Wie Menschen ohne Angst leben

Man kann versuchen, den angstlosen Zustand mit Astronauten (haben keine Angst, weil alles festgeschrieben) oder Staubsaugern (haben keine Angst, weil innen immer voller Staub) oder unbeleuchteten Globen (haben keine Angst, weil sie ihre Außenseite selbst nicht lesen können) zu vergleichen.

Meistens erkennt man den angstlosen Zustand ohnehin nur hinterher, wenn man auf etwas gestoßen ist, das noch nicht beschrieben wurde (Astronaut) oder die Staubfangkammer ausgeleert wurde und jetzt Platz ist für alles, was man nicht unter dem Bett vermutet hatte (Staubsauger) oder jemand plötzlich den Stecker einsteckt und man sitzt da und buchstabiert: R A T A A B N A A L U (Globus).

Menschen, die die Angst nicht kennen, stelle ich mir vor wie Astronauten, die zum dritten Mal zur ISS fliegen, nichts passiert, die Gedanken in ihren freien Sekunden nur bei Freunden in der Schwerkraft oder den Orangen im Gepäck. Ich stelle sie mir vor, wie Staubsauger, die vollgesaugt sind und die aufgesaugten Haarbüschel und Cellophanwürstel verstopfen schon alle Münder, aber es ist noch genug Saugkraft da, den allerwichtigsten Dreck einzusaugen, aber es ist nicht mehr genug Kraft, die Vorhänge, das Kopfhaar des Kindes, den Staatsbürgernachweis, die Socken einzusaugen. Niemand steckt den armen, dunklen Globus an.

Ich vermute, die Menschen ohne Angst leben gut. In meiner Vorstellung gehen sie fröhlich durch den Regen, bekommen davon nie Lungenentzündung, springen mit Regenschirmen von Hausdächern, zeugen Kinder, steigen alle zwei Stunden in ein Flugzeug und trinken Getränke mit Algen und Baobab. Sie öffnen Bierflaschen mit ihren Zähnen (auch wenn mittlerweile alle zum aufdrehen sind), sagen ihren Mitmenschen, was sie von ihnen halten und lenken Autos. Sie kandidieren für Ämter, schnippsen fremden Menschen an der Ampel von hinten an die Ohrläppchen und schmeißen ihre Rechnungen in den Papiermüll, ohne sie vorher zu zerreißen. Sie schlafen bei laufendem Fernseher vor einem brennenden Kamin ein, ohne im Bad das Licht auszuschalten. Im Sommer schlafen sie überhaupt ohne Bekleidung ein, bar jeder Vorstellung durch ein starkes Erdbeben aus dem Tiefschlaf gerissen zu werden und dann ohne eine Sekunde zu verlieren, denn überall an den Wänden bilden sich schon Risse, splitterfasernackt aus dem zweiten Stock springen zu müssen. Ohne Regenschirm, diesmal.

Menschen ohne Angst müssen ihre Geborgenheit aus Umgebungswärme, Zucker oder Hormonen generieren. Niemals werden sie mit nassen Socken in ein Loch unter dem Solarplexus fallen, dessen Wände mit „du wirst sterben, weil jeder sterben muss, es können dich soviele Schmerzen erwarten, die du dir alle noch gar nicht vorstellen kannst, es gibt keinen Halt, du wirst für immer fallen, fallen fallen“ tapeziert sind und alles was man im Vorbeifallen erkennen kann ist „all, all, all“, weil die Taschenlampe am Handy nicht funktioniert, man drückt immer auf das kleine Flugzeug, Flugzeug aus, Flugzeug an, dabei hat man noch nie eines betreten, weil es einem absurd erscheint, inmitten von gefüllten Staubsaugern in einem solchen 3 km über dem Boden zu fliegen und jede Sekunde herabfallen zu können, und man liest nur „all, all, all“ wie ein Astronaut, den man ungeschult und ohne Unterlagen in eine Rakete gesetzt hat und niemand hat ihm vorher erzählt, dass einem die ganze Zeit schwindlig ist und man sich die ganze Zeit dreht und dreht und dreht, während die Buchstaben auf dem leuchtenden Globus zu Kondensstreifenschatten verschwimmen. Aber niemals werden sie aus diesem Loch mit warmen, dampfenden Socken herausfallen, auf ein Stück trockene Wiese, während sie die Schranken und Hausschilder doppelt scharf wahrnehmen, der Zeitungsständer, der Winterstreubehälter, die zerstörten Parkbänke im Innenhof eines Gemeindebaus, alles sieht aus, als hätte man eine neue Brille bekommen, den Globus hat man angehalten und man kann die Städte erkennen, man kann erkennen, wieviele Menschen in diesen Städten wohnen, das Licht des Globus ist das Licht der tausend beleuchteten Fenster von Wohnungen, in denen Menschen sitzen, die von ihrer Angst nach Hause gekommen sind und jetzt alles in ihrem Wohnzimmer doppelt scharf wahrnehmen und alles ist an seinem richtigen Platz, die Füße sind trocken, der Atem geht unbeachtet in all seine Lungenbläschen und kurz ist alles angefüllt mit dem Staub der kleinen Dinge, an denen man sich festhalten kann, die Löcher sind alle geschlossen und die Betriebsanleitung der Rakete liegt am Wohnzimmertisch. Und niemals werden Menschen ohne Angst so glücklich sein können über diese Betriebsanleitung, wie jemand, der sich gerade selbst aus dem Staubsaugerrohr des Weltalls gepflopft hat.

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