Warum sich viele Eltern für eine Maus entscheiden

Seit der Einführung der verpflichtenden postnatalen Entscheidung über Kind oder Maus entscheiden sich immer mehr Eltern für Mäuse. Mäuse, das betonen auch gerne die beratenden Ärzte, sind einfach pflegeleichter. Mäuse brauchen keine genderkonforme Kleidung, Mäuse wachsen wenig, Mäuse schießen keine Gegenstände durch Wohnungen. Mäuse, so der beratende Arzt, sind die ideale Alternative für Kinder, die 50 cm im Jahr wachsen, ständig erbrechen und Kindergartenfreunde haben, für die man Snacks bereithalten muss. Mäuse, betonen die beratenden Ärzte gerne, fallen nicht in die Schulpflicht, Mäuse essen bereitgestelltes Gemüse sehr gerne; wenn man eine Maus nicht verlieren möchte, so sperrt man sie einfach in einen Käfig. Versuchen Sie das einmal mit einem Kind, sagt der Arzt. Sie müssen allerdings bedenken, fügt die beratende Ärztin nach einer Weile hinzu, dass die durchschnittliche Lebensspanne einer Maus doch um einiges geringer ist als die eines Kindes. Ihre Maus wird sehr schnell erwachsen werden, sagt sie, aber wenn Sie es nicht unbedingt wünschen, wird sie sich bis an ihr Lebensende nicht selbstständig machen.

Einige Minuten also, nachdem die Eltern mit dem Gebären fertig geworden sind und erwarten, dass man ihnen das abgetrocknete Kind auf den Brustkorb legt wie eine alte Katze, steht die Hebamme, das Kind vor sich gestreckt, in sicherer Entfernung und sagt: N-n, zuerst die Frau Doktor mit der Frage. Die beratende Ärztin tritt mit Informationsblättern ins Zimmer ein und klärt die Eltern auf. Die Entscheidung kann nur in Sonderfällen aufgehoben werden und meist erst nach jahrelanger Psychotherapie, sowie vielen Behördengängen. Wenn Sie sich für die Maus entscheiden, dann leben Sie ab jetzt mit einer Maus. Wenn Sie sich für das Kind entscheiden, dann habe ich hier noch ein Formular, tragen Sie bitte ganz oben rechts den Namen des Kindes ein. Nein, eine Maus benötigt keinen Namen, ein weiterer Vorteil, Sie können ihr zwar einen Spitznamen verabreichen, es stört aber nicht, wenn Sie sie einfach Maus nennen, das machen immerhin die meisten so.

Die Eltern, nach dem Referat des Arztes eingeschüchtert und verstrickt in Vorstellungen, die pubertierende rotwangige Jungen, einen leergeschwappten Swimmingpool an Deck eines Kreuzfahrtschiffes und kindergesicherte Mobiltelefone involvieren, sehen einander an, nicken und einer sagt leise und bedächtig: die Maus, bitte. Der Arzt deutet darauf der Hebamme, die das Kind aus dem Zimmer trägt. Später kommt sie zurück, eine kleine Schachtel in den Händen, die oben zugeklebt ist und in die Luftlöcher hineingestochen wurden. Es ist eine Schachtel für Arzneimittel, aber natürlich befinden sich keine mehr darin, sondern: eine Maus, ein kleiner Ballen getrocknetes Gras und einige verstreute Sonnenblumenkerne. Die Kopie des Informationblattes A wird den Eltern nach der Unterschrift ausgehändigt, darauf Ernährungshinweise und Empfehlungen zur Einrichtung eines Käfigs. Sie können die Maus natürlich auch frei herumlaufen lassen, sagt die Ärztin, aber passen Sie auf mit Ihrem Staubsauger und etwaigen anderen Tieren.

Eineinhalb Tage nach der Geburt dürfen die Eltern dann das Krankenhaus verlassen. Derjenige, der nicht die Autoschlüssel in der Hand trägt, trägt die Maus in ihrer Schachtel. Es ist unangenehm, in dieser Luftlochbox zu leben, denken die Eltern, die schon das erste Band zu ihrer kleinen Maus knüpfen, aber wir sind ja gleich zuhause und dann fängt das richtige Leben an.

Nachdem die Eltern sich mit ihrer Maus im neuen Leben eingelebt haben, können sie das alte wieder aufnehmen. Der Vorteil von Mäusen, sagte der Arzt, ist, dass sie wirklich auch einige Stunden unbeaufsichtigt bleiben können. Wenn beide Elternteile sich zufällig am Heimweg von der Arbeit am Briefkasten treffen, so lächeln sie sich zu und einer sagt: es ist schon besser so. Stell dir vor, jemand hätte den ganzen Tag… Und sie schleichen auf Zehenspitzen in die Wohnung, denn manchmal kam es bereits vor, dass die Maus bei ihrer Rückkehr geschlafen hatte. Dann fotografierten sie sie leise und luden das Bild ins Internet, damit andere Eltern sehen konnten, was für eine friedliche kleine Maus sie haben.

Wenn sie mit anderen Eltern reden, durchfährt es sie manchmal wie ein vibrierendes Telefon, das man in seiner Hosentasche vergessen hat, wenn diese von Emma oder Louis erzählen. Sie müssen es abschütteln, stoßen meist ein hastiges „Haha, was unsere kleine Maus letztens gemacht hat, also das war so…“ aus. Die Augenlider der anderen Eltern kippen dann leicht an den Horizont. Über Mäuse kann man leicht reden, wenn sie noch jung sind. Bleiben die einen Eltern mit den anderen Eltern befreundet, bis die Kinder der anderen Eltern die Volksschule besuchen, so kommt es manchmal zu peinlichen Gesprächen. Plötzlich ist von keiner Maus mehr die Rede. Als hätte es nie eine Maus gegeben, als wären die letzten Dinkelflocken unter dem Sofa hervorgekehrt, so wenden sich die Eltern den Namen der Kinder in der Nachbarschaft zu. Manchmal an brummenden Spätsommertagen senkt ein Elternteil dann seine Stimme und sagt: wir haben unlängst den Antrag eingereicht, es kommen jetzt schwierige Jahre auf uns zu, aber am Ende lohnt es sich vielleicht. Man kann nicht für immer eine Maus haben, sagen sie, das war uns ja schon zu Beginn bewusst. Wisst ihr denn überhaupt den Namen, fragt dann ein Teil der anderen Eltern und fügt hinzu: Also, wenn es meines wäre und ich wüsste den Namen nicht, ich würde da für immer misstrauisch bleiben.

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