Warum Schornsteinfegern soviel Wohlwollen entgegengebracht wird

Schornsteinfegern wird immer sehr gerne Wohlwollen entgegengebracht, da sie die Menschen an ihre Kindheit erinnern. Die Kindheit besteht aus rosa Pappmachéköpfen auf schwarzen Kegeln, mit schwarzem Zylinder auf dem Kopf und geringeltem Draht mit Bürste und Mundstück in der Hand, dazu ein kopfgroßes Kleeblatt in der zweiten und ein halbkopfgroßer Fliegenpilz in der dritten Schornsteinfegerhand. Manchmal steht er auf einem goldenen Hufeisen, das manchmal aus Schokolade besteht und manchmal aus eingewickeltem Karton. Manchmal hat er eine Leiter auf den Rücken geschnallt.

Die kleinen Schornsteinfeger stehen in der Kindheit um das Bett herum und markieren Feiertage. Wo Schornsteinfeger sind, sind Supermarktkassen. Schornsteinfeger weisen auf die Sternschnuppennächte der Jahreszeiten hin, in denen der Himmel bewölkt bleibt. Schornsteinfeger halten den Pfeifenputzersamt in Schach und wischen nachts den Staub von glänzenden Marzipanschweinrücken. Kindheitserinnerungen bestehen daraus, sich kleine Schornsteinfeger in die Nase zu stecken, um zu sehen, ob es geht. Manchmal bleibt dabei der Hut in der Nase stecken und der Schornsteinfeger fällt ab, das Innere des Hutes aber ist hohl und kann wie der Naseninnenraum, der jetzt vom Hut ersetzt wird, bebohrt werden. Dabei kann der Fingernagel über die trockenen Klebstoffreste, mit denen der Schornsteinfegerhut an den Schornsteinfegerkopf befestigt war (aber nicht allzu gut), kratzen, so als ob es sich um echte Nasenrammel handeln würde.

Schornsteinfeger im Erwachsenenalter und in angemessener Größe tragen keine Pilze und Kleeblätter mit sich, auch der Hut ist nicht zylindrig. Dennoch sind sie für die Erwachsenen noch die Schornsteinfeger von damals, denn sie tragen ihren Schornsteinfegedraht, mit einem Puschel an dem einen und einem Mundstück an dem anderen. Jeder Erwachsene träumt davon, der Schornsteinfeger würde zu ihm nach Hause kommen, das Kamintürl öffnen und den Draht einführen. Der Schornsteinfeger würde seinen roten Filzstiftmund an das Mundstück des Drahtes legen und frrrrt, frrrrrt machen, das kleine Bürstchen am Ende würde sich im Kamin zu drehen beginnen und all die alte Asche würde durch das offene Kamintürl dem Schornsteinfeger auf sein Pappmachégesicht stauben und er müsste so herzlich lachen, dass er sich den Bauch halten und vornüber kippen würde und sich mit der auf den Rücken geschnallten Leiter an der Bodenleiste verhaken würde. Man müsste ihn dann sanft an den Klebestellen auseinandertrennen, befreien und wieder zusammenkleben.

Die meisten Erwachsenen allerdings haben keinen aktiven Kamin mehr und treffen Schornsteinfeger nur noch in den Straßen. Manchmal ist weit und breit kein Schornsteinfeger zu sehen, aber sein Schornsteinfegerpustedrahtgeringel lehnt vor einem Café an der Hausmauer. Dann schläft woanders ein Kind unter einer unzureichenden Sammlung von alten Schornsteinfegern, deren Kleeblätter sich langsam wie ein Milchzahn vom Gewebe lösen und im Luftzug baumeln; der gesuchte Schornsteinfeger wurde dorthin geschickt und vergaß dabei auf seinen Draht.

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