Warum Menschen gerne Dinge fallen lassen

Wir leben mit der Gravitation. Wir leben zwischen zwei Schichten, von denen uns eine glücklicherweise sehr nahe ist, denn meistens stehen wir darauf – die andere Schicht ist weit weg, wir erkennen nur Wolken und Flugzeuge. Verliert man während einem Spaziergang seinen Ballon und ist dieser mit Helium gefüllt, so fliegt er bald so weit in die Höhe, dass man ihn nicht mehr erkennen kann. Er könnte überall sein: er ist eine Sternschnuppe in einem Nachthimmel, in den man zu lange und unter Blinzeln geschaut hat und zwischen den Wimpern Sternschnuppen verliert, die es nie jemals gegeben hat. Wenn etwas nach unten fällt, kann man es meist besser erkennen.

Wenn sie nicht gerade gestolpert waren, haben Menschen die Gravitation schon immer sehr gerne gemocht. Man beginnt schon im Säuglingsalter damit, Dinge fallen zu lassen. Sie fallen runter. Das ist toll. Manche Dinge bleiben ganz und kullern, andere Dinge zerbrechen. Wenn Menschen groß sind, setzen sie manchmal Wassermelonen Fahrradhelme auf und lassen sie von Hochhäusern fallen. Hochhäuser sind ohnehin zumeist von fallen gelassenen Gegenständen umrandet. Zu groß die Versuchung, Apfelbutzen, Puppentassen, abgebrannten Sternspritzern und Brachiosauren, die ein Luftloch in ihrem Maul haben und „k-chü k-chü“ beim Drücken machen, beim Fallen zuzusehen. Fensterbretter wurden an Hochhäusern installiert, um darauf Warteschlangen von Gegenständen, die bald herunterfallen würden, bilden zu können.

In die andere Richtung ist es mühsamer, Dinge fallen zu lassen, aber auch das wurde seit Menschengedenken kräftig ausprobiert. Papierflugzeuge und Flugzeuge selbst sind zu diesem Zweck erfunden worden.

Das 18. Jahrhundert schließlich war die Blütezeit des Fallenlassens in beide Richtungen und auch diagonal. Besonders Jean-Pierre Blanchard fuhr gerne mit dem Ballon in die eine Richtung, um dann von oben Tiere in die andere Richtung fallen zu lassen. In Basel ließ er seinen Hund fallen, in Hamburg ein Schaf, das vielleicht niemandem gehört hatte, und in Wien ließ er Kaninchen in Körben und Kormorane aus seinem Ballon fallen. Jedem hatte er einen kleinen Fallschirm gebastelt und alle landeten, ohne es zu merken. Seinem Publikum wurde das mit der Zeit zu langweilig, deswegen musste er sich selbst ebenfalls hinabstürzen, um noch etwas Aufmerksamkeit zu generieren. Er hatte auch einen Fallschirm.

Auch Frauen durften sich aus Ballons hinabfallen lassen, aber nur verehelichte.

In der Moderne schließlich wurde es eine eher unauffällige Privatangelegenheit, Dinge in eine der beiden Richtungen fallen zu lassen. Das Sujet des Hinab- und Hinauffallens hat sich in den Alltag geschlichen und wird nicht mehr als solches wahrgenommen. Teller etwa gehen oft nur unter einem kurzen Ausruf kaputt, Beobachter empfinden allerdings in ihrem Inneren beim scheppernden Aufprall eines Tellers am Boden mehr als nur das bekundete kleine Bedauern des Bruchs. In Wahrheit stehen sie während jedem herabstürzenden Teller an der Kante eines Hochhausdaches und werfen Marmeladegläser, die unten in Zeitlupe zerbersten und einen Marmeladenhubschrauberlandeplatz hinterlassen. Schnurrbärtige Menschen kauften sich ferngesteuerte Flugzeuge und insgeheim warteten sie während jedes Ausflugs nur darauf, das Flugzeug herabfallen zu sehen. Andere wiederum haben das Tontaubenschießen erfunden oder sich der Faszination der fliegenden Palatschinke angenommen, die ja auch mit wenig Aufwand und Umsicht pfannennah gewendet werden könnte.

Die Erde wird seit Jahren von der International Space Station umkreist. Hinter der Space Station leuchten unbemannte Projekte ein bisschen den dunklen Rest der Welt aus und manchmal leuchten Schatten zurück von Menschen, die bis zum Mond gekommen sind. Die ISS ist am momentan menschenmöglichst entferntesten Ort von Personen, die nach acht aufgekratzten Rubbellosfeldern noch immer hoffen, das neunte würde ihnen einen großen Gewinn bringen und Personen, die entnervt aufseufzen, weil das aufgedruckte Datum auf ihrem Joghurt das von gestern ist. Trotzdem handelt fast jedes Video, das je in der ISS aufgenommen wurde, von Orangen, Kugelschreibern und Tortillawraps, die für immer nicht herunterfallen.

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