Warum man sich manchmal unabsichtlich in die Unsterblichkeit verjüngt

oder wie man sich an Franz Gräffer rächt, der 1844 in der Zeitschrift „Der Humorist“ ein niederträchtiges „Histörchen“ veröffentlicht (Bild 1), das sich mindestens bis 1883 im städtischen Bewusstsein hält (Bild 2):

 

Frau Nechel war keine große Anhängerin des Glaubens. Nur manchmal, wenn sie abends im Bett lag und sich vom Kreuz nach vorn schmerzhaft Hände um ihren Brustkorb schlossen, die nicht an ihrem Mann hingen, sondern sich als Geisterhände aus ihren abgenützten Bandscheiben lösten, da manchmal sagte sie sich: Vielleicht kommen wir doch in den Himmel, schön wäre das.

In der Früh, bei der Inspektion der alten, noch nicht verkauften Fleischstücke aber, da fiel ihr wieder ein, was der Himmel tatsächlich bedeutete: das Fleisch schmolz. Zuerst fing es an zu ergrauen und zu riechen, der Geruch wurde immer stärker und wenn sie nicht aufpasste, dann hatte sie mitunter ein Stück Fleisch in der Hand, das ihr beinahe zu Boden tropfte, das, so musste sie zugeben, am liebsten wahrscheinlich auf den Boden getropft wäre, dort von der gestampften Erde im Innenhof gierig aufgesogen und vereinnahmt worden wäre.

Ich muss den Leo überreden, dass er für mich auch den Sparsarg beantragt, dachte sich Frau Nechel dann. Sonst bin ich ja nur noch so eine graue Suppen in einer Schachtel und wenn es den Boden wieder durchrüttelt, schwapp ich in der Kisten hin- und her, na, schön ist was anderes.

So wackelig wie ihr Glaube an einen Himmel war, so fest war ihre Überzeugung, dass alles Fleisch verrottet, ja, dass es sogar schon anfing, bevor das Stück Fleisch vom Tier abgelöst war, bevor das Tier getötet worden war, eigentlich, dachte sie, fing es schon an, sobald so ein kleines Ferkel aus der Mutter herausschlüpfte. Und auch bei mir ist es so, dachte sich Frau Nechel und fasste ihre Oberarme mit verschränkten Händen, auch dieses Fleisch ist jetzt schon heikles Fleisch, das man besser noch an mir dran lässt, solange ich lebe und wenn ich nicht mehr lebe, dann muss man mich eben kühlen oder entsorgen.

Die Zeit zurück zu drehen, das ginge nicht, dessen war sich Frau Nechel sehr bewusst, denn, wenn das so einfach ginge, wo wäre es denn nicht am nützlichsten, wenn nicht im Fleischgeschäft? Das nicht verkaufte Fleisch, die zu lange abgehangenen Würste, wäre es nicht schön, man könnte all das wieder in eine Zaubermaschine drehen und heraus käme das Tier, an dem das Fleisch noch lange konserviert wäre? Was nicht alles angepriesen wurde in der letzten Zeit als Wundermittel gegen das Verwesen – aber wie sollte sie ein Schnitzel mit einer Verjüngungstinktur einreiben, wenn es dann doch nicht wieder zu einem Ferkel werden könnte? Warum sollte sie denn dem gerupften Fasan einen Zaubertrunk einflößen, der erst wieder beim Ausnehmen auf den Boden tropfen würde und das Fleisch rundherum unberührt seinen Fortgang nehmen würde?

Das einzige Wundermittel waren die Eiskästen im Keller und sie waren wahrlich zauberhaft in der Konservierung der Zeit: Das Fleisch blieb lange frisch, das Eis roch nach vergangenem Winter. An den besonders heißen Sommertagen hätte sie am liebsten das ganze Geschäft in die Eistruhe gepackt, die brennende Fensterfront, die eigenen erhitzten Waden und all das Fleisch, das geliefert, aber nicht verkauft wurde, weil im Sommer die Fleischgeschäfte immer ein wenig schlechter liefen.

Eiskästen waren die beste Investition gegen die Zeit und Verwesung. Täglich wurden Eistruhen in den Zeitungen inseriert, im Winter wie im Sommer: im Winter durch Gasthausauflösungen, im Sommer weil die Eistruhe leer wurde und somit leichter zu verkaufen war. Wenn gerade ein günstiger Eiskasten inseriert war, ließ sich Frau Nechel die Adresse von den Nachbarn aufschreiben, schloß ihr Geschäft und ging mit einem Wägelchen dorthin.

