Warum es viele Miniaturen gibt

Wie groß ein Mensch wird, macht man an seiner Umwelt fest. Viele Menschen orientieren sich an Eltern und Straßenbahnhaltegriffen. Andere wissen: solange die Socken anständig sitzen und das Butterbrot größer ist als der Mund, ist alles in Ordnung.

Die meisten Menschen sind sich aber dann doch selbst zu klein. Sie schlagen ihre Kinder, weil sie wissen, dass sie selbst zu klein sind, um die Gesetzgebung eines Landes zu ändern. Sie bauen Modelleisenbahnen, weil die Strecken der großen Lokomotiven von anderen längst festgelegt sind. Sie essen von kleinen Tellern, weil sie sich damit schneller satt fühlen und sie errichten die Sehenswürdigkeiten anderer Länder in ihrem eigenen Vorgarten, weil die Distanz zu diesen Bauwerken fünf Millionen mal größer ist als die Distanz von ihren Augen zu ihren Zehen und es schon genug schmerzt, wenn sie einmal umfallen.

Uhren sind aus demselben Grund erfunden worden: Der Mensch ist klein im Lauf der Zeit, Gestirne weit und riesengroß über ihm, selbst die Bäume viel höher und die Kirchenglocken größer als ihre Köpfe, in den meisten Fällen. Die Uhr ballt die Zeit auf eine annehmbare Größe zusammen: zuerst so groß noch wie das Bett, in dem Johann Bozik aus dem Herzogtum Teschen, viele Jahre geschlafen hat; später nur noch so groß wie sein Kopf, bevor ihm die Augenbrauen immer dunkler wurden; noch viel später konnte Johann die Zeit in seiner linken Hand halten wie eine frisch geerntete Walnuss, deren Rückstände der Außenschale seine Handfläche braun verfärbten und es drei Tage dauerte, bis nichts mehr davon zu sehen war.

Johann war groß auf die Welt gekommen, so groß, dass seine Mutter selbst ihm noch von den Schmerzen der Geburt erzählte; so groß, dass er die Mühle seines Vaters schon früh als sein persönliches Spielzeug ansah, obwohl doch das Dach der Mühle höher hing als der höchste Ast, der er auf den Nussbäumen daneben erreichen konnte. So groß, dass er lange Zeit nicht begriff, dass die anderen ihn als den Kleinen ansahen, dass der Vater zu ihm von oben herab sprechen wollte und die Mutter ihn so handlich auf ihrem Schoß wissen wollte, aus Angst, noch einmal dieselben Schmerzen durchleben zu müssen, wenn Johann noch einmal denselben verlassen würde.

Das Mühlrad seines Vaters war ihm bald zu klein, denn nachts, vor dem Einschlafen, da schien es ihm, als könnte er es sich über den Ringfinger ziehen. Er schleppte nach der Schule Baumstämme an den Platz neben der Mühle und baute ein größeres, eines, das ihm angemessen groß erschien und die Mühle noch dazu. Der Vater sah ihm zuerst staunend zu: er meinte, der Sohn würde wohl einen Zaun errichten. Aber als er sah, dass auch innerhalb und außerhalb des vermeintlichen Zaunes alles voller Streben und Balken war, da fragte er zuerst Johann, was er denn anstelle, worauf Johann antwortete: eine Mühle bauen, die groß genug für mich ist. Der Vater ohrfeigte Johann und schließlich das Mühlrad, so dass es zerfiel, entrüstet darüber, dass sich sein Sohn größer glaubte als der Vater.

Der Vater, so meinte Johann, dachte vielleicht, er wäre zu klein für die Mühle. Er beschloss, einen Vater zu bauen, der groß genug für die Mühle wäre, die wiederum Johann groß genug erschien. Der Vater müsse seine eigene Größe erst bemerken können, meinte Johann, und ein nachgebauter Vater der dem Originalvater auch noch in die Augen sehen könne, wenn dieser nachts in seinem Bett lag und das Mühlrad still stand, würde ihm doch wohl am meisten bei dieser Einsicht helfen können. Und wieder trug Johann nach der Schule Baumstämme zusammen, denn mit Holz wusste er mittlerweile schon einigermaßen umzugehen. Der Vater beäugte das Tun seines Sohnes misstrauisch. Johann hatte den Nachbauvater zuerst in Teilen fertiggestellt, die Arme und Beine lagen im Garten rum, die Nase und die langen Sägespäne, die den Schopf des Vaters bilden sollten, lagen noch neben seinem Gesicht. Erst als er alle Teile beisammen hatte, stieg er auf eine Leiter und baute den Vater zusammen.

