Warum es nicht gut ist, wenn man zuviel Zeit mit sich selbst verbringt

Eines Tages wacht man auf und die Zahnreihen passen nicht mehr aufeinander. In den vielen Nächten, die die Zähne aufeinandergepresst verbracht haben, haben sie sich auseinander gelebt. Scharfe Worte sind gefallen, einer hat den anderen geboxt und der dritte verließ türenknallend die Wohnung. Man wacht mit Muschelkalk zwischen den übrig geblieben, zerknirscht dreinblickenden Zähnen auf und fragt sich, was man verpasst hat, in all den Stunden, in denen man damit beschäftigt war, darüber nachzudenken, ob das Zurückziehen des Wassers am Ufer des Zürichsees einen drohenden Tsunami ankündigen würde oder nicht.

Nicht nur den Zähnen geht es so, auch allen anderen: den Haaren, den Zehen, den Hosenbeinen, den Schleimhäuten. Sie alle verbringen zuviel Zeit miteinander auf engem Raum bis es irgendwann nicht mehr geht. Der Kopf überhaupt ein einziges Parlament voller sich prügelnder Männer mit ungewaschenen Händen.

Wie in vielen Situationen hilft manchmal dann nur ein Krieg, um von der eigenen inneren Instabilität abzulenken. Krieg alleine zu führen ist aber höchst unbefriedigend. Doch nicht immer stehen andere Körperstaaten für Krieg zur Verfügung. Glückliche Menschen, die auf einem Menschenkontinent aus vielen Kleinstaaten leben. Andere wohnen auf einer Insel mitten im Pazifik und selbst das Postboot kommt nicht mehr, seit es das Internet gibt.

Viele vernünftige Menschen halten sich aus diesem Grund Imaginierte Andere Menschen. Imaginierte Andere können einem helfen, zuträgliches Verhalten einzustudieren, das einen davon abhält, mit einem Regenschirm wild um sich zu schlagen ohne jemals einen aufrührerischen Selbstinsassen zu treffen. Der Regenschirm schneidet nur durch Luft, die man erst in der Nachmittagssonne als Pudding im Wohnzimmer sehen kann, der Regenschirm macht ffffft, ffffft und der Arm ermüdet unbefriedigend rasch.

Imaginierte Andere schalten Auto- und Küchenradios ein und wünschen sich unerträgliche Musiksender. Das Radio wurde erfunden, um einsame Menschen zu bestrafen. Mit dem Radio wächst man am morgendlichen Elterntisch auf, es läuft und läuft; später hört man eine Weile lang nur noch selbstgewünschte Musiktitel und das Radio ist zurückgedrängt auf Wartezimmer, Supermärkte und lange, internationale Busfahrten. Wenn man aber zu lange alleine mit sich selbst ist, tritt hier der Imaginierte Andere auf und schaltet das Radio ein: Warum sich allein selbst zermartern wenn man sich doch so leicht in ein Imaginiertes Ärztewartezimmer begeben kann.

Imaginierte Andere erteilen auch gerne Aufträge, die sie pädagogisch wertvoll nennen. Der Müll muss runtergetragen werden, das Geschirr abgewaschen, die Teppichfransen gekämmt. Ein Teppich mit Teppichfransen muss angeschafft werden, um Fransen kämmen zu können, denn wo keine Fransen sind, kann der Imaginierte Andere nicht anordnen, diese zu kämmen. Der Imaginäre Andere ist ja nicht blöd. Es ist alles zu deinem Besten, sagt der Imaginierte Andere, kämm jetzt endlich die Fransen und hör auf, nachzudenken.

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