Am Tag vor dem nächsten Erwerb einer neuen Eistruhe aber schloss Frau Nechel das Geschäft wie jeden Morgen auf. Die üblichen Kundinnen besuchten sie und gerade, als der Morgenandrang vorbei war, betrat ein Herr mit Spazierstock und Schnurrbart das Geschäft. Der Schnurrbart fiel Frau Nechel auf, denn nicht viele Männer trugen in diesen Tagen einen: manche führten den Schnurrbart mit sich herum wie alte Kartoffelschalen, die für die nächste Hungersnot aufgespart werden wollten, manche führten ihren Schnurrbart als Experiment aus, als Gesichtsdraisine, deren Effektivität erst noch getestet werden mussten und an deren Schrauben sie immerzu drehen mussten.

Ein zweiterer, dachte sich Frau Nechel, und wunderte sich kein bisschen, dass der Herr nur das Scherzel von einem Braten bestellte und mehr mit der Waage als mit Frau Nechel selbst zu handeln schien. Nachdem sie ihm das gewünschte Stück endlich einpacken konnte und ihr der Herr widerwillig das abgezählte Geld reichte, blieb er noch immer stehen und fixierte die Waage mit seinem Blick.

Noch einen Wunsch, der Herr? fragte Frau Nechel.
Könnt ich bitte eine Scheibe Wurst extra haben, für das Kind, fragte der Herr. Für welches Kind? fragte Frau Nechel und lehnte sich über die Theke. Ich seh kein Kind.
Das ist zuhause, bei der Frau Mama, sagte der Herr.
Wenn’S mit dem Kind ausgehen, können’S eine extra Scheibn haben, sagte Frau Nechel. Kein Kind, keine Scheiben.
Der Herr schickte sich nicht an zu gehen. Also, fing er wieder an, wenn ich morgen mit dem Ferdinand komm, dann kriegen wir eine Scheiben, ja?
Der Ferdinand, schnaubte Frau Nechel, der Ferdinand wird morgen kein Glück haben, morgen haben wir zu und übermorgen auch, erst am Montag kann ich überhaupt irgendwem eine Scheiben geben.
Aber warum haben’S den zu, ist jemand gestorben?
Im Gegenteil, sagte Frau Nechel, ich hol mir eine neue Eistruhe.
Ah, das verjüngt, gell, merkte der Herr mit bebendem Schnurrbart an.

Es ist gut, dass solche Leute Schnurrbärte tragen, dachte sich Frau Nechel, man würde sonst noch etwas in ihrem Gesicht sehen, so schaukelt ihnen der Schnurrbart nur als Kahn auf dem Gesicht herum.

Der Herr fiel in ihr Schweigen ein: Aber, Frau Nechel, wenn Sie sich so richtig verjüngen wollen, dann gehen’S doch zum Baron Cagliostro. Für ein bisserl Gold reduziert er Sie zurück in Ihr 18. Lebensjahr, mit Taille und allem drum und dran.
Sie haben ja Recht, sagte Frau Nechel, jetzt wo Sie es sagen. Ich schreib es mir gleich auf. Die Gulden, die ich in die Eistruhe investiert hätt, die trag ich lieber zum Baron. Sie werden sehen, wenn’S das nächste Mal mit dem Ferdinand vorbeikommen, dann gibt’s auch für Sie a Scheibn Wurst zum Dank, wenn Ihnen ein 18jähriges Fräulein Nechel entgegentritt.
Wie schön, sagte der Herr und ließ seinen Schnurrbart tänzeln, wie schön, ich bin gespannt, habe die Ehre, und ging endlich aus dem Geschäft.

Frau Nechel schnaubte. Das war ja klar, dachte sie, trägt seinen Experimentalschnurrbart zu mir rein, kauft das kleinste Stück Fleisch, das ich in den letzten Wochen hergegeben hab und glaubt, es liegt ihm jetzt das Geschäft samt mir zu Füßen. Wenn der wiederkommt, dachte sie sich, die Scheiben Wurst ist es mir wert, dass ich sie ihm auf seinen Schnurrbart fixier.

Abends, als sie sich endlich in ihr Bett legte, hatte sie den Herrn allerdings schon gänzlich vergessen, denn ihr Rücken wölbte sich zur Decke, zumindest fühlte es sich so an. Sie versuchte sich vorzustellen, ein Marienkäfer zu sein, mit einem in die Matratze hineingewölbten Rücken, rot mit Punkten, hart und vollkommen gesund. Auf so einem Rücken, da könnte man die Eistruhe morgen einfach festzurren und sie nach Hause tragen. Im Einschlafen kam es ihr vor, als wäre die Eistruhe schon an ihr festgebunden, aber statt sie munter mit ihrer Wirbelsäule nach Hause zu ziehen, zog die Eistruhe sie rückwärts zurück in fremde Keller.

Die Ahnung hatte sie nicht betrogen. Am nächsten Tag, nachdem sie die Eistruhe bezahlt hatte, durchfuhr sie, kaum zwei Straßen vom Abholort entfernt, der Blitz und sie musste als verhedderte Marionette stehen bleiben, jede kleine Bewegung ihrer Arme oder Beine schoß erneut kleine Kinderblitze durch ihren Körper. Sie bat Passanten um Hilfe und schließlich zog man sie, in der Truhe zusammengerollt, durch die Stadt und lieferte sie zuhause ab, wo ihr schließlich der Doktor drei Wochen Bettruhe verordnete.

