Wie man mit Bäumen Freundschaft schließt

Mit Bäumen schließt man keine Freundschaft, denn man erfährt in den meisten Fällen nicht, wie sie dazu stehen. Manchmal lassen sie einen Ast fallen, in den meisten Fällen ist es aber den Umständen geschuldet.

Wenn ich aber mit Bäumen Freundschaft geschlossen hätte, dann wären es bislang drei Bäume gewesen.

Einer, der auf einem Spielplatz nahe der österreichisch-ungarischen Grenze stand. Vielleicht steht er noch immer dort, allerdings wuchsen auf diesem Spielplatz nach Ablauf meiner Kindheit immer mehr Spielplatzgeräte aus dem Boden und verdrängten die Bäume. Verdrängten den Holztisch, auf dem eine Andrea ihre brennende Zigarette zwei Minuten lang unter ihrer Handfläche hielt, weil ihre Tante vorbeispazierte, verdrängten all diese Bäume, an deren Gesichter ich mich nicht mehr erinnern kann und verdrängten auch den Totenbaum. Der Totenbaum war ein Totenbaum weil er ein Gesicht trug, das aus zwei kompletten Zahnreihen, zwei Nasenlöchlein in einer Schädelrinde, zwei Augenbaumstammlöchern und Ohrenlöchern bestand. So wie einem Mensch das Fleisch wegschmilzt, wenn er tot ist, so war der Baum ein Überrest eines Menschen, der zuerst in einen Baum verwandelt worden war und dann seinem Menschenfleisch beim Zerfließen zusehen hatte müssen. Auf der Rückseite seines Baumstammes hatte er einen Hintern, was nicht ganz ins Konzept passte, aber ich erinnere mich es als Argument in Vorträgen, die ich anderen Kindern vor dem Totenbaum über den Totenbaum hielt, verwendet zu haben, um darauf hinzuweisen, wie sehr der Baum einmal ein Mensch gewesen sein musste.

Der zweite Baum meines Lebens war ein Marillenbaum in einem Garten. Der Marillenbaum war der jüngste und kleinste in einer Reihe aus drei Marillenbäumen, zwischen denen Wäscheleinen gespannt waren. Er wurde nie kaum größer als ich und bevor ich erwachsen war, wurde er zerkleinert und aus dem Boden gerissen, denn bei Bäumen in Volksschulkindgrößer kann man noch nicht vom Fällen sprechen. Ich erinnere mich sehr an seine Rinde und glaubte lange, die Rinde wäre für Marillenbäume typisch, aber ich habe keinen Baum mehr getroffen, der eine solche Rinde hatte: ablösbar mit Kinderhänden, zerfurcht wie ein Meer im Winter, überwachsen mit winzigen Flechten, gerade so rauh, dass die Erinnerung daran die Fingerkuppen kräuselt, aber nicht rauh genug, um die Haut zu verletzen. Ich saß oft darauf, denn er wuchs verdreht mit eingebauter Sitzfläche für Kinder in Gesäßhöhe und hätte mir einen solchen Baum (der natürlich mit mir mitwachsen hätte müssen) für mein ganzes Leben gewünscht. Er trug eine Handvoll Marillen in guten Jahren.

Der dritte Baum ist ein Baum, den ich noch nicht lange kenne und der mich nie kennenlernen wird, denn seine Augenhöhe liegt ein zweistöckiges Zinshaus über meiner. Wir können uns nicht unterhalten, aber ich merke ihn mir, ich merke ihn mir vom ersten Moment an, wo ich erkenne, dass zu seinen Wurzeln der erste, dessen Tod mir das Herz angeknackst hat, gelegt wird, ich merke ihn mir ab dem ersten Gedanken darüber, dass vielleicht manchmal ein Mensch gut verwesen kann und durch Sarg und Erde seine winzigen Bestandteile zu den Wurzeln finden können. Ich schaue in alle Richtungen, in die sich der Friedhof weiter erstreckt und finde keinen größeren Baum: die einzigen, die ihn überragen stehen auf einer Anhöhe und sind, würde man sie messen, nicht größer. Es ist ein winziger Trost, wenn jemand, den man beständig innerlich als Größten unter den Anwesenden ermisst unter einem größten Baum vergraben wird. So ein winziger Trost, dass er keine Wärme spendet, sondern mehr als Motte im Kopf gegen das eingeschaltene Licht fliegt und summt: der größte Baum, der größte Baum, der größte Baum.

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