Warum die Toten selig sind, die in dem Herrn sterben

tote

(Frankfurt Hauptfriedhof, 21.05.2018)

 

In lebendigen Herren sterben oft nicht viele Tote, denn die Herren, sie erinnern sich gerne an Namen. Solange man seinen Namen noch kennt, ist kein Toter gestorben. Je älter Herren werden, desto größer wird die Leidenschaft, mit der sie die Namen der Toten nennen, sie werfen sich gegenseitig die Toten zu wie einen kleinen, schmutzgelben Schaumball, der im Garten verblieben ist, nachdem alle vier Tennisbälle aus der kleinen Dose auf unerklärliche Weise verschwunden sind, obwohl niemand im Haus Tennis spielt.

Im Laufe eines Herrenlebens atmet der Herr sicherlich dreitausend Tote ein, manche gar bis zu zehntausend. In der Schule stellt der Lehrer auf jedes Pult einen Topf dampfendes Wasser, darin schwimmen jede Stunde bis zu zehn Tote, ihre Gesichter sind aufgedunsen, manche schwimmen gar als ausgebleichte Frösche, an denen man nicht mehr erkennen kann, was nun ihre Quakbacken und was ihr Bauch war, in dem dreifingerhohen Wasser. „Inhaliert, inhaliert“, sagt der Lehrer und wirft Handtücher über die Köpfe der jungen Herren.

Viele junge Herren entwickeln hier ihre Süchte und durchstreifen nach dem Nachmittagsunterricht die Nachbarsgärten auf der Suche nach verlorenen Toten. Für das ungeschulte Auge sind sie schwer zu erkennen, aber die jungen Herren sehen sie im Gehölz hervorblinken, sie wissen, welche Türmatten zu heben sind, in welche hohlen Baumstämme es sich lohnt zu greifen und sie kommen mit den Taschen voller Toter in ein Haus, in dem die Toten säuberlich abgestaubt und geschlichtet sind, in dem den Herrn ein Nachtmahl erwartet und eine von allen Spuren der Toten befreite Bettwäsche.

Diese Inhalationen, diese Abendjagden, das nächtliche Suchen zwischen Presspapier, ob nicht aus einer Spalte ein vergessener Toter hinausfällt, den man sich unter die Achsel klemmen kann, bis die Haut aufgelöst und das Innengemisch des Toten über die Poren aufgenommen worden ist, all das ist eine Vorbereitung für die Jahrzehnte, in denen sich die Herren tagtäglich begegnen, sich zunicken und die Toten aus den Nasenlöchern und ihrem Schlund ziehen: Sieh an, was für ein prächtiger Toter, ob ich ihn wohl auch einmal ablutschen darf? Das fragt der angesprochene Herr den anderen und schwupps, ist der Tote in seinem Mund verschwunden, ein Telefon klingelt in der Ecke, der Herr reißt die Augen auf und sagt: Das tut mir leid, ich glaube, ich habe ihn verschluckt.

Die Herren sind wandelnde Aquarien für Tote. An ihren Innenwänden kriechen die hartnäckigen Toten jeden Tag hinauf, die Putzertoten, sie halten die Wände frei von den Schlieren der schon lange in ihnen treibenden, sich langsam auflösenden, anderen Toten. Sie stecken ihre Köpfe aus den Ohren, Augen und Mündern der Herren, die Sprache selbst ist ihnen versagt, da sie ja nun tot sind, aber die Herren erkennen sie an ihrer Physiognomie, sie nicken und zeigen auf die Toten, die ihnen im Mundwinkel hängen und fragen: Kennst du übrigens diesen Toten schon?

Manche Tote sind so schwer, sie sinken in den Herren bis hinunter in die Fersen und Mittelfußknochen, wo sie sich verwickeln und nie wieder werden sie gesehen: der Fuß ist zumeist die Einbahnstraße des Herrn. Andere Tote lösen sich auf, ihre Relikte werden von den Putzertoten weggeschmaust, ihre Nasen tragen die neuen frischen Toten, die obenauf schwimmen und leicht in den Kaffeepausen dem Herrn aus dem Gehörgang ragen, wo sie ihren Hut lüften und grüßend nicken, in verschlossenen Fäusten und geben sie nimmer wieder frei. Es erinnert sie an ihre Jugend, als sie so manchen Toten aus Erdlöchern im Garten der Großmutter an Nase oder Ohren hervorgezogen haben, um ihn, noch zappelnd, unter dem Wasserhahn von Wurzeln und Erde zu reinigen und ihn dann in ein Stofftaschentuch gewickelt in die Hosentasche zu stecken. Wenig wissen sie, dass sie, obenauf schwimmend, immerzu von Herr zu Herr wechselnd, schon längst nicht die Sammler sind, sondern nunmehr die Gesammelten. Wenig wissen sie, dass der Herr, durch den sie schwimmen, sogleich auch ein Toter in einer Schreibtischschublade eines Toten sein wird, der aus dem Nasenloch eines Toten ragt, der, frisch verschluckt in einem fidelen Herrn ganz obenauf an der Oberfläche herumschaukelt. Schwindelig würde ihnen, wenn sie wüssten, wie weit sie in der Kette der erinnerten Toten nach unten getrieben wurden, ohne auch nur ein bisschen Grund unter den Füßen zu spüren. Wie ruhig der Boden sich anfühlt, wie selig man ist, wenn man endlich wieder sein eigener Herr ist und ohne Toten als ganz und gar gestorbener, als ganz und gar vergessener Toter in einer Kette von Toten auf einem zugewachsenen Pfad, der als Traumbild durch das Universum geistert, wandert und nichts mehr spürt unter den Füßen und kein Laut, kein Name, kein Toter mit Hut hält sich mit den Händen an der Ohrmuschel mehr fest.

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