich nicht auch Bestattungsversicherungsverkäuferin werden möchte, denn ich bin ja noch nicht tot und ich habe die Wichtigkeit der Bestattungsversicherungen erkannt. Ich nehme diese Briefe freundlich zur Kenntnis.

Jemand wie ich wird sich niemals eine Eigentumswohnung oder gar ein Haus leisten können. Keinen Garten, kein Wohnmobil, keine Tierpatenschaften im Zoo mit Namensschildern. Die monatliche Rate für meine Begräbniskosten geht sich gerade so aus. Sterben ist so teuer, dass ich mir nach zehn Jahren (ich bin in Jahr 4) gerade das Standard-Basis-Begräbnispaket holen könnte. Wenn ich mich aber anstrenge und lang lebe, dann darf ich mir den tröstlichen Gedanken erlauben, dass ich mir da etwas Kleines aufbauen könnte. Ein Grabnutzungsrecht, länger als zehn Jahre; einen Grabstein aus weißem Stein, in den der Name so sacht eingraviert ist, dass er genauso schwer zu lesen ist wie Seriennummern am Ipod Shuffle und ich die Hoffnung haben kann, dass, wenn jemand einmal vorbeikommt, diese Person dann die Augen zusammenkneift, sich bückt, hinkniet, mit dem Mobiltelefon hinleuchtet und sich schrecklich abmüht, um diesen elenden Scheißnamen endlich ablesen zu können.

Wie Menschen ohne Angst leben

Man kann versuchen, den angstlosen Zustand mit Astronauten (haben keine Angst, weil alles festgeschrieben) oder Staubsaugern (haben keine Angst, weil innen immer voller Staub) oder unbeleuchteten Globen (haben keine Angst, weil sie ihre Außenseite selbst nicht lesen können) zu vergleichen.

Meistens erkennt man den angstlosen Zustand ohnehin nur hinterher, wenn man auf etwas gestoßen ist, das noch nicht beschrieben wurde (Astronaut) oder die Staubfangkammer ausgeleert wurde und jetzt Platz ist für alles, was man nicht unter dem Bett vermutet hatte (Staubsauger) oder jemand plötzlich den Stecker einsteckt und man sitzt da und buchstabiert: R A T A A B N A A L U (Globus).

Menschen, die die Angst nicht kennen, stelle ich mir vor wie Astronauten, die zum dritten Mal zur ISS fliegen, nichts passiert, die Gedanken in ihren freien Sekunden nur bei Freunden in der Schwerkraft oder den Orangen im Gepäck. Ich stelle sie mir vor, wie Staubsauger, die vollgesaugt sind und die aufgesaugten Haarbüschel und Cellophanwürstel verstopfen schon alle Münder, aber es ist noch genug Saugkraft da, den allerwichtigsten Dreck einzusaugen, aber es ist nicht mehr genug Kraft, die Vorhänge, das Kopfhaar des Kindes, den Staatsbürgernachweis, die Socken einzusaugen. Niemand steckt den armen, dunklen Globus an.

Ich vermute, die Menschen ohne Angst leben gut. In meiner Vorstellung gehen sie fröhlich durch den Regen, bekommen davon nie Lungenentzündung, springen mit Regenschirmen von Hausdächern, zeugen Kinder, steigen alle zwei Stunden in ein Flugzeug und trinken Getränke mit Algen und Baobab. Sie öffnen Bierflaschen mit ihren Zähnen (auch wenn mittlerweile alle zum aufdrehen sind), sagen ihren Mitmenschen, was sie von ihnen halten und lenken Autos. Sie kandidieren für Ämter, schnippsen fremden Menschen an der Ampel von hinten an die Ohrläppchen und schmeißen ihre Rechnungen in den Papiermüll, ohne sie vorher zu zerreißen. Sie schlafen bei laufendem Fernseher vor einem brennenden Kamin ein, ohne im Bad das Licht auszuschalten. Im Sommer schlafen sie überhaupt ohne Bekleidung ein, bar jeder Vorstellung durch ein starkes Erdbeben aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden und dann ohne eine Sekunde zu verlieren, denn überall an den Wänden bilden sich schon Risse, splitterfasernackt aus dem zweiten Stock springen zu müssen. Ohne Regenschirm, diesmal.