Als der Vater abends aus seiner Mühle trat, sah er in der Dämmerung einen seltsamen Baum vor sich stehen: fünfmal so groß wie sich selbst und ganz kahl, wo doch gerade Frühsommer war. „Johann!“ rief der Vater und Johann antwortete neben ihm, er hatte ihn nicht gesehen, er war doch so klein und es war schon so dunkel. Was das sein solle, fragte ihn der Vater. „Das, Vater, bist du“, sagte Johann. „So groß, wie du eigentlich bist.“ Der Vater schaute auf den Vaterbaum und er sah vor sich nur die Kniegelenke, die Ähnlichkeit mit dem Mühlrad hatten. Ich bin ihm also zu klein, dachte der Vater, ich bin sogar meinem kleinen Sohn zu klein, er muss sich einen riesigen Vater bauen. Sein Vater rannte so schnell zwischen die Beine des nachgebauten Vaters, dass Johann keine Zeit mehr blieb, noch etwas anzufügen – schon hatte der Vater sich zuerst den Fuß wehgeschlagen an den massiven Vaterbeinen und dann, vor lauter Wut, seine Lampe über dem linken Vaterfuß zerbrochen und damit den großen Vater in Brand gesetzt.

Der große Vater brannte die ganze Nacht, das Feuer griff auf die Mühle über. Der kleine Vater weinte und sagte seinem kleinen Sohn, er müsse gehen, er wolle ihn nie wieder sehen, er solle ihm nie wieder unter die Augen treten.

Johann Bozik packte sein Werkzeug zusammen und verließ die Familie. Er ging weiter zur Schule und versuchte seinen Lebensunterhalt mit seinen handwerklichen Fähigkeiten zu bestreiten. Jetzt hatte er gelernt, dass er die Menschen mit großen Konstruktionen verärgerte, er musste sich auf Kleineres verlagern. Außerdem hatte er nun nicht mehr den Platz im Garten, sondern nur ein gemietetes kleines Zimmer zur Verfügung. Und so schnitzte und bastelte er auf Auftrag der Kunden die Dinge, die sie sich gewünscht hatten, als Miniatur. Nicht immer war die Miniatur als solche gewünscht, aber selbst die Pflüge und Webstühle, die er für Kunden herstellte, die eigentlich einen großen Pflug oder einen großen Webstuhl bestellt hatten, verzückten die Menschen sehr, sobald Johann ihnen ihren Miniaturpflug oder Miniaturwebstuhl überreichte. „Den kann ich ja in unsere Puppenstube stellen!“ riefen sie begeistert aus. Drei Tage später kamen sie wieder und zeigten den kleinen Teppich vor, den sie mithilfe des kleinen Webstuhls gewoben hatten und überließen Johann soviel Geld, als würden sie für einen echten Webstuhl zahlen.

Viel Geld war auch das freilich nicht und so kam es, dass Johann, als er einmal nach Olmütz kam und den Auftrag bekam, die dortige Uhr am Rathaus (die so groß war wie sein Vaternachbau damals, weswegen ihn eine eigenartige betrübliche Stimmung überkam) zu reparieren, die Kaution dafür nicht bezahlen konnte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Uhr nochmal als kleines Modell nachzubauen und die Reparaturen mit Streichhölzern vor den Augen des Olmützer Bürgermeisters nachzuspielen. „Aha“, sagte der Bürgermeister und wies Olmützer Handwerker an, die Uhr zu reparieren, Johann bekam einen Laib Brot geschenkt, der doppelt so groß war wie sein Kopf und wurde heimgeschickt.

Johann war nun ein junger Mann und hatte schon viel von der Welt begriffen. Dass die Leute immer zuerst wütend werden, wenn man etwas Größeres baut. Dass es besser ist, kleinere Dinge, ja vielleicht sogar winzige herzustellen, denn je winziger etwas ist, desto mehr schmeichelt es den Menschen, weil sie sich daneben größer fühlen. Und, dass er damit gar kein schlechtes Brot verdienen könnte, denn, so sagte er sich, solang das Brot doppelt so groß ist wie man selbst, solange nagt man nicht am Hungertuch.

Sein Leben lang baute Johann kleine Maschinen, Uhren und andere Konstruktionen nach: manche fanden ihren Einsatz in Puppenstuben, manchmal ersetzte jemand seine Maschine durch eine Miniatur von seiner Hand, um sich beim Arbeiten größer zu fühlen; es kam auch vor, dass ein Kapellmeister zu ihm kam und sich wünschte, doch den Tambour als kleinen mechanischen Trommler nachzubauen, weil ihm dieser in echt um zwei gefühlte Köpfe überragte. Johann tat dies gerne und zur vollsten Zufriedenheit des Kapellmeisters, der sich endlich vorne am Zug der Musikkapelle wieder richtig groß fühlen konnte, denn das Geräusch der Miniaturtrommeln übertönte das Pfeifen seines Dirigierstabes nicht länger.

Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Bozik,_Johann

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