Ihr Geschäft wurde in dieser Zeit von einer entfernten Verwandten aus der Vorstadt geführt, die bereitwillig den Käuferinnen Auskunft gab über das Missgeschick der Fleischhauerin. Die meisten natürlich bedauerten sie, richteten ihr gute Besserung aus oder gingen sie gar auf ihrer Krankenstatt besuchen. Alle paar Tage kam ein schnurrbärtiger Mann ins Geschäft, immer ein anderes Kind an der Hand führend, der sich ebenfalls nach Frau Nechel erkundigte und sich eine kleine Wurst einpacken ließ. Die Verwandte reichte dem Kind stets eine kleine halbe Scheibe Wurst, die sie verschnitten hatte, denn sie war nicht allzu geübt im Wurstschneiden. Doch egal wie sehr sie sich bemühte, dem Kind die Wurst so zuzustecken, dass es die Scheibe direkt in den Mund stecken konnte, der Mann schnellte immer hinunter, nahm dem Kind die Wurstscheibe aus den Fingern und dem bereits geöffneten Mund und schlang sie selbst hinunter. Mir merm ja sehm, sagte er kauend bevor er das Geschäft ohne Gruß verließ, ob sie mirklich als Achtzehmjährge zrückkommt.

Frau Nechel hatte nach den drei Wochen ihr Bett richtig satt. Schon nach ein paar Tagen hatte ihr die ursprüngliche Quelle des Schmerzes nicht mehr groß weh getan, dafür hatte sich alles andere so sehr verdreht und verheddert, dass sie am liebsten die ganze Zeit verschlafen hätte, aber es nicht konnte. Als sie schließlich für längere Zeit aufstand und sich anschickte, wieder das Geschäft zu übernehmen, musste sie feststellen, dass sich ihr ganzer Körper in diesen drei Wochen verlagert hatte, noch schlimmer, Teile von ihr mussten in der Matratze versickert sein, denn ihre Kleidung saß ganz seltsam auf ihr.

Ich bin schon eine schlecht gestopfte Wurst, dachte sie, während sie später hinter dem Ladentisch stand und ihr Gewicht immer wieder von einem schmerzenden Knie auf das gerade weniger schmerzende Knie zu verlagern. Sie sah an sich hinunter und strich sich über die Hüften, als könnte sie ihren Inhalt so ein wenig besser verteilen. Im Augenwinkel erkannte sie nur, dass jemand mit Kind das Geschäft betrat und bevor sie aufschauen konnte, hörte sie schon den Herrn von vor vier Wochen sagen: Aber, aber, das hat wohl nicht so gut geklappt mit dem Baron Cagliostro, Sie sollten Ihr Geld zurückfordern. Das ist übrigens der Ferdinand.
Ferdinand, geh hinaus, sagte Frau Nechel zu dem Kind, aber es reagierte nicht auf die Ansprache und der Herr hielt es fest am Handgelenk gepackt.

Na, na, na, sagte der Herr, was für einen Trank haben Sie denn da bekommen, man möchte ja meinen, Sie haben zwanzig Jahr Bitterkeit dazubekommen.

Wissen Sie was, sagte Frau Nechel, das Problem an den Menschen sind die Augen. Die Leut sehen zu viel, und was ist das Fatale daran? Ein Stück Fleisch muss schön hergerichtet sein, egal wie es schmeckt und so entgeht den Leuten mitunter der größte Genuß. Weil, so redete Frau Nechel weiter, weil wenn die Menschen einmal ihre Augen schließen täten und ausschließlich mit ihrem Mund ein Stück Fleisch kosten würden, da katapultiert es das Geschmackserlebnis auf ein neues Niveau, das sollten’S einmal ausprobieren, ich hab ein vorzügliches Stück Braten übrig, das tät ich Ihnen zum Gustieren geben, aber Sie müssen mir versprechen, dass Sie die Augen zumachen, sonst können’S es nicht richtig genießen.

Der Ferdinand auch? fragte der Herr.
Der Ferdinand kommt nachher dran, sagte Frau Nechel bestimmt, jetzt schließen’S einmal Ihre Augen, ich schneid Ihnen ein Stückl Braten ab.

Und so stand der Herr vor ihrem Tisch, den Mund unter seinem Schnurrbart doch recht weit geöffnet und wartete, während Frau Nechel in die Schüssel mit den eingelegten Pfefferoni griff, den roten, den extra scharfen, die nur ein paar wenige Kunden am Tag verlangten, und er wartete, während Frau Nechel mit den Pfefferoni in der Hand um den Tisch ging und sobald etwas seinen Lippen berührte, da konnte er es nicht mehr aushalten mit dem Warten und biss kräftig zu.

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