Was in meinem Körper wohnt

In meinen Zähnen wohnen kleine Kariesteufel mit Neptundreizacken, damit kratzen sie an den Zähnen. Sie sind mit freiem Auge nicht erkennbar, vielleicht für meine Zahnärztin, wenn sie im Scheinwerferlicht nicht schnell genug hinter die Zähne und in die Zahnfleischtaschen verschwinden, an den Zähnen ihre Tags, ihre Nonsensewörter, die Namen ihrer verstorbenen Haustiere und ACAB.

In meinem Brustkorb wohnt ein kleiner, ängstlicher Igel, der in den Interstellarmuskeln zwischen meinen Rippen herumläuft als würde er seiltanzen.

In meinem Darm steht eine Nutztierherde auf Wiesen, sie haben Hufe und manchmal fliegen Bremsen heran und versetzen sie in Panik, dann laufen sie, das Geklapper ihrer Füße wird vom Erdreich abgefedert, aber es vibriert doch der ganze Berg.

In meinen Ohren wohnen die Erinnerungen anderer Menschen, die sich an Souvenirständen am Meer große lackierte Spiralschneckmuscheln kauften, sich ans Ohr hielten und, das andere Ohr Richtung Meer weit aufgespannt, kicherten: Du, ich höre das Meer da drin rauschen.

In meinen Beinen leben Fische, die so tief unter der Baumgrenze, wo kein Sonnenstrahl mehr hindringt, dahinschwimmen, dass kein naturgeschichtliches Museum der Welt ein präpariertes Exemplar von ihnen besitzt; sie schwimmen langsam, denn dort unten gibt es selten plötzliche Ereignisse, mit den Vulkanen unter ihren Flossen haben sie sich früh schon abgefunden.

In meinen Sehnerven wohnen alle Insekten, die jemals die Luft zwischen mir und dem Troposphärenleintuch durchflogen haben, wenn ich hinaufschaue, sehe ich sie, besonders bei blauem Himmel, flirren und flimmern. Als ich ein Kind war, erntete ich die meiste Empörung mit der Aussage, ich könne die Luft sehen; ich habe nicht gelogen, denn ich konnte die Distanz bis zum nächsten Objekt begreifen, das war die Luft, ich sah sie ja. Jetzt weiß ich aber, es waren nur die Geister aller sich im Lauf der Jahrzehnte ins Haus verirrten Fruchtfliegen, sie bilden dieses seltsame Gallert, das wir atmen und das die Erwachsenen zu sehen leugnen.

In meinem Kopf wohne ich. Dass die Menschen in Köpfen residieren, ist vielerorts beschrieben worden und auch, wie man mit sich selbst durch den Körper wandern kann. Meistens rückt man aber auf einem Sessel am Linoleum hin und her. Man sitzt und wartet, oft nicht bequem. Ich würde gern auf dem Sofa Platz nehmen, das ich einmal im Internet ersteigerte und mühsam durch diverse Öffnungen in meinen Kopf getragen habe; aber dort schläft, in einem alten Sokol-Raumanzug, eine kleine dreifärbige Katze und die weckt man besser nicht.

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Ein Gedanke zu “Was in meinem Körper wohnt

  1. ‚Schon unter der Tür, frage ich Wray noch, ob man irgendwo in Brooklyn in ein schwarzes Loch geraten könne? «Nein», sagt er und lächelt. Aber in Wien? «Jederzeit!», meint Wray. Na also.‘
    (NZZ 30.11.2016)

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