Menschen ohne Angst müssen ihre Geborgenheit aus Umgebungswärme, Zucker oder Hormonen generieren. Niemals werden sie mit nassen Socken in ein Loch unter dem Solarplexus fallen, dessen Wände mit „du wirst sterben, weil jeder sterben muss, es können dich soviele Schmerzen erwarten, die du dir alle noch gar nicht vorstellen kannst, es gibt keinen Halt, du wirst für immer fallen, fallen fallen“ tapeziert sind und alles was man im Vorbeifallen erkennen kann ist „all, all, all“, weil die Taschenlampe am Handy nicht funktioniert, man drückt immer auf das kleine Flugzeug, Flugzeug aus, Flugzeug an, dabei hat man noch nie eines betreten, weil es einem absurd erscheint, inmitten von gefüllten Staubsaugern in einem solchen 3 km über dem Boden zu fliegen und jede Sekunde herabfallen zu können, und man liest nur „all, all, all“ wie ein Astronaut, den man ungeschult und ohne Unterlagen in eine Rakete gesetzt hat und niemand hat ihm vorher erzählt, dass einem die ganze Zeit schwindlig ist und man sich die ganze Zeit dreht und dreht und dreht, während die Buchstaben auf dem leuchtenden Globus zu Kondensstreifenschatten verschwimmen. Aber niemals werden sie aus diesem Loch mit warmen, dampfenden Socken herausfallen, auf ein Stück trockene Wiese, während sie die Schranken und Hausschilder doppelt scharf wahrnehmen, der Zeitungsständer, der Winterstreubehälter, die zerstörten Parkbänke im Innenhof eines Gemeindebaus, alles sieht aus, als hätte man eine neue Brille bekommen, den Globus hat man angehalten und man kann die Städte erkennen, man kann erkennen, wieviele Menschen in diesen Städten wohnen, das Licht des Globus ist das Licht der tausend beleuchteten Fenster von Wohnungen, in denen Menschen sitzen, die von ihrer Angst nach Hause gekommen sind und jetzt alles in ihrem Wohnzimmer doppelt scharf wahrnehmen und alles ist an seinem richtigen Platz, die Füße sind trocken, der Atem geht unbeachtet in all seine Lungenbläschen und kurz ist alles angefüllt mit dem Staub der kleinen Dinge, an denen man sich festhalten kann, die Löcher sind alle geschlossen und die Betriebsanleitung der Rakete liegt am Wohnzimmertisch. Und niemals werden Menschen ohne Angst so glücklich sein können über diese Betriebsanleitung, wie jemand, der sich gerade selbst aus dem Staubsaugerrohr des Weltalls gepflopft hat.

Warum es viele Miniaturen gibt

Wie groß ein Mensch wird, macht man an seiner Umwelt fest. Viele Menschen orientieren sich an Eltern und Straßenbahnhaltegriffen. Andere wissen: solange die Socken anständig sitzen und das Butterbrot größer ist als der Mund, ist alles in Ordnung.

Die meisten Menschen sind sich aber dann doch selbst zu klein. Sie schlagen ihre Kinder, weil sie wissen, dass sie selbst zu klein sind, um die Gesetzgebung eines Landes zu ändern. Sie bauen Modelleisenbahnen, weil die Strecken der großen Lokomotiven von anderen längst festgelegt sind. Sie essen von kleinen Tellern, weil sie sich damit schneller satt fühlen und sie errichten die Sehenswürdigkeiten anderer Länder in ihrem eigenen Vorgarten, weil die Distanz zu diesen Bauwerken fünf Millionen mal größer ist als die Distanz von ihren Augen zu ihren Zehen und es schon genug schmerzt, wenn sie einmal umfallen.

