Warum es mich beim Film „Muttertag“ gruselt

Ich bin in dem Film gefangen.

Ich kann mich erinnern, als Kind vor der Plastikunterlage am Esstisch zu sitzen und dort saß ich viele Jahre meiner Kindheit, es waren entweder Teller darauf oder ich kratze an flachen Verkrustungen (von denen es zu wenige gab, denn die Unterlagen wurden stets abgewischt) herum, während draußen Hubschrauber flogen. Überall, wo ich in Wien lebe, fliegen Hubschrauber. Tage, an denen ich keinen Hubschrauber höre, der über meinen Kopf fliegt, kommen mir seltsam leer vor und sie sind eher selten.

Aber damals, ich war wohl gerade eingeschult, flogen außergewöhnlich oft Hubschrauber über unsere Wohnhausanlage. „Sie drehen einen Film“, sagte man.

Erst sehr viel später habe ich den Film gesehen und diese zwei Dinge, den Film und die Hubschrauber, miteinander in Verbindung bringen können. Ich war zu klein für das Hauptabendprogramm. Seit ich erwachsen bin, habe ich den Film bereits mehrere Male gesehen. Sehr viel davon ist wahr, zum Beispiel die Szene, in der eine Frau in der Postfiliale Faschiertes, dünn aufgeschnitten, bestellt und dabei ihr Kind vergisst. Die Szene ist direkt aus meiner frühesten Kindheit erzählt.

Der Film wirkt auf mich streckenweise sehr surreal: nicht wegen dem toten Meerschweinchen (von dem wurde mir so oft erzählt, bevor ich den Film gesehen hatte, dass ich es für die Verfilmung einer wahren Geschichte halte), nicht wegen dem Hustinettenbär (es ist, als hätte er dort wirklich im Drogeriemarkt gelebt), nicht wegen dem Schriftzug „Tod dem Architekten“, der mich durch meine Kindheit begleitet hat und von dem ich solange glaubte, ein wütender, gebildeter Jugendlicher hätte ihn im Übermut an den Haussockel geschrieben, bis ich den Film gesehen hatte.

Surreal wird es, wenn die Jungschargruppe beim früheren Pampam (jetzt Eurospar) in der Sagedergasse in einen Überlandbus steigt, nur um als Ausflug dann 200 Meter weiter wieder im Schöpfwerk zu sitzen. Surreal ist es auch, die Struktur des Schöpfwerks auf so wenige Räume verdichtet zu sehen: das Schöpfwerk ist ein zusammengestecktes Labyrinth aus Stiegenhäusern, Abzweigungen von Stiegenhäusern und Verbindungstüren, so sehr, dass es mich bis jetzt noch in die Träume verfolgt. Dass all die Tauben fehlen, wundert mich wiederum nicht; dass ein Kirchenbesuch an einem normalen Sonntag gezeigt wird, wundert nicht – immerhin deckt sich die Szene auch sehr mit dem einzigen Mal in meiner Erinnerung, wo wir von der Schule aus die Kirche direkt daneben besucht haben.

Der Film vermischt sich oft mit meinen Erinnerungen, von denen ich nicht weiß, ob sie, sobald ich den Film erneut anschaue, tatsächlich Erinnerungen sind oder ob ich nicht doch gestorben bin und gerade jetzt meinen kleinen existenten Körper im Schöpfwerk 1992 von außen sehe. Es gibt wenige Sekunden Überflugsszenen über das Schöpfwerk und in diesen weiß ich: ich sitze dort drin und bin 6 Jahre alt, ich sitze dort drin vor meiner Plastikunterlage, ich stehe vielleicht gerade auf und halte Ausschau nach dem Hubschrauber, der über die Blöcke fliegt, ich sitze dort drin und bin noch immer ein kleines Mädchen.

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