Wie es kam, dass Ignaz Schmedla blühte

Schmedla, Ignaz (Porträtmaler, Geburtsort und Jahr unbekannt). Blühte in den Dreißiger-Jahren des laufenden Jahrhunderts. Dem Namen nach und nach dem Orte seiner Wirksamkeit ein Böhme. Nagler berichtet nichts weiter von ihm, als daß er Porträtmaler in Prag war, um 1830 blühte und sich zahlreiche Bildnisse seiner Hand finden. Andere Quellen kennen und nennen diesen Künstler nicht.“
(Quelle: https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Schmedla,_Ignaz)

 

Bereits in den 1830er Jahren, als die Karlsbrücke in Prag noch nicht Karlsbrücke hieß, waren Porträtmaler an ihren Geländern aufgereiht wie Gänseblümchenköpfe, deren Stiele man aneinander geknotet hatte. Nur waren die meisten dieser Gänseblümchenköpfe, die da hinter Staffeleien und andrem Arbeitsmöbel saßen, keine richtigen Gänseblümchenköpfe, sondern kahlgerupfte Sonnenhüte.

Unter ihnen war auch Ignaz Schmedla, der irgendwo geboren war und als er sich seinen Kollegen auf der Brücke vorstellte, da nickten sie, denn ein Schmedla, dachten sie, das war vermutlich ein Landsmann. Tatsächlich war die Muttersprache von Ignaz Schmedla deutsch und während seines Aufenthaltes in Prag war einiges Tschechisches in seine Ohren gerutscht, nur so richtig reden traute er sich nicht.

Da saßen sie also den ganzen Tag lang und malten Porträts von Menschen, die sich vor ihnen hinsetzten, manche freilich nur versehentlich, weil ihnen die Füße weh taten. Ignaz Schmedla war ganz besonders eifrig und an den meisten Sommertagen brannten abends seine Hände und Unterarme, denn sie hatten unter seinem Sonnenhut hervorgeguckt. Immer wieder dachte er abends „morgen packe ich mir Handschuhe ein“, aber entweder er vergaß es oder er vergaß es nicht, zog die Handschuhe an und zog sie sofort wieder aus, denn Handschuhe auf Sonnenbrand an einem heißen Sommertag sind sehr unangenehm.

Eines Tages rollte etwas Riesiges auf die Porträtmaler heran und die anderen, die hinter dem riesigen Rad einen Freund erkannten, grüßten ihn schon laut in die Ferne. Ignaz Schmedla war vertieft in das Porträt eines kleinen Kindes, das partout nicht an der Hand seines Vaters die Brücke überqueren wollte und sich vor ihm trotzig schreiend niedergesetzt hatte. Der Vater versuchte Ignaz Schmedla zu erklären, dass er nicht zu malen hatte, aber Ignaz Schmedla malte weiter, denn er verstand nur halbe Sätze und der Vater war zudem mit dem greinenden Kind sehr beschäftigt.

Das riesige Rad war indes herangerollt und wurde johlend von den anderen Malern umringt. Ignaz Schmedla malte den Trotzrotz, der dem Kind aus der Nase fuhr. Schließlich aber hob der Vater sein Kind auf und trug es fort. Da konnte Ignaz Schmedla endlich den Kopf heben und sich ansehen, was herangerollt war: Es war eine Riesenrafflesie.

Wie er später aus den Nacherzählungen, seinen Notizen und seinem kleinen Handwörterbuch erfuhr, spielte der Bekannte, den die anderen nur Jiri nannten, eine Rolle in einer Operette. Die Operette erzählte eine Liebesgeschichte zwischen einem Astronom und einer Einheimischen auf der Venus und weil gerade nun Reisebilderbücher sehr berühmt waren, vor allem wenn sie ferne Fauna und Flora zeigten, so hatte man das Bühnenbild kurzerhand nach den Darstellungen der südostasiatischen Pflanzenwelt gestaltet. Auf der Venus würden gewiss auch die Pflanzen singen können, also hatte man nicht die gesamte Rafflesie nachgebildet, sondern einen Hut aus Pappmaché gebaut, den Jiri beim Singen tragen sollte, denn Jiri sollte die Riesenrafflesie, mit der die einheimische Hauptdarstellerin eng befreundet war, spielen. Jiri aber hatte eine hypermobile Halswirbelsäule und konnte den Rafflesienhut nicht länger als zwei Minuten am Stück tragen. Also wurde ein weiterer Rafflesienhut, nur kleiner und leichter, extra für ihn angefertigt.

Die Riesenrafflesie stand nun untätig in der Ankleide herum und als sich ein anderer Sänger an ihr den kleinen Zeh prellte, wurde beschlossen, die Rafflesie zu entsorgen. So rollte Jiri schließlich mit der Rafflesie über die Brücke, wurde von seinen Freunden aufgehalten und schließlich der Rafflesie enthoben.

Ignaz Schmedla hatte zugesehen, wie sie reihum die Rafflesie auf dem Kopf getragen und sich dabei im Kreis herumgedreht hatten wie eine junge Frau im Schwingrock. Vincenc musste sich gar an den Waden des heiligen Nepomuk festhalten, um nicht vom Gewicht der Rafflesie in die Moldau gekreiselt zu werden. Auch Ignaz hatte die Rafflesie schließlich aufgesetzt bekommen und zufrieden hatte er auf seine Hände geblickt: sie waren ganz im Schatten.

Als Ignaz Schmedla am nächsten Morgen auf die Brücke kam, da hatte Vincenc schon die Rafflesie auf und in eines ihrer Kronblätter hatte er Löcher gebohrt, in denen seine Pinsel befestigt waren. Ignaz beneidete ihn. Er richtete seinen Arbeitsplatz her und gerade, als er begann, eine Libelle zu malen, die sich auf dem Sessel vor ihm niedergesetzt hatte, da wurde er in den Schatten der Rafflesie getaucht. Er solle sie nehmen, erklärte Vincenc und deutende abwechselnd auf seinen Hut und auf Ignaz, schließlich wären seine Hände so rot wie die Blütenblätter der Rafflesie.

Seit diesem Tag hatte sich Ignaz Schmedla kein einziges Mal mehr die Hände verbrannt, obwohl er ununterbrochen ganze Sommertage durch auf der Brücke saß und malte. Immer mehr Menschen nahmen freiwillig und absichtlich auf dem Posiersessel Platz, denn, wie sie lachend erklärten, der Ignaz Schmedla, er blühte und während man still sitzen musste, so konnte man zumindest ein seltenes Pflanzenexemplar von der Venus begutachten.

Manchmal tat ihm zwar abends der Nacken gehörig weh, aber Ignaz hatte sich so schnell an die Rafflesie gewöhnt, es fiel ihm manchmal erst vor der Haustüre auf, dass er sie noch trug, und auch hier fiel es ihm nur deswegen auf, weil die Rafflesie breiter war als der Türrahmen.

Eines Tages ließ sich ein älterer Herr im Anzug vor seiner Staffelei nieder. Sie nickten einander zu und Ignaz Schmedla begann zu malen. Bevor er ging, fragte der Herr ihn noch auf deutsch, wie er hieße. Ignaz Schmedla, sagte Ignaz Schmedla und da reichte der Herr ihm seine Visitenkarte, hob seine Hände, schüttelte sie, machte dazu ein Froschgesicht und empfahl sich. Auf der Karte stand: Georg Kaspar Nagler, Kunsthistoriker zu München und Ignaz Schmedla überlegte sich, ob er seinen Namen zu tschechisch ausgesprochen hatte, während er an einem freien Pinselloch in seiner Rafflesie herumpopelte.

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