Wie man Fußball spielt

Fußball kann man erst spielen, wenn man einen Ball im Gebüsch gefunden hat. Meistens hat der Ball Ameisen auf sich und eine große Delle. Jeder, der einmal Kind war, hatte eine mystische Begegnung mit einem solchen Ball. Es ist vorbestimmt.

Der Fußball im Gebüsch ist die kleine Kopie der Potsdamer Kartoffel, auf der wir leben. Auch dem Fußball lässt sich die Hand an bestimmten Stellen leichter auflegen, als an anderen. Selten greift ein Kind in die Delle hinein, wenn sie schon vor der Begegnung in den Ball eingedrückt war.

Mit der Erde lässt sich nicht leicht Fußball spielen, sie ist zu groß, so wie auch das Kind, das im Gebüsch den eingedellten Fußball findet und sich doch nicht aufrichten kann, um ihn mit dem Fuß zu stoßen – es würde sich den Scheitel zerkratzen.

Den Fußball muss man sachte raustragen und im Laufe seines Lebens weitere Kopien davon schaffen: manch einer trägt einen kristallenen Gömböc um die halbe Potsdamer Kartoffel, um ihn bei einer Weltausstellung in einem hölzernen Pavillon in der Mitte aufzurichten und sanft wieder umzustoßen. Bis die ersten Besucherinnen kommen, steht dieser ungarische Gebüschball regungslos mit Absperrband in der Mitte eines Hauses, das nicht für lange Zeit besteht.

Ein anderer vermisst die Schildkröten: auch sie sind Fußbälle, die man sich nicht trauen würde, mit einem Zeh anzustupsen. Die Personen, die es in der frühen Stunde zwischen halb vier und halb fünf, wagen, sie doch umzudrehen, tun es mit gespreizten Fingern, unentdeckt von ihren Vorgesetzten, aber mit einem schlechten Gewissen, das anhält, bis sie selbst regungslos auf dem Rücken liegen und sich einen anderen Schwerpunkt wünschen, denn dieser eine zugewiesene macht sie schwindelig und lässt sie die Portraits auf den Wänden nicht mehr erkennen. Die Schildkröten überleben sie mit den Beinen fest am Boden.

Der dritte wischt sich gut dreitausend Mal im Laufe seines Lebens über das Gesicht: Gesichter sind uns der vertrauteste Fußball, obwohl wir sie doch gar nicht selbst richtig ansehen können. Die Finger fahren mit Ehrfurcht knapp über den Rand der Augenhöhlen, die heilige Delle im Fußball im Gebüsch des Menschen.

Manchmal aber sieht man Unterarme von außen in das Gebüsch greifen, vorgespannt Hände, die ohne zu Zögern den Fußball bei der Delle greifen, ihn aus dem Gebüsch herausholen, zurechtklopfen, aufpumpen und ihn als anderes Geschöpf den Unwissenden weitergeben. Was sie bekommen, ist ein Erdball, ohne Gravitation, ohne Schwerpunkt, ohne surrende Flächen, die nicht berührt werden dürften; was sie bekommen, ist ein Ball, der vor der für ihn ungewohnten Gewalt immer wieder versucht zu fliehen, dem sie nachlaufen, den sie ohne großes Zaudern immer wieder mit ihren Füßen berühren, den eigenen, eigentlichen Fußball über den aufgeregten Schultern getragen, in einer Höhe, von der es immer wieder gilt, herunterzustürzen, dabei sehen sie den Ball sich entfernen. Der Kopf, dieser Gömböc des Menschen, er wiegt sich noch ein wenig, bevor er stillsteht für Jahrtausende, bis einer ihn beherzt mit großen Händen aus dem Gebüsch wieder herausfischt und aufpumpt.

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