Wie man zuhause Schrecken züchtet

Gespenstschrecken brauchen nicht viel zum Leben. Raumtemperatur, Brombeerblätter, ein wenig Erde und Feuchtigkeit in einem Terrarium, es kann auch ein altes Aquarium sein, die Luftzufuhr ist wichtig. Klettermöglichkeiten sind ganz gut, es können auch gerne Kinderarme sein, auf denen sie dann langsam, weihevoll durch die Wohnung getragen werden, nur um später wieder unter Aufsicht in das Terrarium eingesetzt zu werden.

Wenn man Glück hat, so findet sich in den Kleinanzeigen im Internet das eine oder andere Prachtexemplar, um nur fünf Euro, aus eigener Zucht, in einem Umkreis, von dem man es mit dem eigenen Auto nach der Arbeit bequem abholen kann. In einem Plastikbehälter, der dazu geschenkt wurde, so wie auch der einzelne Brombeerstrauchast, der sich streckenweise als Stabheuschrecke tarnt, fährt es mit nach Hause, um dann auf den Küchentisch gestellt und eine Stunde lang durch von der durchsichtigen Plastikwand verzerrten großen Augen begutachtet zu werden.

Langsames Kennenlernen, sagt die Psychologin, damit man es nicht überfordert und der Vater nickt, denn er denkt daran, wie auch er sich an einem neuen Ort immer erst eine Weile umschnuppern muss, bis er mit seinen Füßen automatisch zu jeder Tageszeit automatisch in die Schuhe findet. Also steht die Gespenstschrecke erst eine Stunde am Küchentisch um schließlich wie ein Reliquiar in das Kinderzimmer getragen zu werden, zum Terrarium, das auf der Wäschekommode steht. Das Kind muss sich strecken, um den Terrariumsdeckel zu öffnen und die neue Schrecke aus dem Transportreliquiar in ihr Haus zu setzen. Es ist gewachsen, bald werden abends keine roten Striemen an den Unterarmen mehr zu sehen sein.

Fische haben das Kind nie interessiert. An ihnen lief es im Tiergarten vorbei, direkt zu den kleinen Glaswürfeln, in denen Ameisen oder Fauchschaben oder Schmetterlingspuppen oder Wandelnde Blätter zu sehen waren. Den Weg zum Terrarienhaus schlug der Vater einige Male auf dem bunten Tiergartenplan nach, maß mit dem Lineal die Distanzen, zeichnete zwei große X in Gehege ein: dort dürfe man auf keinen Fall ein zweites Mal entlang laufen.

Jahre erst nach dem ersten Zusammentreffen mit den Schrecken schlug sich der Vater theatralisch, obgleich ihm niemand zusah, eines Nachts die Hand an die Stirn: warum hatte er nicht früher darüber nachgedacht, es war so einfach, das ganze Internet voller Schrecken. Auch Terrarien gab es, Zierpflanzen, Kletterbäume, Insektenkumpel. An einem Samstag holten sie gemeinsam ein großes Terrarium ab, die Schrecken brachte er werktags am Abend nach Hause, eine nach der anderen, bis sieben unterschiedliche mit dem Kind im Zimmer wohnten.

Es ist gut, wenn das Kind Verantwortung lernen kann, sagt die Psychologin, man solle dem Kind ruhig das Gefühl geben, man könne ihm vertrauen. Der Vater zählt manchmal morgens die Schrecken nach, es dauert etwas, so ist das nun mal bei Schrecken, man verzählt sich gerne, aber immer sind alle, die da sein sollen, auch da.

Das Kind verbringt all seine Freizeit vor dem Terrarium. Wenn es dem Vater folgen soll, hat es manchmal eine der Schrecken dabei, auf der Schulter, auf dem Arm, es setzt sie am Tisch auf eine Untertasse ab und lässt sie nicht aus den Augen. Manchmal sieht der Vater von seinem Teller auf und schaut in die zwei aufmerksamen Gesichter. Er hat ein paar Mal nach Namen gefragt, aber das Kind schüttelte den Kopf. Wer sich ständig ansieht, braucht keine Namen.

