Warum man eine Bestattungsversicherung abschließt

Manchmal geht man über Friedhöfe. Die Stellen zwischen Grabsteinen und Grabumrandungen, zwischen staubvioletten Feuerwerksblumen und den kleinen Holzpfeilen von Gärtnereiunternehmen, die frei sind, das sind keine freien Grabstellen. Es sind keine Gänge, über die man treten darf, weil man Angst hat, jemand Fremden über das Grab zu laufen: wer über die Wiese läuft am Friedhof, der läuft über ein Grab.

In der Wiese sind Menschen vergraben worden und die Grabnutzungsverträge sind ausgelaufen. Die Standardgrabnutzungsdauer beträgt 10 Jahre, man kann sie verlängern. Von meiner Zwillingsschwester habe ich erst erfahren, da war ihr Grab schon einige Jahre abgelaufen. Die Bestattung Wien hat eine Online-Grabsuche, in der ich alle Namen suchen kann, über die niemand mehr spricht. Manche leben länger in der Online-Grabsuche, als sie dürfen. Meine Schwester war bis vor ein paar Jahren in der Datenbank. Von Zeit zu Zeit hab ich ihren Namen eingegeben, nachgeschaut, ob sie noch in dieser Datenbank lebt. Eines Tages war sie fort. Ich schrieb eine E-Mail. Man antwortete mir, dass es wohl ein Versehen gewesen sein musste, dass sie überhaupt drin war.

Die Friedhöfe wurden an den Stadtrand gedrängt, der Wiener Zentralfriedhof ist riesig, meistens bekomme ich Beklemmungen, bis ich am äußeren Rand des Friedhofs angekommen bin, wo ein Stück Wiese frei ist, zwischen jemandem, der irgendwas mit Apfel heißt und noch jemand anderem.

Dort, so sagte es der versehentliche Eintrag in der Datenbank, wurde meine Schwester begraben. Zwischen Familiensammelgräbern, Erwachsenengröße.

Was macht jemand, der noch nie größer war als ich selbst (und ich bin nicht groß) in einem Erwachsenengrab? Manchmal stelle ich Fragen an Personen, die es vielleicht wissen und frage: nach 30 Jahren, wieviel ist da von einem Baby übrig? Nicht viel, wahrscheinlich, sagen sie und zucken ratlos mit den Schultern, es kommt auf den Boden drauf an. Und dann erzählen sie mir von Experimenten, bei denen in Wien in Hinterhöfen Schweine mit Jeans eingegraben und von Zeit zu Zeit ausgegraben wurden, um zu sehen, wie schnell Schweine mit Kleidung verwesen.

Als ich 27 Jahre alt bin und mich schon länger zu Tode fürchte, fällt mir auf, dass mein Tod kein gesicherter ist. Die Personen, die mich vielleicht gern bestatten würden, haben weder das Recht, noch das Geld dazu. Die Personen, die mich bestatten müssten, würde ich jetzt sterben, würden einfache Varianten wählen. Ich sehe mich unter einem Stück Wiese liegen, aufgelassen, über das die Menschen manchmal gehen, weil sie glauben, es ist ein Weg und kein Grab. Ich sehe mich langsam unter der betretenen Wiese verfaulen, weil niemand zur Kenntnis genommen hat, dass ich gerne verbrannt würde. Ich bin die Person, die mich am allerliebsten gerne selbst bestatten würde, schließlich verbringe ich viel Zeit mit mir. Und mit Friedhöfen. Man ist länger als Toter auf dieser Welt als man lebt.

Mein Termin zur Beratung beim Versicherungsableger, der Bestattungsversicherungen verkauft, fällt auf Halloween, das fällt mir erst auf, als ich dort bin. Aus den Nebenzimmern kommen Angestellte ins Büro „schauen“, weil ich so jung bin und zumindest gesund wirke. Bevor ich hinausgehe, sagt mir der Berater: Wenn ich das sagen darf, Sie riechen sehr gut. Er schreibt mir später eine SMS, ob ich mit ihm was trinken gehen will und später im Jahr wünscht er mir frohe Weihnachten.

Ich möchte kremiert werden, der Friedhof zweiter Wahl der Meidlinger Friedhof, weil ich auf diesem Friedhof groß geworden bin, heimlich, wenn ich die Schule geschwänzt habe. Friedhof erster Wahl ist der Zentralfriedhof und seit meine Schwester aus der Datenbank gelöscht wurde, sehe ich in meiner Versicherungspolizze nach, wo sie liegt, denn damals habe ich als mein Wunschgrab ihres aus der Datenbank eingetragen. Manchmal, wenn ich Katzenasche zu vergraben habe (und das war in letzter Zeit recht oft), gehe ich nachschauen, ob mein Grab noch frei ist oder ob sich jemand anderer dorthin gelegt hat. Manchmal denke ich nach, ob ich dieses Grabnutzungsrecht bereits erwerben möchte, neben Katzen und Schwester nicht ein potentielles, sondern ein fixes Grab und damit einen winzigen eigenen Schrebergarten haben will.

Seit ich Besitzerin einer Bestattungsversicherung bin, bekomme ich auch jährlich Post und Anrufe dieses Unternehmens: Ob ich nicht auch Bestattungsversicherungsverkäuferin werden möchte, denn ich bin ja noch nicht tot und ich habe die Wichtigkeit der Bestattungsversicherungen erkannt. Ich nehme diese Briefe freundlich zur Kenntnis.

Jemand wie ich wird sich niemals eine Eigentumswohnung oder gar ein Haus leisten können. Keinen Garten, kein Wohnmobil, keine Tierpatenschaften im Zoo mit Namensschildern. Die monatliche Rate für meine Begräbniskosten geht sich gerade so aus. Sterben ist so teuer, dass ich mir nach zehn Jahren (ich bin in Jahr 4) gerade das Standard-Basis-Begräbnispaket holen könnte. Wenn ich mich aber anstrenge und lang lebe, dann darf ich mir den tröstlichen Gedanken erlauben, dass ich mir da etwas Kleines aufbauen könnte. Ein Grabnutzungsrecht, länger als zehn Jahre; einen Grabstein aus weißem Stein, in den der Name so sacht eingraviert ist, dass er genauso schwer zu lesen ist wie Seriennummern am Ipod Shuffle und ich die Hoffnung haben kann, dass, wenn jemand einmal vorbeikommt, diese Person dann die Augen zusammenkneift, sich bückt, hinkniet, mit dem Mobiltelefon hinleuchtet und sich schrecklich abmüht, um diesen elenden Scheißnamen endlich ablesen zu können.

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