Wie man sich früher den Jahreszeiten entbinden wollte

1922 beschrieb Zhu Ziqing wie ihm die Lebenstage in Waschbecken und Reisschüssel verloren gingen, was ihn besonders verwunderte, denn zumindest die Reisschüssel hatte keinen Abfluss. Er monierte, dass die Tage nicht zurückkämen, so wie die Schwalben, die Blätter und Blüten und an die Wand geschlagene Bälle. Hier übersah er allerdings, dass niemals dieselben Schwalben zurückkommen, nie dieselben Blätter nachwachsen und man manchmal einen Ball an die Wand wirft und dieser als Ermahnung zurückprallt.

Die Lebenstage gehen sehr wohl mit den Jahreszeiten verloren. Blätter fallen wie Gelenksflüssigkeit aus den Bäumen, immer mehr Nebelkrähen tauchen als Rechnungen im Briefkasten auf, Marienkäfer sterben ab in den Haarballen, die sich aus all den ausgefallenen Haaren tagtäglich an den Zimmerkanten aufbauschen. Im Frühling und im Herbst hört man überall nur Totenglocken: Zeiten, in denen der Wechsel der Oberbekleidung eine so große Veränderung verursacht, dass man lieber aufgibt.

Früher hat man versucht, den Lauf der Jahre aufzuhalten, indem man im Winter Eis aus den Flüssen hackte. Der Winter ist die klarste Jahreszeit von allen: man hört alle Geräusche durch Schnee und Kälte lauter und eindeutiger, man spürt die Umrisse des Körpers am ehesten, da dort die Kälte als erstes zu schmerzen beginnt. Warum also nicht im Winter damit beginnen, das Jahr festzuhalten?

Das im Winter ausgehackte Eis wurde in Kellern gelagert und nur stückweise wieder ausgeliefert und in Schubladen gesteckt. Dort in den Eiskästen kühlte es die Schnitzel, als würde es für immer Winter bleiben. Manchmal vertrauten die Menschen den eingelagerten Eisblöcken zu sehr, sie spazierten mit einem Maßband über den leergehackten Fluss, die Algen knackten unter den Schuhen und legten mit Steinen Begrenzungen der zukünftigen Grundstücke. Sie sahen kleine Holzverschläge und Pelargonien in neuen Gärten vor dem inneren Auge erwachsen, vergaßen aber, dass damit die Zeit weiterlaufen würde: als die ersten Pelargonien gesät waren, kam die Frühlingsflut und wusch sie durch die provisorischen Gartenzäune hinaus in Abschnitte der Flüsse, die niemals leergehackt worden waren. Diejenigen, die sich retten konnten, starben an Stickfluss oder Lungenentzündungen, die Totenglöckchen bimmelten, der Frühling war ins Land gezogen.

Im Sommer konnte man dennoch in die Keller hinabsteigen und die Hände auf die Eisblöcke legen, als wären sie ausgestopfte Mammuts. Die zeitliche Veränderung wurde zu einer räumlichen: in den Untergeschoßen war es Winter, am Dach verbrannte man sich allerdings die Fußsohlen und Handflächen am Blech, die Sonne brannte Falten in die trockene Haut. Mit jedem Schritt, den man eine Kellerstiege hinaufstieg, verlor man binnen Sekunden mehrere Tage, durch die offene Kellertüre wehten rote Ahornblätter, Marillenblüten und Bucheckerungetüme herein; man ging als Kind in den Keller, das Mammut angreifen und kam, langsam und sich am Geländer abstützend, als Greis wieder aus dem Untergrund hervor.

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Ein Gedanke zu “Wie man sich früher den Jahreszeiten entbinden wollte

  1. Ja, genauso kam man aus den Tonnengewölbekeller des über 400 Jahre alten Hauses meiner Großmutter nach oben, auch wenn dort kein Eis, aber die Kühlkissen des Herzens der nicht vergangenen, sondern – und das spürte man beklemmnd erleichtert – der kommenden Zeiten gelagert wurden, dass man, nachdem sich man durch den steilen Steinklamm von Treppe wieder aufwärts getastet hatte, aufatmend in die lichte Wärme der Erns blinzeln konnte, wie jemand, der nur deshalb scheinbar einem Leben entkommen war, weil er vorab von dessen Sinn entbunden worden war.

    (P.S.: Falls du es nicht schon hast: In der aktuellen ZEIT von heute handelt das ZEIT-Magazin über Wolken …)

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