Warum kein Mensch je komplett ist

Ich bin mit all meinen Eizellen auf die Welt gekommen. Die zweiten Zähne haben in mir geschlafen, die meisten, um zwanzig oder dreißig Jahre später entfernt zu werden. Meine Eizellen kullern aus mir heraus. Wenn ich google, finde ich heraus, dass ich nicht komplett bin, da ich in einem Mutterbauch zu zweit geschlafen habe. Wie jeder von uns, dem sich nachts Kälte zwischen die Zehen drängt und ein nicht herzsynchrones Zittern ins Rippengehäuse. Wir waren alle Zwillinge, irgendwann einmal, sagt das Internet.

Mir ist jedes fehlende Fingerglied, das ich je gesehen habe, in Erinnerung geblieben. Jedes neue fehlende Fingerglied, das ich an einer Hand bemerke, erinnert mich an die vorangegangenen. Ich habe noch niemanden mit überzähligen Fingergliedern bemerkt. Vielleicht gibt es keine Obergrenze. Die Menschen dehnen sich aus: plötzlich haben sie mehr Taschen, einen Rucksack voller gestohlener Nasen und eine Schulklasse in Zweierreihe hinter sich, die zu ihnen gehört wie mein Zahnschmelz zu mir.

Menschen wachsen wie Gesamtausgaben, lange bevor sie herausgegeben werden. Später findet man noch einen verschollen geglaubten Briefverkehr: er wird minimalinvasiv herausoperiert. Wenn man lange nebeneinander liegt, wächst man zusammen, sofern man keinen Kanal gebaut hat. Man hört nie von diesen Fällen, denn auch die Zusammengewachsenen empfinden sich nicht als komplett: Während der eine nach seiner Brille greift, geht ein Ruck durch den anderen und der Spazierstock fällt aus dem Bett.

Menschen sind auch deshalb niemals komplett, weil es zweimal die gesamte Lebensdauer benötigen würde, um jeden Kubikzentimeter seines Körpers zu entdecken. Dabei geht es gar nicht um den Rücken. Menschen leben achtzig Jahre, ohne all ihre Lymphknoten verorten zu können. Viele haben noch keinen Sonnenhund gesehen. Sie sind erstaunt, wenn man ihnen welche zeigt. Man kann sich selbst monatelang in Aufregung versetzen, in dem man seinen Körper genau unter die Lupe nimmt. Alle Muttermale dieser Welt sind merkwürdig, wenn man nur lange genug hinsieht. Auf all unseren Wangen wächst Haar. Unsere Haut ist ein Gehsteig, den die Wurzeln immer größer werdender Bäume aufbrechen, daneben stehen Mopeds, abgedeckt in Regenplanen: wer sagt, dass dies kein Talgknödel ist; wer weiß, ob das nicht ein überzähliger Knochen ist, der so hell ist, dass man erschrickt, wenn er durch die Haut schimmert.

Niemand ist je komplett: Während vorne die Briefmarken sortiert werden, fallen hinten die Haare aus. Während jemand mit seiner rechten Hand an der linken die Fingernägel schneidet, passt er einen Moment nicht auf, dehnt seine hohle Handfläche zu weit auf und ein kleiner Zwilling fällt heraus, rollt unter das Regal und ist auch mit eindringlichem Flehen nicht mehr darunter hervorzuholen.

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