Uhren sind aus demselben Grund erfunden worden: Der Mensch ist klein im Lauf der Zeit, Gestirne weit und riesengroß über ihm, selbst die Bäume viel höher und die Kirchenglocken größer als ihre Köpfe, in den meisten Fällen. Die Uhr ballt die Zeit auf eine annehmbare Größe zusammen: zuerst so groß noch wie das Bett, in dem Johann Bozik aus dem Herzogtum Teschen, viele Jahre geschlafen hat; später nur noch so groß wie sein Kopf, bevor ihm die Augenbrauen immer dunkler wurden; noch viel später konnte Johann die Zeit in seiner linken Hand halten wie eine frisch geerntete Walnuss, deren Rückstände der Außenschale seine Handfläche braun verfärbten und es drei Tage dauerte, bis nichts mehr davon zu sehen war.

Johann war groß auf die Welt gekommen, so groß, dass seine Mutter selbst ihm noch von den Schmerzen der Geburt erzählte; so groß, dass er die Mühle seines Vaters schon früh als sein persönliches Spielzeug ansah, obwohl doch das Dach der Mühle höher hing als der höchste Ast, der er auf den Nussbäumen daneben erreichen konnte. So groß, dass er lange Zeit nicht begriff, dass die anderen ihn als den Kleinen ansahen, dass der Vater zu ihm von oben herab sprechen wollte und die Mutter ihn so handlich auf ihrem Schoß wissen wollte, aus Angst, noch einmal dieselben Schmerzen durchleben zu müssen, wenn Johann noch einmal denselben verlassen würde.

Das Mühlrad seines Vaters war ihm bald zu klein, denn nachts, vor dem Einschlafen, da schien es ihm, als könnte er es sich über den Ringfinger ziehen. Er schleppte nach der Schule Baumstämme an den Platz neben der Mühle und baute ein größeres, eines, das ihm angemessen groß erschien und die Mühle noch dazu. Der Vater sah ihm zuerst staunend zu: er meinte, der Sohn würde wohl einen Zaun errichten. Aber als er sah, dass auch innerhalb und außerhalb des vermeintlichen Zaunes alles voller Streben und Balken war, da fragte er zuerst Johann, was er denn anstelle, worauf Johann antwortete: eine Mühle bauen, die groß genug für mich ist. Der Vater ohrfeigte Johann und schließlich das Mühlrad, so dass es zerfiel, entrüstet darüber, dass sich sein Sohn größer glaubte als der Vater.

Der Vater, so meinte Johann, dachte vielleicht, er wäre zu klein für die Mühle. Er beschloss, einen Vater zu bauen, der groß genug für die Mühle wäre, die wiederum Johann groß genug erschien. Der Vater müsse seine eigene Größe erst bemerken können, meinte Johann, und ein nachgebauter Vater der dem Originalvater auch noch in die Augen sehen könne, wenn dieser nachts in seinem Bett lag und das Mühlrad still stand, würde ihm doch wohl am meisten bei dieser Einsicht helfen können. Und wieder trug Johann nach der Schule Baumstämme zusammen, denn mit Holz wusste er mittlerweile schon einigermaßen umzugehen. Der Vater beäugte das Tun seines Sohnes misstrauisch. Johann hatte den Nachbauvater zuerst in Teilen fertiggestellt, die Arme und Beine lagen im Garten rum, die Nase und die langen Sägespäne, die den Schopf des Vaters bilden sollten, lagen noch neben seinem Gesicht. Erst als er alle Teile beisammen hatte, stieg er auf eine Leiter und baute den Vater zusammen.

Als der Vater abends aus seiner Mühle trat, sah er in der Dämmerung einen seltsamen Baum vor sich stehen: fünfmal so groß wie sich selbst und ganz kahl, wo doch gerade Frühsommer war. „Johann!“ rief der Vater und Johann antwortete neben ihm, er hatte ihn nicht gesehen, er war doch so klein und es war schon so dunkel. Was das sein solle, fragte ihn der Vater. „Das, Vater, bist du“, sagte Johann. „So groß, wie du eigentlich bist.“ Der Vater schaute auf den Vaterbaum und er sah vor sich nur die Kniegelenke, die Ähnlichkeit mit dem Mühlrad hatten. Ich bin ihm also zu klein, dachte der Vater, ich bin sogar meinem kleinen Sohn zu klein, er muss sich einen riesigen Vater bauen. Sein Vater rannte so schnell zwischen die Beine des nachgebauten Vaters, dass Johann keine Zeit mehr blieb, noch etwas anzufügen – schon hatte der Vater sich zuerst den Fuß wehgeschlagen an den massiven Vaterbeinen und dann, vor lauter Wut, seine Lampe über dem linken Vaterfuß zerbrochen und damit den großen Vater in Brand gesetzt.