Natürlich wäre das in Ordnung, sagt die Psychologin, man soll ihm seine Welt lassen, wenn es etwas anderes erkunden möchte, wird es schon kommen. Freiraum, sagt die Psychologin, es ist wichtig, das Kind seine Grenzen selbst erfahren zu lassen und er solle es nicht mit den anderen vergleichen. Die X jedes Kindes liegen woanders, bloß, sagt sie, sieht man das natürlich nicht jedem Kind sofort an, wo.

Am Abend gibt es zwei Lichter auszuschalten im Zimmer des Kindes, ein drittes, über dem Terrarium, leuchtet sich schwach durch die Nacht. Auf dem Schalter, das weiß der Vater, ist ein großes X. Wenn das Kind im Zimmer ist, kann der Vater die Schrecken nicht zählen. Das Kind möchte nicht, dass er den Schrecken ins Gesicht sieht. Es möchte im Mittelpunkt stehen, denkt der Vater, die Schrecken sind oft sehr neugierig, sie wenden sich hin und her und begutachten die Welt. Sie sehen ihn an, wie sie das Kind ansehen.

Am Dienstagabend schauen ihn zwei Gesichter vom Terrarium aus an. Die junge Stabheuschrecke, die als vorletzte hinzu gekommen war und das Kind. Neben der Kommode steht der Schreibtischsessel, der Deckel sitzt auf dem Terrarium, das Kind hat die Knie angezogen und die Arme um die Knöchel geschlungen, seine Nase auf einer Höhe mit der neugierigen Stabheuschrecke. Hinter ihm bewegt sich langsam eines der Wandelnden Blätter. Die Zehen des Kindes sind aufgestellt und ihre Kuppen zeichnen Grimassen ans Glas.

Der Vater geht nahe an das Terrarium, er wird aufmerksam beobachtet. Zählen kann er jetzt nicht, selbst die Zehen des Kindes verschmelzen. Alles in Ordnung, fragt er und wird weiter beobachtet. Der Deckel ist aufgesetzt, aber nicht verschlossen, wie auch und er atmet aus, versucht seine Hände besonders schwer zu machen und den Deckel mit wenig Kraft in die Höhe zu heben. Es geht, sehr leicht geht es, das Kind könnte den Deckel von innen ohne Probleme hochdrücken, wenn es wollen würde. Aber, das hat die erste kleine Bewegung des Deckels verraten, das Hochheben des Deckels durch ihn, es ist ein großes X auf dieser Landkarte, also setzt er ihn wieder sachte ab.

Er dreht die zwei Lichter ab, dabei sehen ihm drei Gesichter zu: die Stabheuschrecke, das Kind und sein Körper. Die zwei an das Glas gepressten Unterarme ein Mund, die runden Knieabdrücke Augen, die etwas schielen, denn das Kind hat alten Schorf auf dem linken. Ob es eine Halskette ist, oder ein Bart aus Zehen, den das Kind unter seinem zweiten Mund trägt, fragt er sich, während er die Zimmertür schließt. Es wird wohl zum Schlafen wieder herauskommen.

Er soll dem Kind das Gefühl geben, ihm vertrauen zu können, hallt jedes Mal, wenn er an der Tür vorbeigeht, durch seinen Kopf. Es wird heraus kommen, es kann heraus kommen, der Deckel ist ganz leicht. Trotzdem schaut er später noch einmal hinein: das Kind sitzt noch im Terrarium, keine der anderen Schrecken fällt ihm auf, nur die Unterarme des Kindes, die Knie, das zweite Gesicht.

Es wird heraus kommen, wenn es müde ist, sagt er sich und legt sich ins Bett, hält aber sein Ipad vor seine Füße, presst die Zehen dagegen: ob es weh tun würde, aber es ist eigentlich ganz angenehm, findet er. Er legt das Ipad auf den Nachttisch, dreht das Licht ab und sagt sich: morgen erst wird die Tür wieder geöffnet, morgen früh erst werden die Schrecken wieder nachgezählt.

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