Der große Vater brannte die ganze Nacht, das Feuer griff auf die Mühle über. Der kleine Vater weinte und sagte seinem kleinen Sohn, er müsse gehen, er wolle ihn nie wieder sehen, er solle ihm nie wieder unter die Augen treten.

Johann Bozik packte sein Werkzeug zusammen und verließ die Familie. Er ging weiter zur Schule und versuchte seinen Lebensunterhalt mit seinen handwerklichen Fähigkeiten zu bestreiten. Jetzt hatte er gelernt, dass er die Menschen mit großen Konstruktionen verärgerte, er musste sich auf Kleineres verlagern. Außerdem hatte er nun nicht mehr den Platz im Garten, sondern nur ein gemietetes kleines Zimmer zur Verfügung. Und so schnitzte und bastelte er auf Auftrag der Kunden die Dinge, die sie sich gewünscht hatten, als Miniatur. Nicht immer war die Miniatur als solche gewünscht, aber selbst die Pflüge und Webstühle, die er für Kunden herstellte, die eigentlich einen großen Pflug oder einen großen Webstuhl bestellt hatten, verzückten die Menschen sehr, sobald Johann ihnen ihren Miniaturpflug oder Miniaturwebstuhl überreichte. „Den kann ich ja in unsere Puppenstube stellen!“ riefen sie begeistert aus. Drei Tage später kamen sie wieder und zeigten den kleinen Teppich vor, den sie mithilfe des kleinen Webstuhls gewoben hatten und überließen Johann soviel Geld, als würden sie für einen echten Webstuhl zahlen.

Viel Geld war auch das freilich nicht und so kam es, dass Johann, als er einmal nach Olmütz kam und den Auftrag bekam, die dortige Uhr am Rathaus (die so groß war wie sein Vaternachbau damals, weswegen ihn eine eigenartige betrübliche Stimmung überkam) zu reparieren, die Kaution dafür nicht bezahlen konnte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Uhr nochmal als kleines Modell nachzubauen und die Reparaturen mit Streichhölzern vor den Augen des Olmützer Bürgermeisters nachzuspielen. „Aha“, sagte der Bürgermeister und wies Olmützer Handwerker an, die Uhr zu reparieren, Johann bekam einen Laib Brot geschenkt, der doppelt so groß war wie sein Kopf und wurde heimgeschickt.

Johann war nun ein junger Mann und hatte schon viel von der Welt begriffen. Dass die Leute immer zuerst wütend werden, wenn man etwas Größeres baut. Dass es besser ist, kleinere Dinge, ja vielleicht sogar winzige herzustellen, denn je winziger etwas ist, desto mehr schmeichelt es den Menschen, weil sie sich daneben größer fühlen. Und, dass er damit gar kein schlechtes Brot verdienen könnte, denn, so sagte er sich, solang das Brot doppelt so groß ist wie man selbst, solange nagt man nicht am Hungertuch.

Sein Leben lang baute Johann kleine Maschinen, Uhren und andere Konstruktionen nach: manche fanden ihren Einsatz in Puppenstuben, manchmal ersetzte jemand seine Maschine durch eine Miniatur von seiner Hand, um sich beim Arbeiten größer zu fühlen; es kam auch vor, dass ein Kapellmeister zu ihm kam und sich wünschte, doch den Tambour als kleinen mechanischen Trommler nachzubauen, weil ihm dieser in echt um zwei gefühlte Köpfe überragte. Johann tat dies gerne und zur vollsten Zufriedenheit des Kapellmeisters, der sich endlich vorne am Zug der Musikkapelle wieder richtig groß fühlen konnte, denn das Geräusch der Miniaturtrommeln übertönte das Pfeifen seines Dirigierstabes nicht länger.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Bozik,_Johann